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Mehr Aufmerksamkeit für Kinder aus Sucht-Familien

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erstellt am 28.Aug.2012 | 11:14 Uhr

Schwerin | Kinder aus Sucht-Familien sollen stärker in den Blickpunkt der Jugend- und Familienhilfe rücken. "Den Kindern fehlt es häufig an allem, was sie für ein gesundes Aufwachsen brauchen", sagte die Geschäftsführerin der Landesstelle für Suchtfragen in Mecklenburg-Vorpommern, Claudia Diekneite. Zumeist gehe es um Familien, in denen ein oder beide Elternteile alkoholabhängig seien. Gestern befasste sich eine Tagung in Schwerin mit dem Thema "Kind, Familie, Sucht". Die Kinder müssten Diekneite zufolge oft auf Sicherheit und Geborgenheit verzichten, würden vernachlässigt und nicht versorgt.

Oft übernehmen Kinder die Verantwortung

Der Alltag habe in Trinkerfamilien keine Struktur. "Oft übernehmen die Kinder dann Verantwortung für jüngere Geschwister", sagte sie. In Familien, wo nur ein Elternteil abhängig sei, würden sie dem anderen häufig den Partner ersetzen. "Sie sind damit heillos überfordert." In der Schule hätten solche Kinder oft Probleme, weil sie mit Aufgaben beschäftigt seien, die eigentlich Aufgaben der Eltern seien. Es gebe aber auch Kinder, die trotz schwieriger Familienverhältnisse ein relativ normales Leben führen. Sie hätten eine besondere Widerstandsfähigkeit entwickelt. Das seien allerdings Glücksfälle.

Wie viele Kinder in Mecklenburg-Vorpommern in Trinkerfamilien leben, ist Diekneite zufolge nicht bekannt. Erfasst würden aber die Menschen, die in Suchtberatungsstellen kommen und mit Kindern zusammenleben. Demnach lebten im Jahr 2010 gut 2400 Kinder in Sucht-Familien, 2011 waren es rund 2000. Nach Schätzungen des Bundesgesundheitsministeriums leben in Deutschland 2,65 Millionen Kinder bei alkohol-, drogen- oder medikamentenabhängigen Eltern.

Die Probleme beginnen für manches Kind schon vor der Geburt, z. B. wenn die Mutter in der Schwangerschaft trinkt. "Im schlimmsten Fall müssen die Kinder nach der Geburt sofort zur Entgiftung", sagte Diekneite. Das sei zum Glück selten. Häufig seien die Kinder aber intellektuell eingeschränkt und körperlich schlechter entwickelt.

Den Betroffenen Hilfe zu geben, sei sehr schwierig, gibt Diekneite zu. "Man kann die Eltern nicht ohne weiteres ansprechen. Viele haben ein großes Schamgefühl. Auch alkoholkranke Eltern wollen gute Eltern sein." Beratern stehe es nicht an, ihnen Vorwürfe zu machen. Sie könnten nur versuchen, die Eltern zu motivieren, sich in Behandlung zu begeben. Für ihre Kinder gebe es ebenfalls Angebote. Sie könnten in Gruppen mit betroffenen Gleichaltrigen lernen, wie sich das Verhalten der Eltern bei Sucht verändert, wie sie sich selbst schützen und mit Gefühlen wie Angst und Niedergeschlagenheit umgehen. Ein solches Hilfeprojekt sei das Programm "Trampolin", das der Suchtforscher Michael Klein 2008 ins Leben rief.

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