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Heinrich Seidel : Wie man den Klavierlehrer ärgert

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Heinrich Seidel zog 1852 mit seiner Familie nach Schwerin – und legte am Gymnasium eine eher mittelmäßige Schulkarriere hin

Wie mag sich wohl der kleine Heinrich Seidel gefühlt haben, als er im Frühjahr 1852 vom Land in die Stadt umzog, von Perlin nach Schwerin? War er traurig? War er ängstlich? War er neugierig? Einen ungefähren Begriff von seiner psychischen Verfassung erlauben die Beinamen, die ihm die Mitschüler einer Vorbereitungsschule für das Gymnasium zu Beginn seiner Schweriner Zeit gaben – „Drömer“ und „Slapmütz“, Träumer und Schlafmütze.

Doch das sollte sich schnell ändern, und als der Junge im Alter von elf Jahren auf das Gymnasium kam, da war das einsiedlerisch-träumerische Wesen, welches er von Perlin mitgebracht hatte, ganz und gar verschwunden.

Die Zeit, die Seidel auf dem Gymnasium verbrachte, war kein Ruhmesblatt für ihn, wie er auch selber in dem einen oder anderen autobiografischen Text zugab: „Ich kam, wie schon gesagt, mit elf Jahren in die Quinta des Schweriner Gymnasiums und war damals der Jüngste in der Klasse, muß also wohl bis dahin ein ziemlich guter Schüler gewesen sein“, bemerkt der Autor in seiner vier Jahrzehnte später veröffentlichten Autobiographie „Von Perlin nach Berlin“. Doch dann heißt es weiter: „Von diesem Zeitpunkt an war es aber damit zu Ende, und ich erinnere mich, daß mir einmal vier Schillinge (25. Pf.) versprochen wurden, wenn ich einmal eine Woche lang nicht nachsäße. ,Das läßt tief blicken!‘ würde ein gewisser sozialdemokratischer Abgeordneter sagen“, fügt Seidel hinzu und setzt anschließend eine hübsche Pointe. „Ich gewann aber diesen Preis und erstand mir für das Geld eine Maultrommel, auf welchem Instrument ich mich mit vielem Eifer zu üben begann“ – allerdings ohne die erhoffte Meisterschaft zu erlangen. Auch im Klavierspielen lief es nicht besser: „Hier kann ich wohl gleich einfügen, daß sich drei Klavierlehrer durch acht Jahre an mir abgeärgert haben, ohne mir etwas beibringen zu können. Nicht daß ich unmusikalisch gewesen wäre, aber ich wollte nicht. Durch nichts kann man übrigens einen Klavierlehrer mehr ärgern, als wenn achtmal hintereinander f anschlägt, während man ganz genau weiß, daß es fis sein soll.“

Eine Gedenktafel erinnert an den Ingenieur und Schriftsteller.
Eine Gedenktafel erinnert an den Ingenieur und Schriftsteller.
 

Nein, unmusikalisch war der junge Seidel keineswegs, sondern er verfügte über eine gute und starke Sopranstimme – und diese sollte ihm helfen, als er nach der doppelten als üblichen Zeit in der Quinta endlich in die Quarta versetzt wurde. Deren Oberlehrer, ein Doktor Büchner, war ebenfalls musikalisch und hatte aus Liebhaberei die Singstunde übernommen. Schon wegen Seidels Sopran hatte dieser Lehrer eine gewisse Vorliebe für ihn, kam ihm wohlwollend entgegen und – „was mir noch nie passiert war, er traute mir etwas zu“. Mit diesem pädagogischen Geschick schaffte es Doktor Büchner, dass Seidel die Quarta in der regulären Zeit passierte und mit noch 15 Jahren nach Tertia versetzt wurde – wo dann das alte Elend wieder von vorne anfing. Aber was hieß das genau? Denn der Pastorensohn war keineswegs in allen Fächern schlecht, sondern bloß in den falschen: „Wer sein lateinisches Exerzitium ohne Fehler machte, seine unregelmäßigen Verba am Schnürchen hatte und im Griechischen etwas leistete, der konnte in den übrigen Fächern so mäßig sein, wie er wollte, und ein Deutsch schreiben wie ein Hausknecht, darauf kam es gar nicht an.“ Und so nützte es ihm auch wenig, dass er stets zu den besten Aufsatzschreibern gehörte und ihm der alte Doktor Schiller seine Arbeiten immer mit der Bemerkung zurückgab: „Ja, der Seidel! Ist sonst so ’n schlechter Schüler, aber Deutsch kann der Jung’. Hab’m wieder 2a geben müssen. Ich weiß nicht, wo der Jung’ das her hat.“ Neben Deutsch und Singen lagen Seidel vor allem Mathematik, Geographie, die Naturwissenschaften und das Turnen. Dagegen hatte er mit den alten Sprachen und Französisch und somit mit der Schule insgesamt wenig Glück. So berichtet er auch über eine immer wiederkehrende Frage des alten Prorektors Reiz: „Seidel, wann gehn Sie ab?“ Statt seiner habe stets die ganze Klasse im Chor geantwortet: „Noch lange nicht, noch lange nicht!“ „Das ist schade!“, lautete die Antwort des Prorektors. Irgendwann war es aber dann doch so weit, dass Seidel nicht mehr auf dem Gymnasium bleiben konnte und sich für eine berufliche Zukunft entscheiden musste. Auf Fragen dazu gab der gescheiterte Gymnasiast eine für das damalige, eher unindustrialisierte Mecklenburg ungewöhnliche und eine gewisse Bewunderung hervorrufende Antwort: „Ick ward’ Maschinenbuger.“

Und so ist es dann auch gekommen. Den ersten Schritt auf diesem Weg tat der künftige Ingenieur und Schriftsteller, als er um Ostern 1858 als Sechzehnjähriger für ein Jahr als Lehrling in die Schweriner Lokomotivreparaturwerkstätte eintrat, um die praktischen Arbeiten seines künftigen Berufs kennen zu lernen, dann noch ein halbes Jahr lang Privatstunden in Mathematik nahm und bei seinem Vater Aufsätze schrieb. Im Herbst 1860 verließ der inzwischen 18-jährige Heinrich Seidel das heimatliche Schwerin. Sein Ziel waren Hannover und das dortige Polytechnikum – eine moderne Ausbildungsstätte für Ingenieure und Architekten.

 

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