Mecklenburger Planschatz : Wie ein Sechser im Lotto

Blick in die Kiste mit dem Planschatz  Fotos: Landesbibliothek MV
1 von 3
Blick in die Kiste mit dem Planschatz Fotos: Landesbibliothek MV

„Mecklenburger Planschatz“ liefert zahlreiche neue Erkenntnisse – und auf Jahre Stoff für die Forschung

svz.de von
26. November 2015, 09:26 Uhr

„Das war wie ein Sechser im Lotto“, sagt Sigrid Puntigam über den Moment, als sie zum ersten Mal in der Landesbibliothek MV den Deckel von einer Plansammlung hob, die dort rund 200 Jahre lang unangetastet gelegen hatte. Die Kiste mit der Aufschrift „Portefeuille I, Grundrisse und Pläne von Städten, Festungen und Gütern“ offenbarte rund 300 Zeichnungen und Kupferstiche, die zwischen 1700 und 1800 in Mecklenburg sowie in anderen deutschen Staaten und im Ausland entstanden. Etwas später kam eine weitere Mappe hinzu, so dass der Planschatz etwa 600 Zeichnungen zählt. Sie bringen Farbe auf manch weißen Fleck der Architekturgeschichte – die Schlösser in Ludwigslust und Bothmer konnten von wieder gefundenen Originalzeichnungen bereits profitieren.

Aber der Reihe nach. 2011 erhielt die Kunsthistorikerin Sigrid Puntigam von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Mecklenburg-Vorpommerns den Auftrag, zum Schloss Ludwigslust zu recherchieren. Die Wissenschaftlerin, deren Arbeitsschwerpunkte Residenzforschung und höfische Kultur sind, machte sich auf die Suche nach Plänen und Bauzeichnungen. Doch überall hieß es mit Verweis auf den Brand des Landesarchivs im 19. Jahrhundert: Es tut uns leid. Dann jedoch entdeckte Puntigam auf der Rückseite eines überlieferten Plans den Vermerk „Portefeuille I“. „Ich kannte es aus Hessen, dass Pläne aus der Schlossbibliothek so gekennzeichnet waren“, sagt die Wissenschaftlerin, die sofort die entscheidende Frage stellte: Wohin ist die Bibliothek aus dem Ludwigsluster Schloss gekommen? Die Antwort: Die Büchersammlung war im 19. Jahrhundert in die Regierungsbibliothek überführt worden und später in der Landesbibliothek aufgegangen. Und genau hier fand Sigrid Puntigam die Aufschrift Portefeuille I wieder: Als Deckel einer unglaublichen Sammlung von Plänen und Schriftstücken. „Der Blick in die Kiste war überwältigend“, erinnert sie sich. Zum Fund gehörten rund 70 Zeichnungen aus der Hand des Baumeisters Johann Friedrich Künnecke, darunter ein Präsentationsriss von Schloss Bothmer. Es fanden sich Entwürfe von Johann Joachim Busch wie eine besonders schöne Fassadenzeichnung der Ludwigsluster Schlosskirche. Außerdem lagen in der Kiste rund 80 Blätter mit dem Namensstempel des französischen Architekten Jean Laurent Le Geay – sensationell zum Beispiel der Plan des barocken Schweriner Schlossgartens.

Gerade zu Le Geay, der als maßgeblicher Anreger frühklassizistischer Architektur in Frankreich gilt, gibt es nur wenige autobiographische Notizen. Von 1748 bis 1755 wirkte der Pariser unter Herzog Christian Ludwig als Hofbaumeister in Schwerin. Dass sein Œuvre nun um 80 Zeichnungen vermehrt werden konnte, gibt der Forschung einen Impuls. Das verdeutlichte der Kunsthistoriker Johannes Erichsen in einem Vortrag über dieses „Enfant terrible“ der Architektur im Oktober in Schwerin auf einem Planschatz-Symposium. So lieferte der Fund Aufschlüsse über bislang unerkannte Arbeiten Le Geays wie die Fürstenempore in der St. Marienkirche in Rostock – nach Erichsons Aussage ein „international bedeutsames Werk auf dem Weg zum Klassizismus“.

Die hervorragende Chance für Kontextforschung war ein weiteres Thema des Schweriner Symposiums. Inzwischen beschäftigen sich Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete mit dem Planschatz – und sie werden noch eine Weile zu tun haben. So beweist der Fund zum Beispiel, dass der Schweriner Hof des 18. Jahrhunderts international ausgerichtet war. Architekturzeichnungen aus Rom und Paris, darunter eine aus der Hand des berühmten Filippo Juvarra befanden sich in der Kiste – möglicherweise von Architekten als Inspirationsquelle gesammelt. „Das zeigt auch, wie damals Kulturtransfer funktionierte“, sagt Sigrid Puntigam. Und apropos Inspiration: Die Mappe enthält auch Le Geays Skizze eines „Palazzo in fortezza“, einer von einer Festungsanlage umgebenen Residenz. Diese 100 Jahre vor Umbau des Schweriner Schlosses entstandene Zeichnung ist ein Idealentwurf, dessen Realisierung die finanziellen Pläne des Herzogs bei Weitem überstieg – wie bei vielen Projekten Le Geays. „Trotzdem legt man sich so etwas nicht hin, ohne dass man etwas damit vorhat“, ist Sigrid Puntigam überzeugt. Sie hält es sogar für möglich, dass die Architekten des 19. Jahrhunderts die Pläne Le Geays gekannt haben.

Die Frage, ob der Planschatz nun eine gezielt angelegte Sammlung oder eine willkürliche Ansammlung von Zeichnungen und Stichen ist, ist noch zu klären. Möglich ist zum Beispiel, dass Herzöge Pläne von ihren Kavalierstouren mitbrachten – wenngleich diese Erklärung allein nicht ausreicht. Fest steht, dass unter der Regierung von Herzog Christian Ludwig 1753 das Hofmarschallamt die Zuständigkeit fürs Bauwesen erhielt und die Baumeister aufforderte, ihre Entwürfe abzuliefern. Möglich ist auch, dass der hoch verschuldete Le Geay, der mit mindestens zwei Jahresgehältern in der Kreide stand, Verbindlichkeiten mit eigenen Zeichnungen und wertvollen Plänen aus seinem Studienmaterial bezahlte.

Wie geht es nun mit dem Planschatz weiter? Inzwischen wurden alle Seiten des Fundes digitalisiert. Vorgesehen sind jetzt ein Bestand- und Essaykatalog, die Aufnahme ins Fachportal Architekturzeichnungen der Deutschen Fotothek und eine Ausstellung.  

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen