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Flucht, Vertreibung, Neuanfang – Ihre Geschichte : Westwärts ins Ungewisse

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Dr. Hans Bomke aus Schwerin erlebte bei der Flucht aus Westpreußen schlimme Szenen – und Hilfsbereitschaft beim Neuanfang

Beginnen möchte ich den Beitrag zum Thema „Flucht, Vertreibung, Neuanfang“ mit einer Bemerkung aus dem Roman „Heimatmuseum“ des aus Ostpreußen stammenden Schriftstellers Siegfried Lenz: „Zu jeder Zeit ... wurde Menschen die Heimat genommen; keine Epoche, in der es nicht Verbannte, Vertriebene, Exilierte gab; immer und in allen Himmelsrichtungen waren Menschen gezwungen, sich in eine Fremde zu retten: Sie konnten nur bestehen, wenn sie aufhörten, die alleinige Wahrheit in der Vergangenheit zu suchen.“

Ich habe die Vertreibung und Flucht aus Westpreußen erlebt und werde sie bis zum Lebensende nicht vergessen können. Wir gehörten zu Westpreußen und dieses Land gehörte uns, das war seit Jahrhunderten so. Eines Morgens im kalten Januar 1945 standen die Bewohner in den Haustüren und vernahmen noch fernen, aber deutlich zu hörenden Geschützlärm. „Is das nich die Mejlichkeit, müssen wir denn wirklich los. Wir haben doch nuscht jetan, nei, wir gehen nich auffe Flucht“, meinten manche Bewohner. Doch dann musste Bürgermeister Engelmann den Befehl zur Evakuierung erteilen. Nach zehn Tagen sollte die Rückkehr erfolgen – hieß es.

Die Flucht begann in Groß-Krebs, Kreis Marienwerder, Reichsgau Danzig-Westpreußen, im Morgengrauen des 21. Januar 1945 und endete am 30. März 1945 in Groß-Laasch, Kreis Ludwigslust, Mecklenburg. Nur wenig Zeit blieb zum Packen, Aufladen und Verzurren einiger Habseligkeiten auf Ackerwagen und Handschlitten für den Treck, der uns über die zugefrorene Weichsel hinweg westwärts ins Ungewisse führte. Längst waren die Ladeflächen voll, so dass manches Inventar, Gepäck und Hausrat vor den Fahrzeugen im Schnee liegen blieb. Nach dem Aufbruch begann sofort das Abfragen und Vergewissern: „Ist denn auch der Wecker mit, die Wärmflasche?“ An Tieren durften nur Pferde mitgenommen werden, an langen Stricken hinter den Gespannen trottend. Die vereisten Landstraßen säumten Aufgegebenes, Abfälle und auch Schneegräber mit Holzkreuzen, für die Nachfolgenden stille Wegweiser. Manche Flüchtlinge wollten und konnten nicht weiter und erklärten, nachkommen zu wollen. Daraus wurde oftmals nichts, denn der Fluchtweg wurde auch geändert, weil er abhängig wurde von den wechselnden Bedingungen, von Begegnungen mit vielen anderen Trecks, von Militärfahrzeugen der Wehrmacht und der Roten Armee.

Zwang und Furcht bedeuteten nur dies: weiter, schnell weiter. Ein gesichertes Vorwärtskommen konnte es kaum geben, denn Spuren, Kontrollen nach versprengten Wehrmachtssoldaten, dazu Gerüchte und falsche Anweisungen führten oftmals zur Richtungsänderung. Licht gab nur der Schnee, denn aus Angst vor Tieffliegern durften die Laternen nicht benutzt werden. Da auf der Strecke auch Wehrmachtstrupps unterwegs waren, blieb der Beschuss durch Tiefflieger nicht aus. Im Weiterfahren waren getötete oder verwundete Menschen und Tiere in den Straßengräben, verlassen und hilflos, zu sehen.

Die Übernachtung nach Erreichen des Tagesziels erfolgte in Scheunen, Schulen oder Sälen, in der Regel auf Strohlagern, ohne Wärmequelle. Viele Ältere und Kinder starben an Erschöpfung, Typhus hatte sich ausgebreitet. Die Essenzubereitung erfolgte auf offenen Feuerstellen. Weiter westwärts teilten „Verpflegungsstellen“ etwas Suppe aus. Selbst vor den toten Pferden im Straßengraben und den gefrorenen Rüben auf den Feldern konnten manche Hungrige nicht haltmachen und starben danach qualvoll.

Die beiden jüngsten Geschwister konnten während der Fahrt nicht das Fluchtfuhrwerk verlassen und hatten fast steife Gliedmaßen. Ende März 1945 endete in der Nähe von Ludwigslust endlich die Flucht für uns, da wir nicht mehr weiterkonnten.

Im neuen Wohnort Groß-Laasch erhielt unsere sechsköpfige Familie (ab September 1945 sieben) eine Waschküche als Unterkunft zugewiesen, später dann im Gemeindehaus eine Wohnung mit zwei kleinen Zimmern und Küche. Vater musste als Straßenbauarbeiter zunächst allein die große Familie durchbringen. Nachdem er als 50-Jähriger Invalidenrentner wurde, arbeitete Mutter in einer Fabrik in Ludwigslust.

Einen Gegensatz zwischen Einheimischen und Flüchtlingen haben wir nicht erleben müssen. So manche große Tüte mit Lebensmitteln haben Nachbarn der Mutter überreicht. Wir Kinder wurden in der Adventszeit von den Bauern zum Essen eingeladen. Auf den Herbstfeldern sammelten wir Kinder Getreide-Ähren, so dass wir vom Müller Mangelsdorff zusätzlich Mehl erhielten. Durch die große Flüchtlingswelle hatte sich die Einwohnerzahl des Dorfes fast verdoppelt, so dass 1948 der Ort 1600 Einwohner hatte. In den Jahren 1948/49 gingen 261 Kinder in die Groß-Laascher Schulen.

Nach der deutschen Wiedervereinigung besuchte ich unser Heimatdorf im früheren Westpreußen. Die Bewohner, 1945 aus Ostpolen von den sowjetischen Behörden vertrieben, erteilten mir freundlich und zuvorkommend Auskünfte. Leider konnte ich die 1293 gegründete Dorfkirche nicht betreten, in der ich einmal getauft worden war. Vom alten deutschen Friedhof war nur noch ein völlig überwachsenes Areal übriggeblieben.

Schließen möchte ich meinen Bericht wiederum mit dem eingangs genannten Roman von Lenz: Es habe „für viele, die verstreut und weggeschwemmt wurden, keine Rückkehr gegeben; jeder respektierte ihre Trauer über das Verlorene, jeder hoffte aber auch auf ihre Bereitschaft zu neuer Gemeinsamkeit im fremden Land.“ Das galt beim Erscheinen des Romans vor ca. 35 Jahren und es gilt noch heute im Jahr 2016, meine ich. Auch heute gibt es Flucht und Vertreibung.

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