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Ein Kind zur Pflege : Mehr als nur ein Zuhause auf Zeit  

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Elke und Roland Zander haben zweimal zwei Pflegekinder bei sich aufgenommen – und dadurch jetzt plötzlich auch ohne leibliche Kinder eine große Familie

svz.de von
erstellt am 27.Sep.2016 | 12:00 Uhr

Es war das größte Geschenk zum 10. Hochzeitstag von Elke und Roland Zander aus Wendisch Priborn. „An diesem Tag, am 17. Dezember 1992, sind Sabrina und Marcel zu uns gekommen“, erzählt die heute 53-jährige Elke. Jahrelang hatte das Paar vergeblich versucht, eigene Kinder zu bekommen. „Dann wollten wir eins adoptieren – aber dazu waren wir schon zu alt, und überhaupt gab es unmittelbar nach der Wende so gut wie keine Kinder, die zur Adoption freigegeben wurden“, erinnert sich Elke Zander. So reifte ihr Entschluss, ein Pflegekind aufzunehmen.

Dabei ist es etwas grundsätzlich anderes, ein Pflegekind aufzunehmen statt eines zu adoptieren. Pflegekinder sind häufig traumatisiert, sie haben Zurückweisung und Vernachlässigung erlebt, mitunter auch Gewalt, teilweise sexualisierte. Dazu kommen Eltern, die nicht einmal mit ihren eigenen Problemen fertig werden, die trinken, Drogen konsumieren, ständig die Partner wechseln… Das alles hinterlässt Spuren in den Kinderseelen, manchmal auch an ihren Körpern. Wie schnell diese heilen, ist von Fall zu Fall unterschiedlich, manchmal gelingt es nie. Pflegeeltern müssen das ertragen können. Genauso wie sie damit umgehen müssen, dass es auch noch die leiblichen Eltern ihrer Pflegekinder gibt, die mitreden und unter Umständen ihre Söhne und Töchter auch wieder zurückhaben möchten.

Zanders wussten das alles – und wurden doch im Laufe der Jahre immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Dass sie gleich zwei Pflegekinder aufnehmen, war anfangs überhaupt nicht geplant. „Aber es hieß, es seien Geschwisterkinder, die schon so viel herumgereicht worden seien, dass man sie einfach nicht mehr trennen könnte“, gibt Elke Zander das wieder, was Marianne Steinhäuser vom Parchimer Jugendamt ihr damals erzählt hatte. Ihr Mann und sie hätten ja gesagt, konnten gar nicht anders.

Als die sechs und acht Jahre alten Kinder dann nach Wendisch Priborn kamen, hatten sie nichts bei sich außer der Kleidung, die sei gerade trugen. „Gummistiefel hatten sie an – im Dezember“, weiß die Pflegemutter noch heute. Gleich am nächsten Tag sei sie mit beiden einkaufen gefahren. „Das war für die Kinder schon wie Weihnachten. Ich sehe Bina noch zum ersten Mal in einem Kleid tanzen…“

Joghurt, Schoko-Pudding und ähnliche Leckereien lernten die Geschwister erst bei Zanders kennen. Und Liebe, bedingungslose Liebe. Die half, als einige Kinder im Dorf spöttelten, sie wüssten ja, woher Sabrina und Marcel kämen: aus dem Heim. Sie half, als es in der Schule problematisch wurde, als in der Pubertät plötzlich auch Widerworte fielen – und die Eltern Strenge zeigen mussten. „Es gab Situationen, da wusste ich nicht weiter“, gesteht Elke Zander, deren Mann damals in der Woche auswärts arbeitete. „Ich hab mir die beiden dann am Wochenende beiseitegenommen und mit ihnen geredet, geredet, geredet“, sagt Roland Zander. „Meist hat das geholfen.“

Wenn nicht, baten die Eltern im Jugendamt um Unterstützung. „Auch der Pflegeelternverein hat mir in solchen Situationen weitergeholfen“, gesteht Elke Zander. Und wenn es ganz schlimm war, habe sie sich gesagt: „Was wird aus ihnen, wenn du jetzt aufgibst…“

Heute sind die Pflegeeltern stolz darauf, dass beide Kinder Schule und Berufsausbildung abgeschlossen haben. Inzwischen sind sie selbst Eltern und „achten immer darauf, dass es ihren Kindern gut geht und dass der Kühlschrank nie leer ist“, wie Elke Zander erzählt.

Schon nach wenigen Tagen hätten die beiden Mama und Papa zu Elke und Roland Zander gesagt – „obwohl sie immer wussten, wo sie herkommen“, betont die Pflegemutter. So hätte sie dafür gesorgt, dass die beiden ihre vier anderen Geschwister regelmäßig sahen. Und auch zur leiblichen Mutter hielten die Pflegeeltern bis zu deren frühem Tod Kontakt. „Wenn wir sie besuchten, hat sie sich immer dafür bedankt, dass es ihren Kindern bei uns so gut geht.“

Als sie volljährig wurden, nahmen sowohl Marcel als auch Sabrina den Namen ihrer Pflegeeltern an – schöner hätten sie ihnen wohl kaum für die Starthilfe ins Leben danken können. Oder doch? „Als Sabrina in die Ausbildung ging, sagte sie zu mir: Frau Steinhäuser, Mutti und Vati brauchen noch ein Kind“, erzählt die Jugendamts-Mitarbeiterin, die sich bis heute um Pflegeeltern und -kinder im Altkreis Parchim kümmert. Zanders waren selbst nicht abgeneigt – und so zogen im Juni 2004 Lukas und Bryan, sechs und sieben Jahre alt, bei ihnen ein. „Das sind ganz andere Charaktere als die Großen“, sagt Roland Zander. „Hätten wir nicht schon Erfahrungen mit Pflegekindern gehabt, hätten wir das wohl nicht geschafft“, meint seine Frau.

Lange standen die Jungen jede Nacht neben dem Bett der Pflegeeltern – aus Angst, wieder alleingelassen zu werden. In der Schule und im Dorf dagegen kehrten sie die „harten Kerle“ heraus – auch das und so manche Kritik von Außenstehenden mussten Zanders aushalten. Trotzdem schlossen auch diese beiden Pflegekinder die Schule ab, beide erlernen inzwischen einen Beruf. „Als auch der Kleine letztes Jahr in die Lehre ging, war das schon komisch“, meint Elke Zander. „Da war plötzlich so eine Leere…“

Nachdem sie jahrelang zu Hause war, um Mann und Kindern den Rücken freizuhalten, habe sie sich deshalb nun wieder eine Saisonbeschäftigung gesucht.

„Es war eine anstrengende, aber auch eine schöne Zeit“, blickt Roland Zander zurück. „Ich möchte die vier nicht mehr missen.“ Seine Frau sieht das genauso. Auch wenn sie keine leiblichen Kinder hätten, hätten sie jetzt doch eine große Familie, zu der sogar schon drei Enkel gehören. Ein größeres Geschenk, so Elke Zander, könne es gar nicht geben.

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