Mecklenburger Historie : Weiße Flecken auf der Landkarte

„Bequemer Hafen an der Ostsee“: Wismar fand in dem alten Reiseführer Erwähnung.
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„Bequemer Hafen an der Ostsee“: Wismar fand in dem alten Reiseführer Erwähnung.

In einem Reiseführer aus dem Jahr 1709 bestand Mecklenburg nur aus Rostock und Wismar

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12. Januar 2018, 00:00 Uhr

Wer heute eine Reise macht, der informiert sich zuvor meist im Internet über Land und Leute, Wetterprognosen und Essen, Hotels, Sehenswürdigkeiten, vielleicht sogar über die politischen Zustände. Der gute alte Reiseführer, den einst der deutsche Buchhändler Karl Baedeker (1801-1859) verfasste und der nun bald 200 Jahre immer ein treuer und zuverlässiger Reisebegleiter war, hat starke Konkurrenz bekommen.

Das verdienstvolle Werk von Baedeker hatte aber bereits einige Vorläufer. Einer der bekanntesten Autoren war Paul Berckenmeyern (1667-1732), ein promovierter Theologe und Oberküster aus Hamburg. Der Titel seines Werkes, das 1709 erstmals erschien, lautet: „Vermehrter Curieuser Antiquarius, Das ist: Allerhand auserlesene Geographische und Historische Merckwürdigkeiten / So in denen Europaeischen Ländern zu finden; Aus Berühmter Männer Reisen zusammen getragen / und mit einem zweyfachen Register versehen.“

Wie groß der Bedarf an solcher Literatur damals war, beweisen die zahlreichen und verbesserten Auflagen. 1720 kam schon die fünfte Auflage auf den Markt und der Verfasser berichtete, dass innerhalb der ersten vier Jahre bereits 6000 Exemplare verkauft wurden. Das ist um so bemerkenswerter, da doch die beiden in Leder gebundenen Bände mit 900 Seiten – inzwischen mit Kapiteln über Länder in Amerika, Asien und Afrika – einen hohen Preis hatten.

Auch das Land Mecklenburg fand in diesem „Reiseführer“ Erwähnung, 1709 noch sehr kurz, 1720 und danach etwas ausführlicher. Und während andere Königreiche und Herzogtümer in Deutschland detaillierter behandelt werden, finden sich zu Rügen und Usedom jeweils ein Satz: „Die Insul Rügen wird die Korn-Scheuer von Pommern genannt; sie soll keine Wölffe noch Ratzen dulden.“ Und: „Auf der Insel Usedom soll man bei stillem Wetter in einer See noch die Gassen der vormahls von dem Wasser verschlungenen berühmten Stadt Vineta in der schönsten Ordnung sehen und soll der sichtbare Theil so groß als Lübeck seyn.“

In den Nordosten verirrten sich scheinbar nur wenige Reisende, und wenn, dann suchten sie vor allem die beiden Hansestädte Rostock und Wismar auf.

Daher gibt es in der ersten Auflage des Reiseführers nur drei größere Eintragungen über Rostock und Wismar – nach der heutigen Landeshauptstadt suchte man vergeblich. Berichtet wird ferner über ein besonderes Privileg, das sonst in deutschen Staaten nicht üblich war. „Die Mecklenburgischen Weiber haben das Privilegium, Lehn-Güter zu besitzen, erhalten von Alberto, Hertzoge in Mecklenburg, weil sie damahls ihre Juwelen verkaufften, und ihn aus der Gefangenschaft der dänischen Königin Margaretha ranzionirten.“ Das Privileg bezieht sich also auf den Freikauf von Herzog Albrecht III., der von 1389 bis 1395 in schwedischer Gefangenschaft gehalten wurde. Unterstützung für diese Aktion kam auch von den reichen Städten Rostock und Wismar.

Über Rostock notierte Berckenmeyern: „Rostock, lat. Rostochium, eine große Hanse- und Handels-Stadt, welche viele Privilegia und eine berühmte Universität hat, deren Professores zur Helffte von dem Hertzoge, die andere Helffte von dem Rathe der Stadt unterhalten werden. Die Stadt hat die Freyheit, in Gold und Silber zu müntzen, und ist wegen der siebenden Zahl merckwürdig. Denn es sind allda: VII Thöre, VII Brücken, VII Haupt-Gassen, die alle vom Marckte ausgehen, VII Thüren an der Marien-Kirche, VII Thürme auf dem Raht-Hause, VII Glocken an den Uhren und VII Linden in dem Rosen-Garten. Vor der Stadt ist St. Gertruten Kirche, nebst einem Kirch Hoff, auf welchem das Erdreich also beschaffen, daß es nach Verfließung eines halben Jahres alle dahin begrabene Cörper gantz verzehret, daß alle Knochen und Hirnschedel zur Erde werden und von den Begrabenen nichts mehr übrig ist.“

Bei Wismar – oder Wismaria, wie die Stadt auf Lateinisch genannt wird –, hielt der Chronist den bequemen Hafen an der Ostsee für berichtenswert. Außerdem vermerkte er, dass die Stadt im 30-jährigen Krieg von den Schweden erobert und auch nach dem Friedensschluss in deren Besitz geblieben war. Erwähnt wurden die horrenden Kosten für den Ausbau der Wälle, die von König Carl XI. deshalb als „silberne Wälle“ bezeichnet worden waren: „Wegen der vielen Unkosten, so dar auf gegangen.“

Wer vor 300 Jahren von Mecklenburg noch wenig wusste, wurde durch Berckenmeyern nicht viel schlauer: „Mecklenburg, ein Hertzogthum. Die Stadt gleiches Nahmens wird auf Lateinisch Megalopolis genennet und ist anjetzo nur ein offener Flecken, vor diesem aber war sie die Haupt-Stadt des Landes und hat, ihren Nahmen von dem alten deutschen Worte Mäckeln, welches so viel wie handeln heißet und ist vor diesem eine berühmte Handels-Stadt gewesen.“

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