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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : „Wir haben wie verrückt gearbeitet“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Christa Wedjelek aus Güstrow verlor durch den zweiten Weltkrieg den großen Bruder und die Heimat in Ostpreußen

Meine Heimat ist Ostpreußen, der Kreis Schloßberg und der Ort heißt Wetterau. Geboren wurde ich im Nachbarort Rehwalde und dort haben wir auch bis zum Umzug nach Wetterau 1940 gelebt. Meine Eltern Otto und Frieda Freutel, Jahrgang 1900 und 1904, Stellmacher und Musiker mein Vater und Hausfrau die Mutter, haben zwölf Kindern das Leben geschenkt und obwohl wir nicht reich waren ist unser Leben schön und harmonisch gewesen.

Dann kam der Krieg und wir teilten unser kleines Haus mit Soldaten, die Quartier brauchten. Mein ältester Bruder Fritz lernte Autoschlosser, der zweite, Hans, Schornsteinfeger, und als mein guter Opa im Winter 1941 starb, bekam mein Bruder Fritz bei der Trauerfeier den Einberufungsbescheid. Er hatte gerade seine Schlosserprüfung gemacht. Trotzdem war er sofort dabei, denn seine Freunde und Kameraden waren es ja auch! Vater wurde auch eingezogen, ebenso Hans und auch der dritte Bruder Heinz.

Arme Mutti! Jeden Tag hat sie auf Post von Fritz gewartet, er war inzwischen in Russland, ohne zu klagen, und wir wussten es alle, dass er so großes Heimweh hatte. Unsere Mutti versorgte uns alle, so gut es ging, und unsere Soldaten sagten, dass wir bald flüchten müssten. Aber vorher wurde noch ein Brüderchen geboren, unser Peter, als Geschenk für den großen so geliebten Fritz, der am 26. Januar 1943 gefallen ist. Peter wurde am 6. März 1943 geboren. Die Todesnachricht erhielten wir am 2. oder 3. März, am 5. März hatte Mutti Geburtstag. Sie wurde 39 Jahre alt.

Vater kam auf Urlaub. Wen sollte er trösten, es haben alle geweint. Ich sehe ihn, sitzend auf einem Stuhl, ganz nach vorn gebeugt, und seine Hand versuchte in seiner Hosentasche noch ein Taschentuch zu finden. Unser Vati weinte und wollte es doch keinem zeigen, er war immer so stark gewesen.

Dann waren wir wieder allein. Mutti versorgte das Peterchen, der hatte keine Sorgen! So verging die Zeit bis zum Sommer 1944. Draußen donnerten die Kanonen und der Himmel färbte sich rot. Die Soldaten drängten zur Eile und so wurde unser Leiterwagen vollgepackt und das kleine Pferdchen vorgespannt. Die Kleinen durften mitfahren, die Großen fuhren auf alten Rädern hinterher und Mutti lenkte das Fahrzeug. Ich weiß nicht, wie weit wir gefahren waren, als es hieß, hier bleiben wir erstmal, aber mehr als 30 Kilometer waren es nicht. Trotzdem waren wir froh und unser braves Pferdchen auch, denn die letzten Meter hatten wir den Wagen schieben müssen.

Eine große Scheune, viele Menschen und viel Stroh, aber Müdigkeit macht zufrieden und Hunger hatten wir nicht, draußen wurde gekocht und gebraten, ein paar Ziegelsteine und schon war ein Herd gebaut. Später haben wir ein Quartier bei einer netten Familie bekommen und dann im Herbst 1944 einen Eilbescheid, sofort zu packen, wir würden zum Zug und in Sicherheit gebracht. Es standen viele Leute auf dem Bahnsteig und wären gern mitgefahren. Günther, unser begabter Musiker, spielte mit hochrotem Kopf auf dem geretteten Akkordeon von Fritz: „Muss i denn zum Städtele hinaus...“

Ich weiß auch nicht, wie lange wir unterwegs waren, aber als es hieß, alles aussteigen, da waren wir in Bad Lausig in Sachsen. Wieder ein Raum mit Stroh und dann gab es Kohlsuppe mit Fleisch!

Am anderen Tag wurden wir abgeholt. Ein Pferdewagen und ein freundlicher Mann holten uns nach Trages und brachten uns in einem älteren Gebäude unter. Sie versorgten uns auch mit Essen und so waren wir erstmal glücklich und zufrieden. Erst am anderen Tag merkten wir, wo wir waren. Ganz in der Nähe war das große Werk Espenhain und die großen Schornsteine spuckten so viel Rauch aus, dass das ganze Land gestunken hat. Aber schlimmer waren die Luftangriffe! Dann wurde die ganze Region eingenebelt, damit die feindlichen Flieger nicht die Werke sehen konnten. Dadurch fielen die Bomben auch dahin, wo wir und alle anderen wohnten. Jede Nacht und auch am Tag, es gab keine Ruhe, und Mutti hatte immer nur den Peter an- und auszuziehen. In Mölbis sah ich die Toten vom letzten Angriff und hatte Angst, dass wir die nächsten sind.

Und dann kam alles ganz anders. Es kam der Frieden, draußen fuhren amerikanische Panzer durch das Dorf, die Soldaten gaben den Kindern Süßigkeiten und meine älteste Schwester Elfi suchte sich einen Tag aus, um ihr Kind zu kriegen. Ich wurde losgeschickt, um eine Storchenmutter zu holen. Ich fand keine und als ich nach Hause kam, hielt Elfi einen kleinen Schreihals im Arm, Mutti war wohl Geburtshelferin gewesen.

Dann kam Vati nach Hause, später kamen auch Hans und Heinz, und irgendwie hatten alle Arbeit, auch wenn man vom Geld nichts kaufen konnte. Die Großstädter aus Leipzig kamen in Scharen, um etwas an Lebensmitteln zu bekommen, sie brachten ihr ganzes Eigentum mit, aber die Bauern im Dorf waren meistens nicht daran interessiert, sie hatten schon genug eingetauscht.

Es war 1947, da fuhr unser Vater nach Mecklenburg, denn da sollte es Land und genug zu essen geben. Kurze Zeit später waren wir alle dort und wohnten in einer Kate mit vielen Wanzen in enger Gemeinschaft. Wir haben in Nienhagen Land bekommen, eine magere Kuh und auch ein Pferd. Gearbeitet haben wir wie verrückt, aber wir wurden auch wie Freunde aufgenommen. Vati machte mit Hans und Günther Musik. Wir haben ein Haus gebaut und wir haben Bäume gepflanzt. Nach einer Zwischenstation bei Verwandten in Schleswig-Holstein bin ich nach Mecklenburg zurückgekehrt und habe später als Lohnbuchhalterin und Verkaufsstellenleiterin gearbeitet. Rückblickend muss ich sagen, dass das Leben unserer Eltern nur Arbeit und Sorge um uns gewesen ist.

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