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Nutztiere : Weidegeld für Stadt-Kühe

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Früher wurden Nutztiere wie Schweine und Ziegen nicht nur auf dem Land gehalten, auch in der Stadt gab es gute Bedingungen dafür.

Einst wurde in den Städten nicht nur von Ackerbürgern Vieh gehalten. In der 1797 veröffentlichten Beschreibung der Stadt Boizenburg berichtet der Arzt und Schriftsteller Dr. Johann Heinrich Jugler (1758-1812): „Beinahe jeder, der es irgend thun kann, hält Kühe und Schweine für seine Haushaltung.“ Er erwähnt auch „sie hat schöne Wiesen und Viehweiden genug.“ Das heißt, in der Stadt gab es gute Bedingungen für die Nutztierhaltung.

Im Jahre 1880 hatte Boizenburg 3550 Einwohner. Darunter waren 233 Kuhhalter mit 464 Kühen und 98 Kälbern. Der städtische Kuhhirte brachte die Tiere morgens auf die Weide und abends zurück. Jede Kuh kannte den Weg vom und zum Stall durch das geöffnete Haustor. Die Stadt kassierte Weidegeld, im Jahre 1880 insgesamt 4206,80 Mark. Laut dem in der „Elb-Zeitung“ Nr. 52 vom 5. Juli 1889 bekanntgegebenen „Reglement für die Benutzung der Boizenburger Gemeinde-Weide“ durften nur gesunde Tiere zur Weide gebracht werden. Wenn Kühe an Maul- und Klauenseuche erkrankten, musste der Weidegang eingestellt werden. Laut Paragraf 12 Punkt 6 waren die hiesigen Pastoren sowie der Rektor und Konrektor vom Weidegeld befreit.

In der „Elb-Zeitung“ Nr. 141 vom 30.11.1933 forderte der Rat der Stadt die Personen zur Zahlung auf, die Weidegeld, Garten-, Acker- und Wiesenpacht noch nicht gezahlt hatten und drohte mit Zwangseinziehung. Aus einer Anzeige des Magistrats in der „Elb-Zeitung“ Nr. 77 vom 25.9.1908 erfährt man, dass bei einer Untersuchung der Milch durch die landwirtschaftliche Versuchsstation zu Rostock keine Milchprobe der Boizenburger Milchlieferanten beanstandet wurde. Die „Kuh des kleinen Mannes“ nannte man die Ziege. Auch diese Tiere wurden zahlreich in der Elbe-Stadt gehalten. Daran erinnern die Namen „Ziegenmarkt“ und „Ziegenwiese“. Die meisten Tierhalter waren Mitglied im „Ziegenzuchtverein“, während es für Kuhhalter den „Kuhhalterbund“ gab.

Der Boizenburger Rat kümmerte sich auch um die Ziegenhaltung. In der „Elb-Zeitung“ Nr. 96 vom 15.8.1931 informierte er die Ziegenhalter, dass der diesjährige Körtermin für Ziegenböcke am Donnerstag 20.8.1931 auf dem hiesigen Staatsbahnhof, Viehrampe, stattfindet.

Sehr umfangreich war in früheren Jahrhunderten die Schweinehaltung der Stadtbewohner. Anfang 1898 hatte der Boizenburger Verein der Schweinehalter 216 Mitglieder, darunter viele Handwerker. Hier gab es ab 1879 Schweinemärkte. Vorher fand der Schweinehandel in einer Gaststätte statt. Der Termin wurde mit Zeitungsanzeige bekanntgegeben. Das „Wochenblatt für Boizenburg, Hagenow, Wittenburg und Umgegend“ vom 30. April 1879 berichtete: „Der Verlauf des gestrigen Schweinemarktes zeigte deutlich, daß die Einführung desselben kein Mißgriff ist. Es war der vierte, der überhaupt abgehalten wurde und schon wurden etwa 400 Tiere zu Markte gebracht, von denen die kleinere Hälfte von Händlern, die größere von Landwirten der Umgegend gestellt wurde. Die Nachfrage war jedoch noch größer und konnte durch das Angebot nicht befriedigt werden.“

