Zirkus Carre : Wilder Ansturm auf die Manege

Werbeplakat des Zirkus Carre. 300 Pferde wirkten mit.  Repro: Martens
Werbeplakat des Zirkus Carre. 300 Pferde wirkten mit. Repro: Martens

In Schwerin und Wismar gab der weltgrößte Zirkus Carre kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges seine letzten Vorstellungen

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26. November 2015, 10:02 Uhr

„Zirkus Carre bedeutet für Schwerin ein Ereignis, wie es auf diesem Gebiete bislang noch nicht in unsern Mauern stattgefunden hat. Was nach Schwerin kommt, ist der einzige Zirkus mit zwei Manegen, der einzige Drei-Masten-Zirkus, gleichzeitig der einzige Zirkus mit Rennbahn.“ Diese überschwängliche Ankündigung war am 1.Juli 1914 in der Mecklenburgischen Zeitung zu lesen.

Es wurde berichtet, dass diese Festspiele die größten der Welt seien, die auf der gesamten Erde überall einen großen Erfolg gefunden haben und ohne Beispiel sind. Die Mitwirkung von 300 Pferden verschiedener Rassen und 200 Menagerie Tieren wurde angekündigt. Dazu gehörten eine Elefantenherde, zehn Löwen, diverse Eisbären, Bisons, Kamele und Königstiger.

„In einem Sonderabschnitt der Spielfolge werden sich Bilder aus Wild-West abspielen. 30 Cowboys, Cowboy-Girls, Neger, Mulatten, Pferdebändiger, ferner eine Masse von Bockpferden, Prärie- und Sattelpferden werden in diesen Szenen vereint sein. In diesem Glanz und Reichtum aller nur denkbaren Kunstrichtungen wird das Publikum gebannt sein und einen edlen Wettstreit aller Völker des Weltballes durchleben, der unvergesslich schön, aus unserem Gedächtnis unverwischbar sein wird. Zu der größten Völkerschau gehören auch Eskimo-Akrobaten, indische, chinesische, japanische und andere fremdländische Artisten und Gaukler" so die Presse weiter.

Zirkus Carre war zu dieser Zeit nicht nur in Schwerin, sondern in ganz Deutschland bekannt. Im Jahre 1790 leitete Joseph Carre eine neue Dimension und Bedeutung für die gesamte Zirkuswelt ein. Aus seiner Ehe entspross Wilhelm Carre, der im Jahre 1817 in Ostpreußen geboren wurde und 1854 den Grundstein für den Zirkus legte. Er errichtete 1863 auf einer Plantage in Amsterdam den ersten festen Zirkus. Nach seinem Tod 1873 übernahm sein Sohn Oscar den Betrieb. Er baute das von seinem Vater geerbte Unternehmen mit unermüdlichem Fleiß weiter aus. Trotz großer Erfolge wurde die Zirkusfamilie aber auch nicht von Rückschlägen verschont.

Die Oesterreichisch-Ungarische Artisten-Zeitung Nr. 12 veröffentlichte am 28.Mai 1891 mit dem Titel : „Der verunglückte Extrazug des Zirkus Carre“ einen Bericht, demzufolge ein von Osnabrück kommender Personenzug auf den in der Station haltenden Extrazug des Zirkus Carre in die Flanke gefahren war. Bei dem Unglück gab es 6 Tote und 15 Schwerverletzte.

Die Zeitung berichtete weiter: „Carre, der nur leicht verletzt war, bot sich ein Bild furchtbarsten Schmerzes, als er seine Frau, entsetzlich verstümmelt (beide Beine abgefahren) und die Leiche seiner Tochter fand. Die Verwundungen und Todesursachen sind teilweise entsetzlich. Die verunglückte Frau Carre ist die Gattin des jungen Zirkusdirektors, die alte Frau Carre, Witwe des vor einigen Jahren verstorbenen Direktors. Der Wagen des Extrazuges, in welchem Direktor Carre mit seiner Familie saß, wurde zertrümmert. Frau Carre wurde später mit zerschmettertem Kopf tot herausgezogen. Herr Carre wurde hinausgeschleudert und erlitt Verletzungen am Arm, Knie und auf der Nase, blieb aber am Leben. Ebenso eine im selben Coupe befindliche Tochter des Carre´schen Ehepaares.“ Zur Zeit des Beginns der Festspiele in Schwerin am 2. Juli 1914 war Albert Carre der dritte Leiter dieses weltgrößten Zirkusunternehmens. Zur gleichen Zeit begann man mit den Vorbereitungen der Aufführungen in Wismar. „Heute Morgen traf mit Sonderzug der Zirkus Carre in Wismar ein. Der Transport der Pferde usw. erregte in hohem Maße das Interesse der Menschen. Im Laufe des Tages wurde mit unglaublicher Schnelligkeit das große Zelt errichtet, sodass für die erste Vorstellung heute Abend alles vorbereitet ist. Der Andrang wird ebenfalls groß werden, ist es doch etwas Außergewöhnliches, was dem Publikum auf diesem Gebiete geboten wird“, so die Ankündigung in der Presse. Nach den ersten Vorstellungen wurden besonders die Schulpferde „Walzertraum“ und „Edelweiß“ hervorgehoben, die unter der Meisterhand ihres Reiters Direktor Albert Carre hervorragende Leistungen präsentierten.

Die Presse jubelte: „Ein famoses Bild bot dann weiter das lebende Karussell des Herrn Direktors, bei dem eine so große Anzahl der prächtigen Pferde verwendet wurde, wie man es hier noch nicht gesehen. Eine nervenkitzelnde Vorführung boten die Fliegenden Menschen. Trotzdem ausreichende Sicherheitsmaßregeln angebracht waren, hörte man doch bei den bewundernswerten und exakt ausgeführten Leistungen Ausrufe des Schreckens aus dem Publikum.“ Des Weiteren fanden die Drahtseilkünstlerin und ihre mitwirkenden Künstler Erwähnung. Auch die vielen Clowns fanden die Anerkennung der Presse. „Alles in Allem waren die Besucher nach den dröhnenden Beifallssalven, die den ganzen Abend andauerten, von dem Gesehenen in hohem Maße befriedigt“, so die mecklenburgische Zeitung. Nach Vorstellungen am 2. und 3. Juli 1914 in Schwerin endeten die Aufführungen am 4. und 5. Juli in Wismar. Bei den Zuschauern aus Schwerin und Wismar festigten sich in jeweils drei Vorstellungen die Bilder friedlichen Zusammenlebens der Völker nebeneinander.

Wie war es aber mit der Ankündigung, dass das Erlebte aus dem Gedächtnis unverwischbar sein wird? Knapp vier Wochen später sollte der Erste Weltkrieg ausbrechen, der 8,7 Millionen Opfer forderte und die Erinnerung der friedlichen Carre-Festspiele beiseite drängte.
 

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