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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Woher hatte meine Mutter die Kraft?“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gertrud Kluth sah Menschen und Wagen im eiskalten Wasser der Oder versinken. Später meisterte sie den schweren Neuanfang in Mecklenburg

Ich heiße Gertrud Kluth, geb. Römermann, und komme aus dem damaligen Wartheland. Wir wohnten in einer kleinen, beschaulichen Stadt namens Schwarzenau im Kreis Gnesen. Mein Vater war Postbeamter und da er im Ersten Weltkrieg verletzt wurde, brauchte er bis dahin nicht an die Front. Am 18. Januar 1945 wurde mein Vater dann aber doch noch zum „Volkssturm“ einberufen. Meine Mutter, mein Bruder (15) und ich (6) blieben zurück. Am 20. Januar erhielten wir die Mitteilung, dass wir uns an einem Sammelplatz einzufinden hätten, um die Stadt zu verlassen. Wir hatten nicht einmal zwei Stunden Zeit und mitnehmen durften wir pro Person nur 25 Kilogramm.

Da zu dieser Zeit weder Bus noch Bahn fuhren, wurde ein Treck zusammengestellt. Vor unserem Wagen standen zwei große Kaltblüter, die zwar nicht schnell, aber stark waren. Wir Kinder saßen dick eingepackt auf dem Wagen, die Erwachsenen – nur Frauen und alte Männer – liefen zu Fuß. Der Treck setzte sich stadtauswärts in Bewegung. Für uns Kinder war es zunächst ein Abenteuer, bis wir ganz fürchterlich anfingen zu frieren. Das Thermometer zeigte unter minus 20 Grad. Meine Mutter hatte ein großes Federbett mitgenommen. Dieses wurde jetzt ausgebreitet und alle Kinder steckten die Füße darunter.

Immer wieder mussten wir die Hauptstraße verlassen, da Truppen Vorrang hatten. Gegen Abend kehrten wir auf einem verlassenen Bauernhof ein, wo die Pferde versorgt wurden und die Mütter nach zurückgelassenen Lebensmitteln suchten, um uns Kinder und den Kutscher zu versorgen, denn das mitgebrachte Brot war knochenhart gefroren. Die Frauen heizten die Öfen, so dass wir uns alle aufwärmen konnten.

Am nächsten Morgen wurden wir durch Klopfen geweckt und zum Weiterfahren aufgefordert. So ging es über mehrere Tage. Auf den Straßen gab es oft Luftangriffe. Wir sprangen alle in die Straßengräben, nur der Kutscher blieb bei den Pferden, um sie zu beruhigen. Nach den Angriffen sah man rote Flecken im Schnee. Einige Menschen hatten es nicht geschafft. Sie wurden in Schneebergen beigesetzt. Ich weiß gar nicht mehr, wie unsere Mütter uns das erklärten.

Das Klassenfoto entstand Anfang der 50-er Jahre an der Schule in Rastow.
Das Klassenfoto entstand Anfang der 50-er Jahre an der Schule in Rastow.
 

Mich hatte es hart getroffen – meine Füße waren verfroren. Ich konnte nicht mehr auftreten. Meine Mutter hat mich ganz viel getragen. Woher hat sie nur die Kraft genommen? Es ging immer gen Westen. Die Tage wiederholten sich. Abends immer irgendwo Einkehr und morgens ging es weiter.

Bis zu dem Tag, an dem wir an die Oder kamen. Es gab keine intakten Brücken mehr. Der Fluss war zugefroren. Da auf einmal ein fürchterliches Chaos und ein Angstgeschrei. Das Eis brach und mehrere Wagen mit Frauen und Kindern versanken in den Fluten. Gott sei Dank waren wir noch lange nicht dran.

In dieser Situation fand uns mein Onkel, der „Fronturlaub“ hatte und seiner Frau half, auf die Flucht zu gehen. Er holte uns von diesen überfüllten Wagen und wir fuhren bei ihm und seiner Frau, die schwanger war, mit. Mein Onkel fand eine andere Überfahrt und half uns ein ganzes Stück weiter, denn er musste sich ja wieder zurückmelden.

Die nächste Etappe war Eberswalde. Hier erlebten wir mehrere Bombenangriffe mit. Wir verbrachten viele Stunden in dem Luftschutzkeller. Von hier aus konnten wir nachts sehen, wie Berlin bombardiert wurde.

Irgendwann mussten wir Eberswalde verlassen. So kamen wir nach Rastow. Zunächst für ein bis zwei Tage zu Bauer Laudan auf den Heuboden, danach zu Bauer Pansch, wo wir ein Zimmer bekamen. Gekocht wurde in der Waschküche. Irgendwie ging es. Meine Tante bekam dort ihr Baby. Es starb noch am selben Tag.

Kurz darauf erkrankte meine Mutter an Typhus. Es wurde ein provisorisches Krankenhaus im Dorf eingerichtet. Es ging ihr sehr schlecht. Dann hieß es eines Tages, sie hat es nicht geschafft. Sie wurde in einem Raum abgestellt, in dem alle Verstorbenen standen. Am nächsten Tag, als die Leichen abgeholt werden sollten, stellte eine Pflegerin fest: „Oh, mein Gott, die lebt ja noch!“ So wurden wir doch keine Waisenkinder. Meine Mutter erholte sich langsam.

Wie wir diese ganze Zeit überstanden haben – ich weiß es nicht. Das Leben drehte sich zunächst ums Essen. Wir verbrachten viel Zeit beim Anstehen, nach Brot, nach Wurstbrühe. In dieser Zeit hat meine Mutter ihren Schmuck gegen Lebensmittel eingetauscht. So haben wir überlebt. Es war inzwischen Sommer und das Leben spielte sich für uns Kinder auf der Dorfstraße ab. Wir Flüchtlingskinder spielten meist getrennt von den Einheimischen. Wir spielten Kibbel-Kabbel, Verstecken und Greif, Hinke, Länderraten und Mutter, Mutter, wie weit darf ich reisen? Mein Bruder hat in dieser Zeit bei einem Bauern Kühe gehütet.

Ich erinnere mich in diesem Sommer noch an ein sehr starkes Gewitter. Ich hatte große Angst, aber meine Mutter tröstete mich: „Es ist ja nur Gewitter!“ Dieses Grollen und die dumpfen Einschläge erinnerten mich an die Bombardierungen während des Krieges. Waren wir traumatisiert? Dieses Wort kannten wir damals noch gar nicht.

Am 1. September ging ich in die Schule. Wir schrieben mit Griffeln auf einer Schiefertafel. Mein Bruder bekam eine Lehrstelle bei Schuhmacher Linzmeier. Er bekam kein Lehrgeld, aber Essen und Trinken. Das war schon viel, denn mein Bruder hatte immer Hunger. Meine Mutter arbeitete fünf Jahre bei Bauer Pansch für Unterkunft und Verpflegung – bis sie endlich beim Konsum in Rastow eine Arbeit fand. Ich beendete die Schule und ging dann nach Crivitz auf die Oberschule.

Die Jahre gingen dahin, bis meine Mutter und ich 1956 nach Schwerin zogen. Ich war beim Rat der Stadt beschäftigt. 1956 heiratete ich. Mein Mann und ich bekamen drei Söhne, bauten später ein Haus und freuen uns jetzt über fünf Enkelkinder. Im letzten Jahr waren wir 60 Jahre verheiratet. Also haben wir doch alles richtig gemacht – auch wenn es in der neuen Heimat so schwierig anfing.

 

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