Schweriner Autor Lutz Dettmann : Mecklenburger mit Estland im Herzen

                             Der Mecklenburger Autor Lutz Dettmann in seiner Bibliothek
1 von 2
                             Der Mecklenburger Autor Lutz Dettmann in seiner Bibliothek

Die wechselvolle Historie von Esten und Deutschen bringt der Schweriner Autor Lutz Dettmann dem Leser über eine anrührende Liebesgeschichte nahe

von
15. Januar 2019, 12:00 Uhr

Der Autor Lutz Dettmann hat sich in die fast vergessene Geschichte der Deutschbalten vertieft. In seinem Roman „Anu – eine Liebe in Estland“ denkt und fühlt er sich hinein in eine deutschbaltische Familie in Tallinn, früher Reval, als wäre es seine eigene. Tatsächlich könnte der Protagonist Christoph Scheerenberg, der ein estnisches Mädchen liebt, sein Vater oder Großvater sein.

Aber: Alles ist erdacht, und das so perfekt, dass Dettmann in Estland das Lob erntete: Ein Deutscher, der wie ein Este schreibt.

Anfang Februar erscheint nach mehr als sechs Jahren Dettmanns zweiter Estland-Roman „Und über uns der weite Himmel“ im Berliner Verlag Lehmanns Media. In Estland wurde der Band bereits im November 2018 veröffentlicht.

Dettmann lebt mit seiner Frau Erika und einem Kater in Rugensee bei Schwerin. Sohn und Tochter sind erwachsen und aus dem Haus. Der 57-Jährige ist von Beruf Vermesser, die Schriftstellerei betreibt er „im Nebenerwerb“, wie er sagt. Seit seinen ersten Veröffentlichungen vor zwei Jahrzehnten ist sein Stil deutlich gereift.

Biografisches: Lutz Dettmann

Lutz Dettmann wurde im März 1961 in Crivitz geboren. Bekannt wurde er durch seinen ersten Roman „Wer die Beatles nicht kennt“, der die Jugend und das Erwachsenwerden der männlichen Hauptfigur in der DDR  schildert.

Sein zweiter Roman „Tiefenkontrolle“ setzt die Geschichte fort, er spielt in  der NVA-Zeit . Schauplätze beider Romane sind Schwerin, Crivitz und Umgebung.

„Sommertage in Estland“ ist ein Tagebuch, das Dettmann während einer Reise  durch Estland geführt hat. Sein Roman „Anu. Eine Liebe in Estland“ schildert die Liebe eines Deutschbalten und einer Estin im Zweiten Weltkrieg in Estland. Schauplätze sind die estnische Insel Hiiumaa, Tallinn und Teile Ost- und Südestlands. Das Buch erschien auch im Tallinner Verlag Sinisukk, zahlreiche Erzählungen und Artikel wurden in Tageszeitungen, u.a. im SVZ-„Mecklenburg Magazin“, veröffentlicht.

Dettmanns Liebe zu Estland geht bis in Kindertage zurück. „1974 war ich als 13-Jähriger mit einem DDR-Freundschaftszug in Tallinn“, sagt er.

Dort freundet er sich mit Valdur – einem gleichaltrigen Esten – an, der Deutsch lernt. Die beiden sehen sich noch zweimal, als Valdur zum Jugendaustausch in die DDR kommt. Doch der Briefwechsel schläft ein und erst in der Wendezeit findet Dettmann Valdurs Adresse wieder, schreibt ihm, und dank einer pfiffigen Postbotin gelangt der Brief in die richtigen Hände.

Nun bricht der Kontakt nicht mehr ab. Es folgen regelmäßige Besuche von beiden Seiten, die Familien freunden sich an, weitere Freunde kommen hinzu. „Wir verbringen den Urlaub immer in Estland“, sagt Dettmann. 2002 erscheint sein erstes Buch über die kleine Baltenrepublik, „Sommertage in Estland“, basierend auf einem Urlaubstagebuch. Doch mehr als das Touristische beginnt ihn die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Esten zu interessieren.

Im ersten „Anu“-Band besucht im Jahr 1938 der Medizinstudent Christoph, der als Kind mit seinen Eltern aus Tallinn nach Rostock übersiedelte, seine Tante in Estland. Dort lernt er die hübsche Anu kennen. Sie erleben eine romantische Liebe im letzten Friedenssommer, dann beginnt der Krieg. Estland wird sowjetisch besetzt.

Das Paar sieht sich wieder, als Christoph als Wehrmachtsarzt nach Estland kommt, desertiert und in den Untergrund geht. Doch das Glück ist kurz, sie werden verraten. Christoph kann nach Schweden flüchten, Anu wird nach Sibirien deportiert.

