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Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : „Wir konnten nicht mehr bleiben“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gisela Hamann erlebte in Hinterpommern die Ankunft der Roten Armee, Willkür, Angst und Menschlichkeit: Ihre Flucht endete in Mecklenburg.

Es ist ein dicker Blätterstapel geworden, den Gisela Hamann mit ihren Lebenserinnerungen gefüllt hat. Die 87-Jährige aus Klein Upahl bei Güstrow hat die Geschichte für ihre Kinder, Enkel und Urenkel festgehalten. „Von der eigenen Jugend kommt man einfach nicht los“, sagt sie. Erst recht nicht, wenn sie von einem dramatischen Ereignis wie der Flucht aus der Heimat überschattet wurde.

Gisela Hamann, die damals noch Misch hieß, wurde am 8. März 1929 in Schlüsselberg in Hinterpommern im heutigen Polen geboren. In dem kleinen Dorf gab es zwölf Bauern und wenn die Seniorin zurückdenkt, erinnert sie sich an eine herrliche Kindheit. Zur Familie gehörten neben Eltern, Bruder und Schwester auch die Großeltern. Diese waren nach dem Ersten Weltkrieg mit der Bildung des polnischen Korridors aus Westpreußen vertrieben worden und hatten in Hinterpommern neu angefangen.

Sohn Willy, der später der Vater von Gisela werden sollte, war als Soldat im Ersten Weltkrieg als gefallen gemeldet. Ein halbes Jahr trauerten seine Eltern, bevor eine Karte aus dem Lazarett die falsche Todesnachricht revidierte. „Mein Vater sagte immer, ein zweites Mal kann man nicht sterben“, erzählt Gisela Hamann. Ob er diesen Gedanken hatte, als er eine Woche vor dem 1. September 1939 einberufen wurde? „Wir mussten unseren Vater von den Wiesenarbeiten nach Hause holen und am darauffolgenden Tag zog er in den Krieg. Am 1. September 5.45 Uhr flogen Flugzeuge über unser Dorf, um die Westerplatte zu bombardieren, unschuldige Menschen“, sagt Gisela Hamann.

In dem kleinen Dorf Schlüsselberg war vom Krieg zu diesem Zeitpunkt nicht viel zu spüren. Später kamen Kriegsgefangene, die in den Ställen untergebracht wurden und auf den Feldern arbeiten mussten. Gisela Hamann erinnert sich daran, was ihr Onkel Herrmann sagte, als die deutschen Soldaten Russland überfielen: Jetzt bricht Hitler sich das Genick. „Ich war empört, dass er auf meinen Gruß ,Heil Hitler‘, den wir alle sagen mussten, antwortete: ,Guten Tag, Giselchen‘. Das konnte ich nicht verstehen“, sagt die 87-Jährige und erinnert sich daran, wie viele Menschen zu diesem Zeitpunkt noch fest an den Sieg der Deutschen glaubten.

Doch die Realität sah anders aus. Die ersten Ostpreußen, die ihre Heimat verlassen hatten, erreichten Schlüsselberg und berichteten von entsetzlichen Dingen. „Ein Mann kam ganz allein auf seinem Wagen. Er hielt den Kopf gesenkt und sagte immer oh Gott, oh Gott! Als wir die Pferde untergebracht und ihm etwas Warmes zu essen gegeben hatten, weinte er und erzählte. Seine Frau wäre wegen der Kälte abgestiegen und hinter dem Wagen über das Eis gegangen. Dann kamen die Flieger und sie wurden beschossen. Das Eis brach an den Hinterrädern und er trieb die Pferde an und von da an war seine Frau verloren“, berichtet Gisela Hamann.

Jetzt kamen jeden Tag neue Trecks. „Der Geschützdonner wurde immer lauter, weit konnten die Russen nicht mehr sein“, schreibt sie in ihren Lebenserinnerungen. Sie schreibt von dem einstigen Ortsbauernführer, der die Zwangsarbeiterin auf seinem Hof geschlagen und schlecht behandelt hatte. Aus Angst nahm er sich das Leben, nachdem er seine Frau und die kleinen Söhne erschossen hatte.

