Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : „Wir waren nicht willkommen“

Der Autor mit seinen Schwestern 1948 in Plau am See
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Der Autor mit seinen Schwestern 1948 in Plau am See

Heinz-Jürgen Marnau erlebte die Flucht aus Danzig, den Aufenthalt im zerstörten Berlin und einen frostigen Empfang in Plau am See

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24. Juni 2016, 00:00 Uhr

Heinz-Jürgen Marnau war neun Jahre alt, als seine Familie aus Danzig vertrieben wurde. Seine Geburtsstadt hat er während seiner Tätigkeit als Seemann der Deutschen Seereederei und heute als Rentner schon häufig wieder besucht. „Meine Heimatstadt ist und bleibt aber Rostock, wo ich gern mit meiner Familie lebe“, schreibt der Schiffsingenieur. Die Flucht, die Ankunft in Mecklenburg und die schwierige Anfangszeit hat er bis heute nicht vergessen.

Seit vielen Monaten berichten die Medien über unendlich erscheinende Flüchtlingsströme. Das alles hat, sicherlich nicht nur bei mir, über die Jahre verdrängte eigene Erlebnisse wieder aufleben lassen. Auch ich, meine Mutter und meine beiden Schwestern mussten im August 1945 zwangsweise unsere fast völlig in Trümmern liegende Heimatstadt Danzig verlassen. Die aus den sowjetisch gewordenen polnischen Gebieten nach Ost- und Westpreußen, Schlesien und Pommern strömenden polnischen Familien benötigten Wohnraum.

Kurz darauf wurde unsere Mutter vor die Alternative gestellt, unverzüglich die polnische Staatsangehörigkeit anzunehmen oder innerhalb von sieben Tagen Danzig zu verlassen. Züge würden auf dem Hauptbahnhof bereitstehen. Dort fanden wir uns, bepackt mit letzter Habe, Mitte August befehlsgemäß ein. Auf einem Güterwaggon ohne Dach und Seitenwände fanden wir mit vielen anderen Müttern, Kindern und Greisen einen Platz. Junge, kräftige Burschen und Männer mittleren Alters, so auch mein Vater, fehlten. Diese waren sofort bei Einmarsch der Roten Armee gefangen genommen und auch in langen Trecks zu Fuß, hier aber unter militärischer Überwachung, nach Osten geschafft worden.

Rund sieben Tage dauerte die Fahrt von Danzig bis Berlin, wo wir hofften, bei unserer Tante eine erste Unterkunft zu finden.

Zwischendurch wurde der Zug von zahlenmäßig starken Banditengruppen aufgehalten und ausgeplündert. Mir wurde mein Mantel mit einem Dolch aufgeschlitzt und die zu laut tickende Taschenuhr entrissen. Vor Angst haben Kinder und Frauen geheult und lauthals gebrüllt. Glück im Unglück: Der schöne warme Wintermantel sowie beide Hemden hatten ein langes Loch. Die Haut war nur leicht geritzt. Das alles vergesse ich niemals!

Das Berlin, in dem wir ankamen, war ebenso furchtbar zerstört wie Danzig. Überall Trümmer, nur halbwegs zu bewohnende Häuser und der mich immer an diese schlimme Zeit erinnernde beißende Brandgeruch.

Ähnlich wie bei den heutigen Schutz, Nahrung und Unterkunft suchenden Menschen aus vielen Krisenregionen der Welt besaßen wir bei unserem Eintreffen in Berlin nur noch die „Klamotten“, die wir auf dem Leib trugen.

Unsere Tante Erna – danke, du hattest ein gutes Herz – nahm uns in ihrer kleinen Wohnung in der Fehrbelliner Straße bereitwillig auf und half, so gut sie konnte. Auch Berlin war damals mit Flüchtlingen überfüllt und überfordert, alle zu versorgen. So kam es, dass wir Ende August unter Androhung des Entzuges von Lebensmittelmarken uns wiederum auf einem Bahnhof einfinden mussten. Diesmal in geschlossenen Güterzügen. Zusammengepfercht ging es in das vielen Menschen unbekannte Land Mecklenburg.

