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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Wir fanden in Mecklenburg wieder zurück ins Leben“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Der Crivitzer Karl Poschmann musste im November 1945 mit seiner Familie die ostpreußische Heimat verlassen

1937 wurde ich auf dem Poschmannschen Bauernhof in Seubersdorf/Ostpreußen geboren. Die Taufe wurde groß gefeiert. War ich doch – wie es damals hieß – der Erbhofbauer. Meine Schwester und ich verlebten eine glückliche Kindheit, da uns die Wirren des Krieges noch nicht bewusst wurden. Aber Vater und Mutter waren sehr bekümmert, hatten sie doch schon die Schrecken des ersten Weltkrieges miterleben müssen.

Ab 1943 begannen die Kriegsereignisse, auch bei uns Kindern Veränderungen zu bringen. Wir nahmen eine Mutter und ihren Sohn aus Berlin auf. Sie waren ausgebombt und evakuiert worden. Ein kriegsgefangener Franzose war bei uns in der Landwirtschaft tätig. Vater wurde Soldat. 1944 sollte das letzte Jahr für die Familie in dem beschaulichen Dorf mit den kleinen Seen sein. Um die Weihnachtszeit 1944 flogen Fliegerverbände über Seubersdorf in Richtung Königsberg. In den Januartagen 1945 hörten wir den Geschützdonner aus dem zwölf Kilometer entfernten Liebstadt. Inzwischen hatten wir auch schon Flüchtlinge aus der Nähe von Insterburg bei uns aufgenommen. Fluchtpläne kamen bei uns nicht auf, da wir eine 70-jährige und eine 79-jährige Oma bei uns im Haus hatten.

Am 23. Januar 1945 waren erstmals russische Soldaten in unserem Wohnhaus. Drei von ihnen in warmer Winterkleidung und der MP im Anschlag kamen in die Stube. Wir nahmen alle instinktiv die Hände hoch. Zu uns Kindern waren die Soldaten gut. Ängste mussten immer die Frauen und die jungen Mädchen ausstehen. Um sich vor Vergewaltigungen zu schützen, lebten sie viel in Verstecken.

Mutter und die Flüchtlingsfamilie, ein taubstummer Ehemann mit seiner Frau, mussten Kühe melken und zur Versorgung der russischen Soldaten Arbeit leisten. Die Kühe wurden von den Bauernhöfen zusammengetrieben. Im April, kurz vor Hitlers Geburtstag, begann noch einmal eine große Verschleppung, vor allem von Mädchen und jungen Frauen. In Omas Stube in unserem Wohnhaus wurden drei junge Flüchtlingsmädchen vergewaltigt und anschließend mit unbekanntem Ziel, wenig bekleidet, mitgenommen.

Nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands verließen die Russen Seubersdorf. Stattdessen kamen Polen und nahmen den Ort in Besitz. Auf unseren Hof kam ein kinderloses polnisches Ehepaar und machte uns klar, dass uns der Hof nicht mehr gehöre. Mutter und das Flüchtlingsehepaar mussten für sie arbeiten. Am 4. November 1945 teilte uns der für das Dorf verantwortliche Pole mit, dass wir am 5. November um 8 Uhr den Hof zu verlassen haben.

In aller Eile nähte Mutter für uns aus Leinenhandtüchern kleine Rucksäcke. Mit einem solchen Bündel auf dem Rücken verließen Mutter, zwei Omas, meine Schwester Eva und ich den Hof. Es begann ein langer beschwerlicher Marsch über 30 Kilometer von Seubersdorf über Liebstadt nach Mohrungen, begleitet von Plünderungen. Wir mussten der Novemberkälte trotzen.

In Mohrungen auf dem großen Bahnhofsvorplatz war der Sammelpunkt. Es wurden uns geschlossene Güterwaggons zugewiesen. Wir saßen eng beieinander auf Stroh. Verzweiflung, Trauer und Melancholie griffen um sich. Einige stimmten Lieder an: „Nun ade, du mein lieb Heimatland“ und die Ostpreußenhymne.

Der Transport von Ostpreußen nach Mecklenburg dauerte nach mehrmaligen Unterbrechungen bis zum 20. Dezember 1945. Wir kamen in Hagenow-Land an, dann ging es weiter nach Wittenburg. Die beiden Omas hatten wir verloren. Die eine wurde bei kurz haltendem Zug an einer Bahnböschung regelrecht verscharrt, die andere in einem Massengrab in Küstrin begraben. Mutter schreibt in ihren Erinnerungen: „Aber ich dankte Gott, dass sie erlöst waren und sich nicht mehr quälen mussten. Ich hatte meine Kinder zu versorgen.“

In Wittenburg wurden wir von einem Büdner, Herrn Kähler, mit einem Fuhrwerk abgeholt. Nach zehn Kilometern Fahrt bekamen wir kurz vor Weihnachten 1945 ein schönes warmes Zimmer. Wir wurden fürsorglich aufgenommen. Heute noch besteht Kontakt zur Tochter der Familie.

Jetzt hatten wir wieder nach Wochen der Entbehrung ein warmes Bett. Das war eine Wonne! Wir hörten nicht mehr das Rattern der Räder der Güterwaggons und das Pfeifen der Lokomotiven. Wir sahen am Morgen, als wir erwachten, nicht mehr das Elend auf den Bahnhöfen – die sterbenden Menschen. Wir konnten uns wieder waschen, saßen auf Stühlen an Tischen. Wir fanden im Mecklenburgischen wieder zurück ins Leben.

Die Freude war groß, als Vater uns, aus englischer Gefangenschaft kommend, im Frühjahr 1946 fand. Wir hatten Glück! Im Herbst 1946 konnten wir in das kleine Chausseehäuschen in Püttelkow einziehen. Endlich stand unsere Mutter wieder am eigenen Herd. Schritt für Schritt ging es im Leben wieder aufwärts. Wir Kinder sammelten Ähren, stoppelten Kartoffeln, pflückten Beeren. Mutter arbeitete auf den Feldern. Vater war von nun an Straßenwärter. Wir waren glücklich, dass die Familie wieder zusammen war und gemeinsam schaffen konnte, im Sinne von Pestalozzi: „Man muss das Unglück mit Händen und Füßen angreifen ...“

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