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Scherenschnitt aus MV : Wunderbare Schattenseiten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Drei bedeutende Scherenschnitt-Künstler haben ihre Wurzeln in Mecklenburg-Vorpommern

svz.de von
erstellt am 07.Jul.2017 | 11:03 Uhr

Das Schattentheater und die Schattenbildkunst haben eine lange Geschichte. Sie sind in Indien und China bereits seit dem 11. Jahrhundert bekannt. Bildliche Darstellungen lassen sich bereits von den antiken Vasen aus dem alten Griechenland ablesen. Ursprünglich wurden im Orient und in Ostasien Umrissbilder eines Gegenstandes, also dessen Schatten, mit der Schere in schwarzes Papier geschnitten. Von dort gelangte diese Kunst im 17. Jahrhundert vor allem über Tunis nach Italien und begann sich von dort rasch in ganz Europa auszubreiten.

In Deutschland war diese neue Kunst besonders an den verschiedenen Fürstenhöfen wie etwa Weimar, Gotha oder Darmstadt sehr beliebt, und Goethe bedankt sich 1806 bei Philipp Otto Runge für einige Scherenschnitte – anschauliche Blumenbilder – und erfreute sich „an diesen bedeutenden und gefälligen Produktionen“. Mit den Schattenbildern wurden auch vielfach unterschiedliche Gegenstände geschmückt wie
Lampenschirme, Tabakdosen, Porzellan, Schmuckkästchen und vieles mehr. Kinderbücher, Kochbücher und Gebetsbücher wurden mit Scherenschnitten geschmückt.

Drei bedeutende Künstler dieses Genres haben ihre Wurzeln im heutigen Mecklenburg-Vorpommern. Zum einen der bereits genannte und in Wolgast geborene Runge (1777 bis 1810), der bereits im Kindesalter filigrane Bildnisse der Familie sowie von Blumen und Gräsern schuf. Später als Maler überaus berühmt, hat Runge auch den Scherenschnitt bis an sein frühes Ende ausgeübt.

Als eine der großen „Schnittmeisterinnen“ überhaupt gilt Johanna Beckmann (1868 bis 1941). Sie lebte viele Jahre in Burg Stargard und war nach dem Besuch einer Kunstschule seit 1888 Porzellanmalerin in der Königlichen Porzellanmanufaktur Berlin, ehe sie in der kleinen mecklenburgischen Stadt nahe dem Tollense-See ihre künstlerische Heimat fand. Beckmann schuf etwa 30 Werke, darunter Bücher und Bildmappen, und illustrierte die Märchen von Grimm und Andersen, Texte von Goethe, Eichendorff und Storm und viele eigene Geschichten.

Der Dritte in dieser Runde ist Karl Hermann Fröhlich, 1821 in Stralsund geboren und 1898 in Berlin gestorben. Dieser Künstler ist vielleicht der am wenigsten bekannte Scherenschneider. Er, der nie eine Schule besucht und bei seinem Vater, einem Schuhmacher, Lesen und Schreiben lernte, war von früh an ein sehr kreatives Kind. Später in Berlin wurde Fröhlich Buchdruckerlehrling und ging von 1839 bis 1846 sieben Jahre auf Wanderschaft. Er lernte Kopenhagen ebenso kennen wie Wien und Prag, Bremen und Stuttgart und hatte das Glück, Schüler des bekannten Scherenschnittkünstlers Wilhelm Müller in Düsseldorf zu werden. Nach dieser Lehrzeit kehrte er dann nach Berlin zurück und ließ sich hier als Schriftsteller und Illustrator nieder. Fröhlich war hoch begabt und ein Scherenschneider mit einer ganz besonderen Technik. Um noch bessere Konturen zu erhalten, verwendete er die Ritztechnik. Er gab zahlreiche Bücher heraus, ebenso prächtige Silhouettenfibeln und illustrierte eine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts populäre Kinderzeitschrift mit dem Titel „Herzblättchens Zeitvertreib“.

Ein Werk aber sticht hervor: die 1859 edierte Ausgabe „Neue Silhouetten-Fibel für artige Kinder“. Ein Bilderbuch, das Kindern in spielerischer Weise das Abc vermittelt, ihren Wortschatz erweitern will und mit lustigen Reimen versehen ist. Fröhlich hatte dabei vielleicht an seine eigene mangelhafte Schulbildung gedacht. Alphabetisch geordnet beginnt das Buch mit A und einem Bild von spielenden Affen im Baum. Dazu der Reim: „Affen ahmen alles nach / Üben Thorheit Tag für Tag / Klettern, kratzen, necken, naschen / Lärmen, wie die Plaudertaschen / Kinderchen, seid nicht so wild / Weil man sonst Euch Äffchen schilt“. Es ist ein wunderschönes Buch eines fast vergessenen Künstlers, der den Scherenschnitt ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Bilderbuch heimisch gemacht hat und vielfach Anerkennung fand, nicht nur im eigenen Land, sondern ebenso in England, Holland und Skandinavien.

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