Stralsunder Meeresmuseum : Meeresschildkröten auf Diät

Der Panzer der Schildkröte ist der Spiegel ihrer Gesundheit: Tierarzt Dieter Göbel untersucht eine 1965 geborene weibliche Unechte Karettschildkröte bei der alljährlichen Tierschau.  Fotos: Jens Büttner
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Der Panzer der Schildkröte ist der Spiegel ihrer Gesundheit: Tierarzt Dieter Göbel untersucht eine 1965 geborene weibliche Unechte Karettschildkröte bei der alljährlichen Tierschau. Fotos: Jens Büttner

Gesundheitscheck und Beauty-Kur im Stralsunder Meeresmuseum: Alljährlich prüft Tierarzt Dieter Göbel die Tiere auf Herz und Nieren

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05. März 2015, 20:04 Uhr

Wenn Tierarzt Dieter Göbel die fünf Meeresschildkröten des Stralsunder Meeresmuseums untersucht, springt er nicht mit Taucherbrille ins Becken. Die Patienten müssen zu ihm ins Untersuchungszimmer neben dem Aquarium. Doch bevor die Urzeit-Reptilien auf dem Untersuchungstisch liegen, ist Psychologie und Kraft im Tropenbecken gefragt: Taucher Mirko Becker packt die große Suppenschildkröte am Panzer und lenkt sie an den Rand des Aquariums. Dort hieven vier Tierpfleger den Giganten an Land.

Einmal im Jahr müssen die ansonsten elegant im Wasser schwimmenden Tiere zum Gesundheitscheck an Land. „Es ist ein Vorsorgeprogramm, um mögliche krankhafte Veränderungen frühzeitig zu erkennen“, sagt Göbel. Die Schildkröten werden gewogen und vermessen, dann tastet der Veterinär den Unterbauch ab, nimmt Tupferproben aus Rachen, Augen, Maul und Kloake. Dazu kommen ein Pflegeprogramm für Panzer und Haut sowie eine Ultraschalluntersuchung. „Der Panzer ist bei der Schildkröte der Spiegel der Gesundheit“, sagt der Fachmann. Veränderungen an den Hornplatten oder in den Fugen lassen auf Mangelernährung oder Infektionen schließen.

Doch Göbel gibt Entwarnung: Den Tieren geht es gut – den beiden Suppenschildkröten sogar zu gut. Beim Abtasten des Bauchs fühlt er wachsende Fettdepots und schüttelt mit leichtem Stirnrunzeln den Kopf. Innerhalb eines Jahres haben die beiden lebenden Fossilien mächtig zugelegt. Das seit 1986 im Museum lebende Weibchen - einst Geschenk des kubanischen Fischereiministeriums - um 8 auf 80 Kilogramm, das andere Weibchen um knapp 5 auf 109 Kilogramm.„Wir bleiben bei Mischkost aus Fisch und Salat, erhöhen aber den Anteil an Blattsalat deutlich“, sagt Göbel.

Pflegerin Sigrid Wewezer trägt die Daten ins Buch. Schon für die nächste Fütterung heute wird sie mehr Grün auf die Speisekarte der beiden Tiere setzen. Die Reptilien werden sich daran nicht stören, ist sie überzeugt. „In freier Natur ernähren sich die Tiere ja auch hauptsächlich von Seegras und Algen.“ Die streng geschützten Meeresschildkröten gehören zum Stamminventar und zu den Publikumslieblingen des Museums. Mit einer Evolutionsgeschichte von mehr als 225 Millionen Jahren gelten diese Schildkröten als faszinierende Relikte vergangener Zeiten, die sogar die Dinosaurier überlebten.

Vor 30 Jahren kam die Unechte Karettschildkröte aus dem Berliner Tierpark nach Stralsund, ein Jahr später folgte das Geschenk aus Kuba. Die drei anderen Tiere (eine Suppenschildkröte, eine echte und eine unechte Karettschildkröte) wurden einst illegal nach Deutschland eingeschleust und vom Zoll beschlagnahmt.

„Das Meeresmuseum ist Auffangstation für beschlagnahmte Tiere oder Tiere aus Aquarien, deren Becken zu klein sind“, sagt Aquarienleiterin Nicole Kube. Doch mit fünf Tieren ist die Kapazität des 350  000 Liter-Beckens mit künstlichem Strand ausgeschöpft.

Weltweit gibt es sieben Meeresschildkrötenarten – davon werden drei in Stralsund gezeigt. „Wer Schildkröten zeigt, nimmt eine große Verantwortung auf sich“, berichtet Kube. Die Tiere werden schätzungsweise 80, vielleicht sogar 100 Jahre alt. „Aquarien nehmen deshalb Schildkröten nicht mehr so gern“, sagt Kube.

Alle Meeresschildkröten gelten laut WWF in ihren Beständen gefährdet. Schätzungen zufolge landen rund 250  000 Tiere pro Jahr ungewollt in Fischereinetzen. Dazu kommt der Plastikmüll. Die Tiere verwechseln durchsichtiges Plastik mit Quallen, die zur Nahrung der Tiere gehören.

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