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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Wer sich nicht erinnert, lebt nicht bewusst

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Theo Sasse aus Lutheran knüpfte nach seiner Vertreibung aus Ostbrandenburg wieder freundschaftliche Kontakte in seinen Geburtsort

1. Juli 1945. Sonntag. Brütend heißer Vorsommertag. Altgurkowschbruch, heute Goreco, Kreis Strzelce Krajenskie, ehemals Friedeberg in der Neumark. Ostbrandenburg. Um 11 Uhr erscheint der polnische Bürgermeister: „Um 13 Uhr haben Sie den Hof zu verlassen! Mitzunehmen: 30 Kilogramm Handgepäck auf einem Ziehwagen.“ Meine Mutter, den Tränen sehr nah: „Theo, öffne noch schnell die Kaninchenbuchten! Guck noch einmal über den Hof, hier kommen wir nie wieder her!“

Wie mag es Oma und Opa jetzt gehen? Wenige Tage zuvor sollten Alte und Kranke sich schnell auf einen Sammeltransport begeben. Richtung Anklam, Gemeinschaftsunterkünfte stünden schon bereit. Ein herzzerreißender Abschied.

Ob Tabberts Ilse, die unmittelbare Nachbarin, auch Hab und Gut im Stich lassen muss? Die junge Tochter der Familie hatte während des Krieges den polnischen Zwangsarbeiter Lukas Luczak vom Nebengehöft Klatt geheiratet. Musste hart büßen: Wegen „Blutschande“ einige Monate KZ!

Die Strapazen in der Hitze, die Ungewissheit verdrängten die schwermütigen Gedanken. Bruder Heinz (7) schmerzten die Füße. Die Schuhe waren neu, drückten. Ich (9) durfte den kleinen Bruder auf den Handwagen eines Mitflüchtenden setzen, musste dafür aber den mehr beladenen Wagen mitbewegen... Die Tagestouren betrugen durchschnittlich 30 bis 40 Kilometer.

Die Höfe der nahen Verwandten lagen ein paar hundert Meter auseinander. Die Vorfahren bauten auf hohen Standorten, um Schutz vor dem Hochwasser der Netze, eines Nebenflusses der Warthe zu haben, die bei Küstrin in die Oder fließt. Erst nach dem Siebenjährigen Krieg hatte Friedrich der Große die Flusslandschaft umfassend meliorieren lassen. Die Alte Fritz holte hauptsächlich evangelische Siedler in das sanierte Gebiet – soweit ein kleiner Exkurs in die Geschichte.

Unser Treck endete am 8. August 1945 auf dem Marktplatz in Lübz. Das erste Dach über dem Kopf: ein enger, feuchter muffig riechender Raum im ehemaligen Gutshaus Benthen. Bald war ein kleines gemütliches Zimmer im Pfarrhaus verfügbar. Wir mussten es aber bald wieder räumen: Zurück in den Keller! Wer sich die Arbeiterkarte (Lebensmittelkarte, d. Red.) verdiente, war gut dran. Was die „Hungerkarte“ auf ihren Abschnitten für „Sonstige Personen ohne Beschäftigung“ bot, war zum Leben zu wenig, zum Sterben zuviel. Dann die Bodenreform. „Sie, Frau Sasse, kriegen bald ständige Arbeit, mehr als Ihnen lieb ist“, sagte der Bürgermeister zu unserer Mutter. Prompt änderte sich im Zuge der Bodenzuteilung, gute sechs Hektar, die Wohnsituation: Ein großes helles Zimmer! Blickrichtung Park und darüber weit in die Landschaft. Die Freude währte nicht lange. Mutter erkrankte schwer. Wir wurden das kleine Zimmer schnell los. Es gab keine andere „Hüsung“, um mit Fritz Reuter zu reden, als einen Raumteil im Feuerwehrgerätehaus. Eiskellertemperaturen herrschten während des kalten Winters 1947/48 – auch zu Weihnachten. Der Druck auf die Seele wollte nicht nachlassen. Wir hatten Heimweh nach Altgurkowschbruch!

Der vertraute Name Ilse ging Mutter nicht aus dem Sinn. Kontakte zu ehemaligen Nachbarn wurden hergestellt und ich kam in den Genuss der Heimatadresse in Altgurkowschbruch, Kreis Friedeberg. Frühjahr 1959. Ich wollte heiraten, brauchte eine Geburtsurkunde vom Standesamt in der Kreisstadt. Ilse Luczak, geborene Tabbert, besorgte mir das wichtige, gute Stück Papier. Die Brücke war geschlagen.

Im August 1963 besuchte ich mit meiner Frau Erika und unserer inzwischen zweieinhalb Jahre alten Tochter Marion meinen Geburtsort Altgurkowschbruch. Das Wiedersehen der angestammten Heimat gehörte zu den schönsten tiefbewegendsten Augenblicken in meinem Leben.

In Begleitung von Ilse Luczak durften wir unseren ehemaligen Hof besichtigen. Baulich gesehen hatte sich im Wohnhaus und in den Ställen nichts verändert – seit dem 1. Juli 1945. Mir fielen Mamas Worte ein: „Du siehst den Hof nicht wieder...“ Es war nun doch anders gekommen – dank Ilse. Ihr perfektes Polnisch öffnete jede Beamtenzimmertür. Wer zählt die Nachbarn von damals, die Bekannten, die wichtige Dokumente aus der ehemaligen Heimat brauchten, Geburtsurkunden, Ehestandunterlagen, Sterbeurkunden, und diese mit Ilses Hilfe aus dem Standesamt in Friedeberg erhielten?

Aus Anlass des 60. Jahrestages der Flucht aus Altgurkowschbruch weilten Ilse Luczak und der jüngste Sohn Günter eine Woche bei uns in Lutheran. So ganz spontan brachte Ilse heraus: „Ich freue mich, dass du in Mecklenburg eine schöne neue Heimat gefunden hast, Theo.“ Das Heimattreffen der aus dem Kreis Friedeberg stammenden Zeitgenossen in Hagenow 2009 war geprägt vom Besuch einer Gruppe der Interessengemeinschaft „Kinder des Krieges“, Zweigstelle Strzelce Krajenskie. Ob die polnischen Freunde auch Ilse Luczak kennen würden, fragte ich. Oh ja, selbstverständlich, die Luczakowa... Sie hat uns schon viel geholfen – als Sprach- und Sachverständige.

Zwischen den Jahren 1963 und 2013 war ich mit neun verwandten Ehepaaren auf Tagestouren in der alten Heimat. Am weitesten gereist war Cousin Günter aus Guatemala mit Frau und Tochter.

Die Erlebnisgeneration wird schnell kleiner. Es ist geboten, die Erinnerungen wachzuhalten. Wer sich nicht erinnert, lebt nicht bewusst.

Unsere Ilse lebt nicht mehr. Sie starb am 8. November 2016 im Alter von 93 Jahren.

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