Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Zwei Scheiben Brot als Geschenk zum 18.

Hildegard Hillay, geborene Fritz (r.), im Alter von 14 Jahren mit ihrer Familie: Vater Emil mit Bruder Emil, Mutter Ida mit Schwester Rosemarie und Bruder Günter. Er starb im Alter von 15 Jahren in einem Lager in Sibirien.
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Hildegard Hillay, geborene Fritz (r.), im Alter von 14 Jahren mit ihrer Familie: Vater Emil mit Bruder Emil, Mutter Ida mit Schwester Rosemarie und Bruder Günter. Er starb im Alter von 15 Jahren in einem Lager in Sibirien.

Hildegard Hillay wurde aus Westpreußen im April 1945 nach Sibirien verschleppt und kehrte im November zurück / Sie sagt heute: „Ich hatte wohl einen Schutzengel“

svz.de von
06. Mai 2017, 00:00 Uhr

Jeden Freitag schlägt Hildegard Hillay aus Kuhs das Mecklenburg-Magazin auf. Zeile für Zeile liest sie über Flucht und Vertreibung. Äußerst interessant findet sie die Beiträge. Und es hat sie darin bestärkt zu berichten, was ihr und ihrer Familie widerfahren ist.

Mein Name ist Hildegard Hillay. Ich bin eine geborene Fritz. Meine Eltern hatten ei-nen Großbauernhof und wir wohnten in Westpreußen. Die nächste Stadt hieß Zempelburg. Unser kleines Dorf, in dem vier Bauern lebten, hieß Kaweln. Wir hatten auch schon alles für die Flucht vorbereitet, waren aber im Schnee stecken geblieben und mussten wieder zurück.

Am 27. Januar 1945 kamen die Russen. Als erstes wurden unsere drei Hunde erschossen. Am nächsten Tag wurden Kühe, Pferde und Schafe aus den Ställen geholt und weggetrieben. Danach begann die Plünderung. Meine Familie zog sich in zwei kleine Zimmer zurück. Zu meiner Familie gehörten mein Vater (44), meine Mutter (41), Bruder Günter (15), Bruder Emil (6), Schwester Rosemarie (4), Großvater (81) und ich, Hildegard (17).

Nach ein paar Tagen ging es mit den Vergewaltigungen los. Meine Mutter und ich wurden in Gegenwart der Familie vergewaltigt. Man durfte nicht schreien oder sich wehren, sonst wurde man erschossen. Am 9. Februar durchsuchten ein Russe und ein Pole den Ort. Dabei wurden mein Vater und mein Onkel nach Zempelburg mitgenommen. Am 10. Februar wurden mein Bruder Günter und ich und meine beiden Cousinen abgeholt. Wir wurden in Zempelburg unendlich oft verhört und dann nach Konitz gebracht. Von dort mussten wir in Trupps zu Fuß bis nach Soldau (600 Kilometer) in Ostpreußen laufen. Wer krank war oder nicht mehr konnte, wurde erschossen und liegen gelassen. Auf dieser Route haben wir viele tote Menschen gesehen.

In Soldau wurden wir in Güterwaggons verladen. Ein Loch in der Mitte des Bodens war unsere Toilette. Niemand sagte uns, wohin wir gebracht werden. Nach einer Woche waren wir am Ziel. Es war der 12. April 1945. Hier haben sie uns gesagt, dass wir in Sibirien sind, die nächstgrößere Stadt war Tscheljabinsk. In einem verlassenen Gefangenenlager in Kopesk wurden wir in Baracken mit Lehmdächern untergebracht. Wenn es regnete, tropfte das Lehmwasser ins Lager. Eine Woche später begann im Lager Typhus auszubrechen. Die Gesunden wurden zur Arbeit eingeteilt. Ich war in einem Betrieb, in dem wir Holzhäuser gebaut haben. Ein paar Wochen später wurde ich als Hilfsschwester in die Krankenbaracke eingezogen. Es gab eine Ärztin, sie war Jüdin und konnte etwas Deutsch. Das Einzige, was sie hatte, war ein Fieberthermometer. In dieser Zeit starben 20 Menschen an einem Tag. Wir mussten sie ausziehen und in die Totenkammer bringen. Mein Bruder Günter war dem Totengräberkommando zugeteilt.

