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Mecklenburg-Vorpommern braucht einen Schulfrieden

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erstellt am 24.Feb.2012 | 08:41 Uhr

Manchmal frage ich mich, wie es mir ginge, wenn ich Lehrer an einer Schule unseres Landes wäre? Wenn ich nahezu täglich in der Zeitung lesen müsste, welches "Chaos" an unseren Schulen herrscht und unter welcher "Demotivation" ich angeblich leide. Und wenn dann Verordnungen oder Erlasse kommen, die beschreiben, wie ich Probleme lösen soll, die durch die Gesellschaft insgesamt verursacht wurden - ob demografischer Wandel, soziale Probleme durch Arbeitslosigkeit oder mangelnde Förderung und Erziehung von Kindern in manchen Familien. Würde ich mich falsch verstanden und überfordert fühlen? Wahrscheinlich ja.

Doch stand in der Schulpolitik nach der Wende häufig eben diese Logik im Vordergrund: Tauchte ein Problem auf, fragte das politische Schwerin nach neuen Rechtsvorschriften. Angeheizt wurde diese Entwicklung durch wechselnde politische Mehrheiten. Zu tief greifenden Erfolgen hat dieser Weg nicht geführt. Bei Lehrerschaft wie Eltern ist vielmehr der Eindruck inhaltlicher Orientierungslosigkeit entstanden. Zudem lastet auf der alltäglichen Arbeit an den Schulen die Ungewissheit über die Zukunft: Kommt das Zentralabitur oder nicht? Werden alle Förderschulen abgeschafft oder nicht? Wird es Verbeamtung geben oder nicht? Die offenen Fragen sind kaum noch zählbar.

Und was tun, wenn bei allen Reformen der gewünschte Erfolg ausbleibt? Man fordert mehr Geld. Für alle Beteiligten ein verlockender "Ausweg": Es hilft über ein paar Monate oder Jahre, doch die grundlegenden Probleme bleiben weiterhin ungelöst. Falls aber nicht mehr Geld fließt, ist die beste Ausrede gegeben, dass es bei der Lösung der Probleme keine Fortschritte geben kann.

Fragt man jedoch nach, was andere Länder in der Schule erfolgreich macht, ist es eben nicht das Geld: PISA-Sieger Finnland zum Beispiel gibt je Schüler etwa genau so viel aus wie Deutschland. Was Finnlands Erfolg jenseits des Geldes begründet? Lehrerinnen und Lehrer gehören zu den angesehensten Persönlichkeiten der Gesellschaft, die Studienplätze werden über strenge Auswahlverfahren vergeben und schließlich gibt es zwischen den Parteien einen gesellschaftlichen Grundkonsens in Bildungsfragen. Keine große Reform wird dort ohne breite gesellschaftliche Akzeptanz durchgeführt.

Spricht man hierzulande mit Lehrerinnen und Lehrern sowie Eltern, wird genau dies vermisst: ein Grundkonsens der demokratischen Parteien über die Zukunft des Schulsystems. Genau dieser Schulfrieden - also die Bereitschaft aller demokratischen Kräfte, sich auf einen Kompromiss einzulassen, mit dem sich möglichst viele Menschen identifizieren können - wäre eine Wohltat für unsere Schulen. Er würde die politischen Debatten versachlichen und vor allem nicht alle paar Jahre eingeschlagene Wege wieder in Frage stellen. Im Ergebnis könnten sich Lehrerinnen und Lehrer wieder stärker um ihr Kerngeschäft kümmern - guten Unterricht.

Ich habe deshalb in den vergangenen Wochen viele Gespräche mit den demokratischen Fraktionen im Landtag geführt und für den Schulfrieden geworben. Die erste Hürde ist genommen: Alle sind bereit, konstruktiv in die Diskussion einzutreten. Dafür bin ich allen sehr dankbar. Dem Ziel, unseren Schulen klare Perspektiven und Verlässlichkeit zu geben, sind wir nun ein Stück näher. Dabei eignet sich kein Projekt so sehr für die Herbeiführung eines Schulfriedens wie der Aufbau eines inklusiven Schulsystems, also das möglichst gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne besondere Förderbedarf. Ohne Akzeptanz in allen Teilen der Gesellschaft droht die Inklusion zu scheitern.

Das Wort Schulfrieden darf dabei indes keine Missverständnisse hervorrufen. Es geht ausdrücklich nicht darum, dass Schule sich nicht verändern soll. Schulfrieden meint vielmehr, dass Veränderungen in der Schule auf klaren Zielen und verlässlichen Zeitplänen beruhen, von einer breiten gesellschaftlichen Mehrheit getragen und daher bei der nächsten Wahl nicht prompt wieder in Frage gestellt werden.

Mein Wunsch ist daher bescheiden und kostet vor allem kein Geld: Ich möchte erreichen, dass der Landtag möglichst im Jahr 2013 ein Konzept für die Inklusive Schule bis 2020 beschließt. Nur eines ist nötig, damit wir dieses Ziel auch erreichen: Alle müssen im Interesse der Sache zu Kompromissen bereit sein.

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