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DDR-Meldebuch in Rostock : Zimmer frei: WG wider Willen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Altes DDR-Meldebuch aus der Rostocker Dehmelstraße gibt Einblick in Wohnraumbelegung der 50er- bis 80er-Jahre

svz.de von
erstellt am 11.Mär.2017 | 00:00 Uhr

In der DDR gab es laut Meldegesetz für jedes Haus ein Meldebuch, in dem alle Bewohner akribisch zu erfassen waren. Auch Besucher, vor allem aus dem westlichen Ausland, mussten dort eingetragen werden. Nach der Wende wurden die Bücher in den meisten Fällen entsorgt. Einige wenige landeten in den Stadtarchiven, einige waren bereits vorher Teil von Stasi-Akten geworden.

Dass ein „Hausbuch“, wie es umgangssprachlich hieß, aus den Anfangsjahren der DDR bis heute aufbewahrt wurde, dürfte eine Ausnahme sein. Für ein Haus in der Rostocker Dehmelstraße ist dies der Fall; die heutige Besitzerin hat es für die geplante Chronik ihres Hauses von einem langjährigen Mieter erhalten. Spalte um Spalte reihen sich die Namen, Geburtsdaten und -orte, Berufe und Passnummern aneinander. Das Datum der polizeilichen Meldung wurde durch den „Hausobmann“ ebenso notiert wie das des Auszugs und die neue Adresse. Heute wäre dies aus Datenschutzgründen undenkbar. Bis Ende 1989 waren die gesetzlich vorgeschriebenen Angaben jedoch wie eine Auskunftei, die von Polizei und Stasi regelmäßig kontrolliert wurde.

Seite aus dem Meldebuch der Rostocker Dehmelstraße
Seite aus dem Meldebuch der Rostocker Dehmelstraße Foto: Bluhm
 

Das erhalten gebliebene Hausbuch offenbart aber auch die heute kaum noch vorstellbaren Wohnbedingungen der 50er- bis 80er-Jahre. Aufgrund der Wohnungsnot wies die Verwaltung Wohnungssuchenden vielfach Zimmer in bereits bewohnten Wohnungen zu. Der eigentliche Mieter oder Eigentümer hatte keine Handhabe dagegen, wenn seine Wohnung als zu groß befunden wurde.

Was heute auf dem Papier wie eine bunte Riesen-WG aussieht, bedeutete für die Betroffenen jahrelanges Arrangement. Singles, Paare und Familien wohnten Zimmerwand an Zimmerwand und mussten gemeinsam mit einer Küche und einem Bad bzw. WC auskommen.

Das Buch aus der Rostocker Dehmelstraße beginnt im Herbst 1952. Elisabeth B. wohnte seit 1934 im Hochparterre des Jugendstil-Hauses, nach dem Tod ihres Mannes gemeinsam mit ihrer Freundin Ingeborg von K. Die beiden Damen hatten in den fünf Zimmern viel Platz, ein Hausmädchen stand zu Diensten. Mit dem Kriegsende, als Tausende Flüchtlinge in die stark zerstörte Stadt an der Warnow kamen, begannen die Einquartierungen.

So sind für 1952 neben den Damen B. und von K. auch die 63-jährige Postangestellte Paula G. und die 42-jährige Fürsorgerin Gerda R. dokumentiert. Diese vier Frauen bildeten den Kern der amtlich verordneten WG, die bis 1964 von insgesamt neun weiteren Mietern bewohnt wurde. Die meisten blieben weniger als zwei Jahre; insgesamt war die Wohnung durchgängig von acht Personen bewohnt. Im Herbst 1964 zog schließlich eine vierköpfige Familie zu den vier Damen und sorgte für etwas Konstanz.

Ab 1974 wurde die Wohnung nicht mehr vermietet, sondern u. a. als Konsulat genutzt. Die Familie und die inzwischen 80-jährige Paula G. bekamen in Rostock neue Wohnungen, die drei anderen Frauen waren mit Erreichen des Rentenalters in den Westen gegangen.

Im Obergeschoss des Hauses war Olga H. seit 1933 Hauptmieterin. 1946 wurden ihr die aus Estland stammende Ella S., das Ehepaar K. aus Pommern und Erika K. aus Stettin als Untermieter zugewiesen. Für die K.s und Erika K. ist im Meldebuch in der Spalte „abgemeldet am / nach“ jeweils vermerkt: „27.1.1953, wahrscheinlich nach dem Westen“.

Olga H. und Ella S. blieben jedoch nicht lange allein. Zwischen Januar und April 1953 zogen fünf Männer und Frauen zu ihnen, einige nur für wenige Monate. 1954 kam die bald vierköpfige Familie W. dazu, und zwischen Anfang 1954 und März 1957 – Olga H. verstarb 1955 – gaben sich sieben weitere Mieter die Klinke in die Hand. Zu denen, die vom Amt eine Bleibe in der Wohnung zugewiesen bekamen, gehörten auch die Verkäuferin Gudrun und der Tischler Hans-Dietrich. Ob sie als Verlobte einzogen oder sich erst in der Wohnung kennen lernten, ist nicht bekannt, auf jeden Fall heirateten sie bald und bekamen eine Tochter. Die junge Familie verschwand 1957 gen Westen; „illegal W. D.“ heißt der Eintrag in der entsprechenden Spalte des Meldebuchs.

Mit Christian S., der im Mai 1957 mit Frau und Kind zu Ella S., der inzwischen fünfköpfigen Familie W. und einer weiteren Mieterin Frieda R. zog, endet die Fluktuation für diese Wohnung. Er wohnt noch heute mit seiner Frau im Obergeschoss des Hauses – inzwischen beide alleine.

Der alte Herr erinnert sich noch gut an die erste Aufteilung der fünf Zimmer, des Bades und des separaten WC: Ella S. wohnte zum Hof und hatte aus Platzmangel einen Tisch in den Flur gestellt, auf dem sie Lebensmittel lagerte. Herr S. konnte mit Frau und bald zwei Kindern zwei hintere Zimmer und exklusiv das dazwischen liegende Bad nutzen. Familie W. und ihre drei Kinder wohnten in den beiden Zimmern zur Straße. Alle teilten sich die vergleichsweise kleine Küche, Familie W., Frau S. und Frau R. außerdem das separate WC.

Mit dem Auszug von Familie W. und Frieda R. 1958 begann ein kleines Wunder: Das Rostocker Wohnungsamt belegte die frei gewordenen Zimmer nicht neu, so dass nur noch Ella S. und die bald vierköpfige Familie von Christian S. hier wohnten. Als die alte Dame Ella S. 1985 starb, bekam die Verwaltung auch davon offenbar nichts mit – die inzwischen sieben Mitglieder zählende Familie S. konnte für sich bleiben.

Summa summarum führen das 1952 begonnene „Hausbuch“ und sein Nachfolger bis zum Ende der DDR 66 (!) verschiedene Bewohner für die beiden Wohnungen und das Nebengelass auf, die in den meisten Fällen in keinem familiären Verhältnis zueinander standen. Wie gut sie miteinander auskamen, ist nicht überliefert.


 

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