In der Zeit als Hilfsschwester steckte ich mich mit Typhus an. Ich sagte mir selbst, dass ich nicht aufhören darf zu essen, auch wenn wir pro Tag nur ein handgroßes Stück fest gekochte Grütze, Kascha genannt, bekamen. Ich habe die Zeit überstanden und mich erholt.

Die Aufnahme vom Haus der Großeltern in Westpreußen stammt aus dem Jahr 1910.
Die Aufnahme vom Haus der Großeltern in Westpreußen stammt aus dem Jahr 1910.
 

Nach zwei Wochen wurden 20 Frauen auf einen Lkw verfrachtet und zu einer Kolchose gebracht. Nach Sonnenaufgang mussten wir auf dem Feld zwischen Kohl, Gurken und Kartoffeln hacken. Mittags bekamen wir eine Kohlsuppe aus ungewaschenen Kartoffelschalen und schlechten Kohlblättern. Danach ging es wieder aufs Feld. Die Kolchose hatte eine Molkerei. Dort wurde eine Arbeitskraft zur Kartoffelernte gebraucht. Ich wurde ausgesucht. Nach der Arbeit bekam ich von einer Frau eine große Scheibe Brot mit Schmalz. Das war das erste Mal, dass ich eine Scheibe frisches Brot mit Aufstrich gegessen habe. Sie schmeckte so gut! Als Nächstes musste ich bei einem Brigadier zur Kartoffelernte. Dort bekam ich nach der Arbeit einen Teller Bohneneintopf. Ich musste einen Schutzengel haben.

Eines Tages kam ein Lkw. Ein russischer Soldat rief uns 20 Frauen mit Namen auf und brachte uns wieder ins Hauptlager nach Kopesk. Man sagte uns, dass wir jetzt nach Hause dürften, was wir aber immer noch nicht glaubten. Hier traf ich meine Cousinen wieder, die mir berichteten, dass mein Bruder gestorben war. Erika, eine meiner Cousinen, hatte zweimal die Heimfahrt abgelehnt, weil sie allein Angst hatte. Sie ist dann mit mir zusammen entlassen worden. Meine andere Cousine Edith war vier Jahre dort und kam erst 1949 nach Hause.

Wir wurden mit denselben Waggons wie auf der Hinfahrt nach Berlin verfrachtet. Meine Gruppe kam nach Kronskamp bei Laage. Es war schon Ende November. Am 5. Dezember 1945 erlebte ich dort meinen 18. Geburtstag. Meine Cousine schenkte mir zwei Scheiben ihrer Brotration. Das war für mich das schönste Geschenk.

Am 26. Januar 1946 sind wir in Kuhs angekommen. Wir fragten den Bürgermeister, ob wir als Hausmädchen bei einem Bauern Arbeit bekommen könnten. Ich durfte zu Bauer Kludt und meine Cousine zu Bauer Schippmann kommen. Bei Kludts war in jedem Zimmer eine Flüchtlingsfamilie untergebracht und das einzige freie bekam ich. Wieder hatte ich Glück, die Familie nahm mich in ihrer Mitte auf. Endlich verdiente ich wieder Geld, 30 Mark im Monat. Ich meldete mich bei meinem Onkel in Bochum und bekam Antwort: Meine Mutter mit den Kindern und der Großvater waren schon in Berlin. Nach Absprache mit Familie Kludt habe ich sie abgeholt und mit nach Kuhs gebracht. Als ich meinen Mann kennenlernte und wir eine Familie gründeten, konnten wir 1960 in unser eigenes Haus in Kuhs einziehen. Mein kleiner Bruder bezog die zweite Haushälfte. Meine Schwester lebt mit ihrem Mann in Güstrow. Sehr viel später haben wir erfahren, dass mein Vater in einem anderen Lager in Sibirien verstorben ist.

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