Hinter die Kulissen geschaut : Mehr als Texte lesen

Henry Gidom ist umgeben von fertigen und unfertigen Büchern.
Henry Gidom ist umgeben von fertigen und unfertigen Büchern.

Lektor Henry Gidom: Wie eine Geschichte zwischen die Buchdeckel kommt

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26. Januar 2016, 12:00 Uhr

Am Anfang ist das Wort, vielleicht erst mal nur eine Idee, ein Gespräch. Dann wird es ein ganzes Manuskript, dazu die Gestaltung. Am Ende steht im Laden ein fertiges Buch. „Das kann alles in allem schon mal länger als ein Jahr dauern“, erzählt Henry Gidom, der seit etwa anderthalb Jahren Lektor beim Hinstorff-Verlag in Rostock ist. „Einen Text lesbarer machen – das ist meine Aufgabe.“ Doch bevor er all die Seiten auf dem Tisch beziehungsweise auf dem Monitor hat, sind andere Schritte zu gehen. „Ich sitze keineswegs nur in meinem Büro, umgeben von Papierstapeln“, sagt Gidom. „Jeder Autor ist ein eigener Typ. Mancher weiß, dass ich nicht an seinen Text herangehe, um ihm meinen Stempel aufzudrücken. Bei anderen Autoren dagegen muss ich sehr vorsichtig sein mit jedem Wort, das ich ändern möchte. Man braucht viel Gefühl für die Menschen, mit denen man so intensiv zusammenarbeitet.“ Schon beim Blick ins Rohmanuskript entdeckt Gidom die Eigenarten des Autors und versucht bei Änderungen, sich an dessen Stil zu halten. „So biete ich ihm praktisch schon Lösungen an. Oder ich mache Kürzungsvorschläge, vielleicht, um die Handlung zuzuspitzen oder spannender zu machen.“ Bei allem bleibt es jedoch der Text des Autors, betont der Lektor. „Die Chemie zwischen uns muss stimmen. Am besten ist Arbeit auf Augenhöhe. Wenn ich mit einem Manuskript überhaupt nicht klarkomme, muss ich das Projekt abgeben.“

Themenvorschläge kommen per Post, Mail oder Telefon zum Hinstorff-Verlag. Nicht alle schaffen es auf den Tisch der beiden Lektoren, u.a., wenn die Idee nicht ins Programm des Unternehmens passt. Außerdem recherchiert Gidom, welche ähnlichen Titel bereits auf dem Markt sind, begleitet Buchvorstellungen oder Lesungen. Er betreut vor allem die Regionalkrimis, Sachbücher und seit neuestem die sogenannten Graphic Novels, also gezeichnete Romane. Manchmal entstehen die Ideen aber auch aus dem Verlag selbst, dann wird ein passender Autor oder Zeichner gesucht. „Ich habe mich mal als Privatperson in einem Comic-Forum angemeldet und dort offensiv nach jungen Zeichnern gesucht, die vielleicht sogar schon was in der Schublade hatten. So habe ich eine tolle Künstlerin entdeckt, deren dreibändige Graphic Novel inzwischen bei uns erschienen ist.“

Der 38-Jährige lernte in seiner Heimatstadt Neubrandenburg Verlagskaufmann, studierte danach Geschichte und Politikwissenschaften und arbeitete in Berlin als Lektor. Bei Hinstorff hat er aktuell mehr als 30 Projekte auf dem Tisch – in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung. Ein Buch, das im Frühjahr 2017 erscheinen soll, müsste im Herbst diesen Jahres komplett geschrieben und lektoriert sein. „Manchmal reicht es, wenn der Text ein- oder zweimal zwischen dem Autor und mir hin und her geht, dann folgt noch die grafische Gestaltung. Bei einem Krimi ist natürlich nicht viel zu gestalten, aber das Layout eines Bildbandes braucht Zeit.“ Schließlich kontrollieren Gidom und der Autor das werdende Buch ein letztes Mal, korrigieren Rechtschreibfehler oder ändern Details. Nun erst geht das Werk in die Druckerei. „Dann lehne ich mich zurück“, lacht Gidom. „Aber nach drei bis vier Wochen haben wir die Palette im Lager, und es ist für mich immer noch aufregend, das erste Exemplar in der Hand zu halten.“ Fällt ihm nun tatsächlich noch ein Fehler ins Auge, kann er sich richtig ärgern. „Aber so sieht man eben, dass daran Menschen gearbeitet haben.“

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