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Gustav-Lübcke-Museum : Meer, Moor und Malweiber

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Aus der Onlineredaktion

Das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm widmet sich Künstlerkolonien des Nordens. Von Ferch und Schwaan bis zu Hiddensee und Worpswede

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erstellt am 30.Jan.2017 | 12:00 Uhr

Ohne die Erfindung der Farbtuben hätte es Künstlerkolonien wahrscheinlich nie gegeben. Das Malen in der freien Natur wäre ohne sie viel zu mühsam gewesen. Die Freilichtmaler von Barbizon machten Mitte des 19. Jahrhunderts den Anfang. Um die Jahrhundertwende schossen Künstlerkolonien dann wie Pilze aus dem Boden. Alleine in Deutschland gab es seinerzeit bis zu 30 von ihnen. Nicht jeder war davon begeistert.

Der alte Gerhart Hauptmann auf Hiddensee fühlte sich in seinem Sommerhaus durch den 1922 gegründeten Künstlerinnenbund gestört und wetterte im Tagebuch gegen Henni Lehmann und ihre Blaue Scheune: „Es ist ein ekelhaft bekrochenes Eiland geworden. Ein dickes Weib hat eine Villa errichtet, und malt frech vor der Tür mit zwei Zentnern am Leibe. Fürchterlich!“

Immer mehr Maler flohen gegen Ende des 19. Jahrhunderts vor der Zivilisation und der zunehmenden Industrialisierung. Unter Gleichgesinnten wollten sie ein einfaches Leben führen, weit weg von den Kunstakademien mit ihren engen Vorstellungen. Otto Modersohn brachte es auf den Punkt: „Fort von den Akademien, nieder mit den Professoren und Lehrern, die Natur ist unsere Lehrerin.“ Bei den einfachen Menschen wollten die Maler zu ihren Ursprüngen finden. Nebenbei war das Leben auf dem Land auch billiger als in der Stadt.

Das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm präsentiert in der Schau „Lieblingsorte – Künstlerkolonien“ jetzt sieben Kunstzentren des Nordens. Neben Worpswede, Hiddensee und Ahrenshoop sind auch die weniger bekannten Kolonien Schwaan, Nidden, Heikendorf und Ferch zu entdecken.

Mehr als 80 Gemälde von 40 Künstlern. Verträumte Moorlandschaften von Fritz Overbeck, blühende Obstgärten von Rudolf Bartels, verschlafene Dörfer von Franz Bunke und Abendstimmungen über dem Meer von Karl Lorenz Rettich. Der Rundgang durch die von Direktorin Friederike Daugelat kuratierte Schau wird zu einem Kurzurlaub an der See.

Fast zum Synonym für Künstlerkolonien geworden ist Worpswede. 1889 kamen Fritz Mackensen und Otto Modersohn in das 30 Kilometer nordöstlich von Bremen gelegene Teufelsmoor und mieteten sich zunächst im Gasthaus ein. Dort flogen sie bald raus, weil der Wirt vermutete, dass die immer klammen Künstler von ihrer Kost ihren Hund gleich mit durchfütterten. Die Maler mieteten sich in Bauernkaten ein, die so beengt waren, dass sie ihre Kleider in Obstbäume hängten. Bald zogen Fritz Overbeck und Hans am Emde nach Worpswede. Der Barkenhoff von Heinrich Vogeler wurde zum kulturellen Zentrum. Da Frauen bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nicht an Akademien studieren durften, kamen auch immer mehr „Malweiber“. Sie lernten bei den Malern und heiraten diese nicht selten wie Paula Modersohn-Becker oder Hermine Overbeck-Rohte.

Ebenfalls in Schleswig-Holstein gelegen, an der Kieler Förde, befindet sich das Örtchen Heikendorf. Vielleicht die unbekannteste der sieben Kolonien. Um 1900 entdeckte eine Künstlergruppe um Heinrich Blunck das Ostseebad. 1923 heiratete Blunck die Tochter des dort lebenden Sanitätsrates und kaufte sich ein Haus mit Garten. Werner Lange, Georg Burmester, Rudolf Behrend und Oskar Droge folgten. Während ihre Ateliers im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, ist Bluncks Haus seit 2000 zugänglich und bildet das Herz der Künstlerkolonie.

Weiter im Osten  gilt das 20 Kilometer südlich von Rostock gelegene Schwaan als das „mecklenburgische Worpswede“. Als Sohn eines Mühlenbauers dort aufgewachsen, kehrte der Maler Franz Bunke während des Studiums in Weimar, wo er später selbst einen Lehrauftrag erhielt, mit Schülern immer wieder dorthin zurück. Der talentierteste der Gruppe, Rudolf Bartels, wurde 1872 in Schwaan sogar geboren. Bis zum Ersten Weltkrieg existierte die Künstlerkolonie, die später fast vergessen wurde. Erst durch eine Ausstellung in Schwerin anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens wurde sie 1992 wiederentdeckt. Heute lädt in Schwaan die Kunstmühle Besucher ein.

Wesentlich bekannter ist das auf dem Darß gelegene Ahrenshoop. 1889 entdeckten die Maler Paul Müller-Kaempf und Oskar Frenzel bei einer Wanderung vom Hohen Ufer in Althagen aus das Fischerörtchen. Es wirkte auf sie wie aus einer anderen Zeit. Drei Jahre später gründen sie eine Künstlerkolonie. Weil kein Mensch das Dörfchen kannte, signierten sie ihre Bilder anfangs mit „Ahrenshoop bei Wustrow“. Um zu überleben, malte Müller-Kaempf Postkarten, die er an Reisende verkaufte, und gründete die Malschule St. Lukas. Mit Theodor Schorn eröffnete er 1909 den „Kunstkaten“, die erste Galerie in Ahrenshoop. Elisabeth von Eicken schloss sich der Kolonie an. Friedrich Wachenhusen baute sich ein Atelierhaus. Um 1900 erlebte Ahrenshoop einen regelrechten Boom. „Wohin man schaute, überall saß jemand zeichnend auf einem Stühlchen oder stand vor einer Staffelei“, notierte die Schriftstellerin Käthe Miethe. In der DDR ernannte Johannes R. Becher den Ort zum „Bad der Kulturschaffenden“. Seit 2014 knüpft das Kunstmuseum Ahrenshoop an die alte Tradition an.

Auch im brandenburgischen Ferch erinnert heute wieder ein kleines Museum mit Werken von Karl Hagemeister, Siegward Sprotte und Theo von Brockhusen an die Havelländische Malerkolonie, die sich nach 1900 am schönen Schwielowsee ansiedelte.

Nicht ganz so glücklich erging es dem heute in Litauen gelegenen Nidden, wo Ernst Mollenhauer 1920 die Wirtstochter Hedwig Blode heiratete, in deren Gasthof er die Künstlerkolonie gründete. Den Bildersturm der Nazis, die seine Gemälde als „entartet“ bezeichneten, konnte Mollenhauer noch verhindern. Als die Rote Armee aber einmarschierte, verheizte sie seine Bilder in einer Sauna.

 
Lieblingsorte – Künstlerkolonien. Gustav-Lübcke-Museum Hamm, Di - Sa 10-17 Uhr, So 10-18 Uhr, bis 21. Mai
 

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