Im neuen Band erfragt Anus Tochter Irja die Geschichte ihrer Mutter, die nach Jahrzehnten ihr Schweigen bricht und plastisch vom Grauen in Gefängnissen und Lagern berichtet.

Aus fast jeder estnischen Familie ist jemand in Gulags verschleppt worden. Lutz Dettmann
 

Er hat intensiv recherchiert, teils mit Hilfe seines Freundes Valdur, der übersetzte – etwa in Bibliotheken, in Gesprächen mit alten Menschen. Er fand Wehrmachtstagebücher und hat in alten Karten nach Details wie Straßennamen gesucht. Und er hat sich – wie auch immer – in die im Gulag geknechteten Frauen hineingedacht, die erstaunlich solidarisch miteinander umgingen.

„Ich habe eine solche Beschreibung der schrecklichen Zeit für die Menschen in Estland nach 1939 nicht erwartet“, sagt die Deutschbaltin Lismarie Koch-Plath, die mit ihrem Mann in der Schweiz lebt. Sie hatte Dettmann kennenlernen wollen, nachdem sie den ersten „Anu“-Band gelesen hatte. „Ich dachte damals, wer so viel über Estland, Deutschbalten, die Atmosphäre dort weiß, muss aus solch einer Familie stammen“, sagt die 83-Jährige. Sie sei erstaunt gewesen, dass ein Mecklenburger dahintersteckte.

Mittlerweile seien sie gemeinsam in Estland gewesen. Koch-Plath sagt, sie habe keine Kindheitserinnerungen an Estland. Ihre Familie wurde umgesiedelt, als sie vier Jahre alt war. Was sie wisse, stamme aus den Erzählungen von Eltern und Verwandten.

„Estland war für mich immer etwas, was zu mir gehörte, aber nicht real war. Das vergangene Estland, das Land meiner Eltern, ist meine ideelle Heimat“, sagt sie. Sie habe aber eine Enkelin, die sich sehr für Estland interessiere.

ueber-uns-der-weite-himmel_9783865419958

Buchtipp "Und über uns der weite Himmel"

Lutz Dettmann
Lehmanns Verlag
534 S., 24,95 Euro
ISBN 978-3-86541-995-8

Die Altstadt Tallinns
Tallinn City Tourist Office

Die Altstadt Tallinns

 

Deutsche Geschichte als Teil der baltischen Identität

Als am 1. Mai 2004 Estland und Lettland Mitglieder der Europäischen Union wurden, begrüßten das auch  die in der Bundesrepublik lebenden früheren deutschstämmigen Bewohner. Die Deutschbalten erheben im Unterschied zu Schlesiern und Sudetendeutschen jedoch keinerlei Ansprüche  an ihr früheres Heimatland. „Es gibt keinerlei Probleme“, sagte damals der Vorsitzende der deutschbaltischen Landsmannschaft, Heinz-Adolf Treu.

„Die Deutschbalten wurden 1939 nicht von Esten und Letten rausgeworfen, sondern geordnet umgesiedelt. Deshalb haben wir ein gutes Verhältnis“, sagte auch  der Historiker Gerd von Pistohlkors, der selbst als Kind auf einem „KdF“-Schiff seine Heimat verlassen musste.

Nach dem Hitler-Stalin-Pakt, der das Baltikum an die Sowjetunion auslieferte, kamen damals 15000 Deutschbalten aus Estland ins Reich. „Die deutsche Geschichte im Baltikum ist abgeschlossen. Es gibt dort so gut wie keine Deutschbalten mehr“, so Pistohlkors ohne Resignation.

Dabei haben deutschstämmige Bewohner seit Ausgang des 12. Jahrhunderts Kultur, Wirtschaft und Politik des Baltikums mitbestimmt.

 Riga wurde 1201 durch den Bremer Domherren Albert von Buxhoeveden gegründet. Die Deutschbalten stellten später etwa  fünf Prozent der Gesamtbevölkerung. Ein Großteil der Großgrundbesitzungen war in ihrer Hand. Diese wurden 1920 von den damals erstmals unabhängigen Baltenstaaten enteignet. Damit setzte die erste Auswanderungswelle ein.

In Deutschland leben heute nur noch rund 10000 Menschen, die sich als Deutschbalten betrachten. Aber die Zeitzeugen, die noch selbst im Baltikum gelebt haben, sterben langsam aus. Für die jüngere Generation lebt das Baltikum in den Erzählungen der Großeltern und Eltern weiter. Auch bei  Letten und Esten gibt es keinerlei Befürchtungen gegenüber den Deutschbalten. Esten und Letten sind heute dabei, deutsche Geschichte auch als Teil der gemeinsamen Geschichte anzuerkennen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen