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Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Wir haben vor Hunger geweint

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ella Arndt aus Schwerin erlebte als Vierjährige die Flucht aus Ostpreuße. Ihr ganzes Leben schon ist es ihr wichtig, zu teilen

Ella Arndt wurde am 4. August 1941 in Eichendorf in Ostpreußen in der Nähe des heutigen Mikolajki (deutsch Nikoleiken) geboren. Sie lebt in Schwerin.

Meine Eltern hatten zehn Kinder. Der älteste Bruder musste nach Stalingrad, der nächste Bruder zum so genannten Volkssturm zu den letzten Kämpfen um Berlin. Auch mein Vater, Jahrgang 1896, wurde noch zum Volkssturm eingezogen. Keiner kam zurück.

Wir mussten zweimal flüchten. Der Gauleiter von Ostpreußen, Koch, hat gesagt, Ostpreußen ist sicher. Daraufhin mussten wir zurück. Letzten Endes mussten wir wieder flüchten. Als wir Kinder alle auf den Trecks saßen, hat man mich heruntergehoben und dafür eine ältere Frau mitgenommen. Meine Mutter ist mit einem Ziehwagen vorausgegangen und hatte einen Bruder von mir im Wagen, der Typhus hatte. Meine Schwester hört heute noch das Fantasieren meines Bruders. Eine Frau kam zu meiner Mutter und hat ihr erzählt, dass man mich vom Wagen genommen hat. Sie ist daraufhin zwei Kilometer zurückgegangen und hat mich wieder auf den Wagen gesetzt. Sonst wäre ich für immer verschollen. Wenn wir später vom Hamburger Sender den Kindersuchdienst gehört haben, sagte meine Mutter, dass es mir auch so hätte ergehen können. Auf der Flucht wurden wir beschossen. Vor uns fuhr ein Wagen mit einer Mutter und sieben Kindern. Die Frau wurde getroffen. Was aus diesen Kindern geworden ist, weiß kein Mensch.

Verlaust waren wir alle, am meisten ich. Man hat mir meine Haare abgeschnitten. Ich soll nur geweint haben. Als wir noch zu Hause waren, kamen die Russen und holten die Frauen. Bei uns war ein 16-jähriges Mädchen, das die Russen immer wieder geholt haben. Zuletzt hat sie zu meiner Mutter gesagt, dass sie nicht mehr mitgeht. Sie wurde daraufhin erschossen. Ihr Grab gibt es noch heute. Es ist mit Efeu bepflanzt und ein polnischer Mann pflegt es.

In Mecklenburg wurden wir in einem Barackenlager in Klein Krankow in Wismar untergebracht. Wir erhielten dort einen Wohnraum. Meine Schwester sagte mir, dass wir in einem Bett zu dritt und zu viert geschlafen haben. In unserem Raum war noch ein Mädchen untergebracht. Sie ging immer zu den Russen.

Ein Erlebnis habe ich bis heute nicht vergessen. In Klein Krankow war ein Erntefest. Auf den Tischen waren Teller, Tassen und eine richtige Buttercremetorte. Ich hatte so etwas noch nie gesehen, geschweige gegessen. Mir kleinem Mädchen lief das Wasser im Mund zusammen.

Dieses Erlebnis trage ich mein Leben lang mit mir. Ich versuche immer etwas abzugeben und teile gern. Ich habe zwei Töchter, Katrin, geboren 1964, und Susann, geboren 1968. Heute kann ich sagen, dass es mir gut geht, auch wenn mein Mann leider 2008 nach einem Unfall verstorben ist.

Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass meine Mutter, eine einfache Frau, immer gesagt hat, dass der Deutsche diesen fürchterlichen Krieg mit ca. 60 Millionen Opfern angezettelt hat, denn Hass ergibt wieder Hass.

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