Nach Ankunft in Plau am See wurden einige Familien auf die umliegenden Ortschaften verteilt. Uns brachte man zuerst in der damaligen Grundschule und dann kurz vor Weihnachten in einer beschlagnahmten Dachwohnung eines sogenannten „Ackerbürgers“ unter. Das waren Handwerker, die zusätzlich zum Beruf noch etwas Landwirtschaft betrieben. Ständig gaben uns die Wirtsleute zu verstehen, dass wir unerwünscht seien.

Trotz Kuh und Schwein im Stall und vielen Hühnern auf dem Hof gab es keine einzige hilfreiche Geste. Im Gegenteil: Als wir Kinder beim Apfelpflücken halfen, gab es, statt des üblichen Einsammelns des Fallobstes, lediglich ein karges: „Dann danke ick ok!“

Kaum war die Wirtin weg, schnappte ich nach den noch im Baum verbliebenen drei Äpfeln und verputzte diese genüsslich mit meinen Schwestern. Das sehend rief sie wütend: „Ji wullt wol, dat wi nächstes Johr keen gaud Aust häm!“ (Ihr wollt wohl, dass wir im nächsten Jahr keine gute Ernte haben.) Dieser altgermanische Brauch, dankend für eine gute Ernte mindestens eine Frucht auf dem Baum hängen zu lassen, war uns als Stadtmenschen unbekannt.

Auch als wir 1947 in einem zum Grundstück gehörenden Nebenhaus eine etwas größere Wohnung beziehen konnten, änderte sich hinsichtlich Freundlichkeit, Mitgefühl und kleinerer materieller Unterstützung nichts. Wer Derartiges selbst erleben musste, wünscht, dass anderen Menschen in ähnlicher Situation nicht Gleiches widerfährt.

Es ist wirklich bitter, notdürftig auf Stroh zu schlafen, ständig dünne Suppen zu essen, schlecht gekleidet zu sein und dann noch von anderen Kindern beschimpft oder geschlagen zu werden. Anfangs konnten wir kaum vor dem Haus auf der Straße mit anderen Kindern mitspielen. Besonders der Enkelsohn des Vermieters zeichnete sich durch Spucken und Prügeln aus. Er brachte lediglich zum Ausdruck, was Eltern und Großeltern dachten. Als mich nach einer langen Durchhaltephase die Geduld verließ und ich diesem Flegel eine saftige Maulschelle verpasste, kam sein Opa und vermöbelte mich kräftig mit dem Krückstock.

Im langsam anlaufenden Schulbetrieb erhielt man in überfüllten Klassen einen ersten Kontakt zu anderen Schülern mit gleichen Schicksalen.

Langsam, aber doch recht kontinuierlich, bildeten sich „Gangs“, die sich nun bei Anpöbelungen durch Einheimische handfest wehrten. Nicht nur gemeinsam wurde umher „geströbt“, sondern auch Sport getrieben. Allmählich bildeten sich Straßenmannschaften, die zuerst Hockey, dann Fußball spielten. Nach zwei bis drei Jahren hatten auch die stursten Mecklenburger Ochsenköpfe begriffen, dass wir einfach da und nicht zu vertreiben waren. Die gegenseitige Akzeptanz wurde auch dadurch gefördert, dass in vielen Klassen die Flüchtlingskinder zu den Klassenbesten zählten. Dadurch gelang es mir, während meiner Grundschulzeit eine Klasse zu überspringen.

Ab 1949/ 1950 spielte unter uns Kindern die ursprüngliche Herkunft eine immer geringere Rolle. In der DDR wurde allen Erwachsenen und Jugendlichen eingebläut, dass sie nur Umsiedler zu sein hätten. Und dass eine ständige Rückkehr in die Geburtsstadt nie mehr möglich sein wird. Basta!

Als ehemaliger Vertriebener erinnere ich mich, trotz einiger hässlicher Vorfälle, gerne an meine Schulzeit in Plau am See. Da dort keine Lehrstelle zu ergattern war, fand ich diese 1951 in Warnemünde auf der Warnow-Werft. Gerne lebe ich seit dieser Zeit in Rostock und fühle mich nach einem guten halben Jahrhundert als Einheimischer.

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