Poesie : Wie die Warnow zur Muse wurde

„Varnia Musa“: Die Warnow war für Andreas Mylius die Göttin seiner Dichtkunst.
„Varnia Musa“: Die Warnow war für Andreas Mylius die Göttin seiner Dichtkunst.

Hofrat und Poet Andreas Mylius widmete dem Fluss im 16. Jahrhundert zahlreiche Verse. Schöngeist fand sein Refugium in Gädebehn

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29. Januar 2016, 16:32 Uhr

Glänzend in Latein und Altgriechisch und fest verankert im Luthertum: Als der 23-jährige Herzog Johann Albrecht I. auf seiner Rückreise vom Reichstag in Augsburg am 9. November 1548 in Strelitz den zwei Jahre jüngeren Andreas Mylius traf, erschien ihm dieser als der richtige Mann, um zu Hause den neuen Glauben durchzusetzen. Mylius war Absolvent der Fürstenschule in Meißen, hatte wohl ein Jahr zuvor seinen Magister in Wittenberg gemacht und war Sohn eines Baumeisters – ein Bürgerlicher! Kurz entschlossen nahm der Fürst den Magister vorerst mit an den Güstrower Hof – ohne Bestallung, ohne festes Gehalt, einfach als Berater in wissenschaftlichen Dingen und in denen der Religion. Schnell aber wurde Mylius darüber hinaus herzoglicher Bibliothekar, Erzieher des Herzogs Bruder Christoph und Sprachlehrer. Zu alledem aber war er auch Dichter und Poet zur eigenen Erbauung.

Besonders als Diener und Berater in mecklenburgischen Staatsgeschäften entwickelte sich der multitalentierte Sachse zu des Herzogs Allzweckwaffe. Mylius führte die stets in Latein gehaltene Korrespondenz mit Preußen, mit dem Erzbischof von Riga, mit dem König von Polen. Im Gefolge des Herzogs eilte er zwischen den Mecklenburger Höfen hin und her und reiste bei Wind und Wetter durch halb Europa. Als Gesandter hatte er auch stets, der höfischen Etikette entsprechend, Verse zur Hand, die er in seines Herrn Auftrag oder im eigenen überreichte.

Mylius war poetischer Dienstleister des herzoglichen Hofes, der zahllose Huldigungs- und Begrüßungsgedichte, Gleichnisse und Beileidsverse anfertigte. Er war aber auch Dichter in eigener Sache, der seine Verse allerdings fast ausschließlich in Latein verfasste. Seine noch unübersetzten Werke liegen vornehmlich in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel und harren dort der Erschließung. Der Gipfel seines poetischen Verteilersystems ist ein Gedicht an die eigene Frau, das er gleichzeitig und unverändert an die Braut des dänischen Staatsmannes Heinrich von Below und an Sophie von Dänemark versandte, immer in der Hoffnung auf ein anerkennendes Salär.

Am Hof in Schwerin musste der landesfremde, schwer sächselnde Dichter ohne Stellung, der jedoch als engster Vertrauter des Herzogs bei allen Angelegenheiten mitredete, Missgunst, Neid und manche Kränkung hinnehmen. Zwischen all seinem literarischen Schaffen und seinen diplomatischen Diensten fand Mylius immerhin noch Zeit, die Tochter des Schweriner Bürgermeisters Rotermund zu ehelichen und elf Kinder zu zeugen. Die Sorgen um diese vielköpfige Familie machten ihn ebenso zum Knauser wie ihn die Kränkungen am Hof borstig werden ließen. Erst 1565 gab der Herzog seinem Freund eine feste Bestallung als „Hofrat“.

Mylius große Stunde schlägt im Jahr 1572: Nach 25-jährigem Dienst am fürstlichen Hof erhält er für seine treuen Dienste das Gut Gädebehn, unweit von Crivitz an der Warnow gelegen, zum erblichen Lehen. Mylius ist überglücklich. Gädebehn wird zu seinem Refugium; hier erholt er sich von seinen vielen Krankheiten, die er sich auf Reisen zuzog. Hier lässt er sich endgültig als „Ruheständler“ nieder.

Die Warnow, „Varnia Musa“, ist fortan die Göttin seiner Dichtung und mit „Ruri ad Varnum“, dem Landsitz an der Warnow, sind seine Schriftstücke unterzeichnet. Hier findet das wirkliche Leben, das mecklenburgische Landleben, Eingang in seine Dichtung. Hier ist er nicht nur Schöngeist – hier stopft der geheime Rat und gelehrte Humanist Gänse, räuchert Schinken und führt den Sterz des Mecklenburger Hakens, hier sät und erntet er. Neben nördlicher Gemütlichkeit hatte der sächsische Poet auch das mecklenburgische Behagen am guten Essen gelernt. Doch zur reinen Freude gereichte ihm die Warnow nicht: Von Bülow auf Kritzow hatte auf der Warnow das Sagen, gegen dessen Sippe er am Hofe noch metrisches Gift versprüht hatte. Die „Físcherei in der Warnow“, so Mylius jetzt in deutsch, „gestehen die Bulowen von Kritzou dem hofe nicht zu“. Als dann aber der Kaiser Maximilian II. den Andreas Mylius adelt, schleimen sich die Bülows beim Gädebehner ein und lassen ihren nunmehrigen Standesgenossen weiter seine Warnow-Krebse fangen. An die Warnow nach Gädebehn lud Mylius auch Freunde ein, die sich mit der einfachen Ausstattung des Gutshauses begnügen mussten. Beim Sachsen gab es zudem nur Gänsewein „aus guter Quelle“, wer sich besäuseln wollte, musste seinen Wein mitbringen.

Doch neben den Sorgen und Freuden des Landlebens verschmolzen Mylius’ Gedanken immer wieder mit der Warnow, an deren Ufer bei Gädebehn er am 30. April 1594 starb. Wie sagte doch sein Biograph Emil Henrici: „Verglichen mit anderen Dichtern seiner Zeit ... steht Mylius klein da, sie alle lebten von den Stätten der Bibel, von Hellas und Rom, in einer anderen Welt. Mylius lebte in Mecklenburg, nur er verdient diesen Namen: Der Dichter der Warnow!“

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