Selbstmord. Über diese schreckliche Möglichkeit, den näherkommenden Soldaten der Roten Armee zu entgehen, dachte auch Gisela Hamanns Mutter nach. Die Tochter erzählt: „Viele Familien gingen in dieser Zeit in den Freitod. Zum Glück sprach meine große Schwester Ursel dagegen. Es war der 8. März, mein sechzehnter Geburtstag.“

Zwei Tage später, am 10. März, erreichten sowjetische Soldaten Schlüsselberg. Im Dorf lebten acht junge Mädchen, zwischen 14 und 20 Jahre alt. Sie versteckten sich jetzt regelmäßig über dem Hühnerstall, denn schreckliche Geschichten von Vergewaltigungen machten die Runde. „Zu den 25 Menschen, die als Flüchtlinge bei uns lebten, kamen jetzt auch noch 20 russische Soldaten in unser Haus“, sagt Gisela Hamann. „Ein älterer russischer Soldat erzählte meiner Mutter, dass die Deutschen seine ganze Familie umgebracht hatten. Als er meinen fünfjährigen Bruder Siegfried sah, weinte er und gab ihm ein Zuckerei.“

Die Lage verschlechterte sich weiter. Einmal schafften es die 16-jährige Gisela und eine Freundin gerade noch, sich in einem Dreschkasten zu verstecken. Es war der Tag, an dem sowjetische Soldaten junge Menschen aus den Dörfern zusammentrieben, um sie nach Sibirien zu verschleppen. Ein Pole hatte die Mädchen gewarnt und so vor der drohenden Deportation gerettet – allerdings nutzte er dies später aus. Überhaupt war das Zusammenleben von Polen und Deutschen nicht einfach. „Wir Mädchen waren wie Freiwild und später Arbeitskräfte für die Polen, die sich als Verwalter auf unseren Grundstücken niederließen. Als die Polen Erntefest feierten, mussten wir sie bedienen. Es wurde viel Alkohol getrunken, so dass wir Mädchen uns wieder verstecken mussten. Da haben uns aber die polnischen Frauen beschützt“, berichtet Gisela Hamann. Als ein Betrunkener mit dem Revolver um sich schoss und dabei den kleinen Siegfried in die Wade traf, war der Familie klar: Wir können nicht bleiben. Mit etwas Hab und Gut auf dem Ziehwagen ging es zum Bahnhof und auf einen Güterzug. Immer wieder wurden die Flüchtenden unterwegs ausgeplündert und bei der Ankunft in Stettin hatte niemand mehr Gepäck. Von Stettin ging die Fahrt nach Güstrow, wo die Familie auf den Steinen der Bahnhofsvorhalle übernachten musste. Nächste Station: Raben Steinfeld bei Schwerin.

Inzwischen war November. Kartoffeln und Zuckerrüben waren oft die einzigen Lebensmittel und als Gisela bei den Russen im Gutshaus saubermachen sollte, floh das Mädchen nach Schleswig-Holstein. „Eigentlich wollte ich mich zu unseren Verwandten ins Rheinland durchschlagen, aber mir fehlte das Geld. Außerdem bekam ich unglaubliches Heimweh“, sagt sie. Sie fuhr zurück in die sowjetische Besatzungszone und nach Klein Upahl, wo ihre Familie inzwischen lebte.

In Klein Upahl lernte Gisela ihren Mann Hans-Jürgen kennen. 67 Jahre sind die beiden verheiratet. Aus der Veranda reicht der Blick über den schönen Garten bis zum See, ein Sohn wohnt mit seiner Familie gleich nebenan. „Es kommt eigentlich immer jemand zu Besuch“, sagt Gisela Hamann. Neun Enkel und fünfzehn Urenkel gehören zur Familie.

Das Heimatdorf und ihr Geburtshaus im heutigen Polen hat sie schon einige Male besucht. „Der Besitzer ist sehr herzlich“, erzählt sie – frei von Groll. Viel gibt es nicht mehr, was in dem Haus an damals erinnert. Nur ein Relief aus einem alten Kachelofen, das Bild eines jungen Mädchens, hat die Zeit als Wandschmuck überdauert.

 

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erstellt am 09.Jul.2016 | 14:15 Uhr

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