Auch die Schweine blieben von Krankheiten nicht verschont. Die Polizeibehörde teilte am 17. August 1920 in der „Elb-Zeitung“ mit, dass Schweine hiesiger Tierhalter erkrankt waren an Rotlauf, Backsteinblattern und Schweineseuche. Die namentlich genannten Tierhalter waren: ein Stellmachermeister, ein Spediteur, ein Bauunternehmer und ein Maurer. Bei der Viehhaltung in der Stadt gab es auch Probleme, besonders durch Dung und frei herumlaufende Tiere. Im Boizenburger Ratsprotokollbuch befindet sich folgende Eintragung vom 26. Juni 1717: „Hinrich Boye beschwerte sich, daß George Heinrich Voß Witwe stets hinter ihrem Stalle eine ganze Partie Mist auf der Gasse liegen hätte, so daß kein Mensch des Orts gehen könnte, bath also, weil solches Ihr und den Ihrigen zu etlichen Mahlen untersaget, es ihr mit Nachdruck zu verbieten, denn sie gleich andere Bürger den Mist auf ihrem Hofe lassen müsse.“

Die Ratsprotokollbücher des 18. Jahrhunderts enthalten auch Eintragungen, dass Bürger verwarnt wurden, ihr Vieh nicht frei herumlaufen zu lassen. Wörtlich heißt es: „Wenn jemand Schweine antreffen sollte, solche ohne einzigen Disput zu erschießen und totzuschlagen.“

In der am 2. April 1853 vom Großherzoglich Mecklenburgischen Ministerium des Innern genehmigten „Straßenpolizeiordnung für die Stadt Boizenburg“ heißt es „Lose Pferde, Schweine usw. dürfen in der Stadt nicht umherlaufen“.

Probleme mit dem Dung gab es noch in der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts.“ Im „Wochenblatt für Boizenburg, Hagenow, Wittenburg und Umgegend“ vom 8. Oktober 1879 erinnerte der Magistrat die Bürger an die gesetzliche Vorschrift, nach welcher „jeder Einwohner schuldig ist, vor den Thüren und Häusern alle 8 Tage zweimal zu kehren und keinen Mist über 2 Tage auf den Straßen liegen zu lassen.“ Die Übertretung dieser Vorschrift wurde mit Geldstrafe bis zu 60 Mark oder mit Haft bis zu 14 Tagen bestraft.

Auch Geflügel war in der Elbestadt einst zahlreich vertreten. Für die Halter gab es den Geflügelzuchtverein. Probleme entstanden auch bei der Hühnerhaltung. Die Tiere verschwanden oft vom heimischen Hof und liefen kreuz und quer durch Boizenburg. Der Magistrat erinnerte mehrfach durch Anzeigen in der „Elb-Zeitung“ an das Verbot „das Federvieh anders als in einem dazu abgeschlossenen Raum zu halten.“ In einer Anzeige vom 5.7.1889 heißt es: „Jeder Besitzer ist berechtigt, auf seinem Grundstücke betroffenes Federvieh zu pfänden und von dem Eigentümer desselben das im § 22 des Feldfrevelgesetzes vorgeschriebene Pfandgeld zu erheben.“ Zugelaufene Enten wurden am 15. Oktober 1914 meistbietend im Rathaus verkauft.

In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts liefen die Hühner noch immer durch Boizenburg. In der „Elb-Zeitung“ vom 5. Mai 1921 gab die Polizeibehörde bekannt: „Die Rasenflächen bei der Kirche werden neu hergerichtet. Die Anwohner des Kirchplatzes werden bei Vermeidung von Strafe aufgefordert, ihre Hühner nicht auf diese Rasenflächen gelangen zu lassen.“ Der Freiheitsdrang der Hühner war nicht zu stoppen. Am 23. Juli 1921 erschien in der „Elb-Zeitung“ folgende Anzeige der Stadt: „Das Umherlaufen von Federvieh auf dem Walle, in den Quöbbewiesen einschließlich der Bleiche und auf dem Kirchplatze wird hiermit verboten. Übertretungen werden mit Geldstrafe bis 60 Mark oder mit Haft bis zu 13 Tagen bestraft.“ Ähnliche Probleme wird es vermutlich auch in anderen Städten gegeben haben. Den Boizenburger Geflügelzucht-Verein gibt es noch. Er hat 16 Mitglieder und Nachwuchssorgen.














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erstellt am 13.Jan.2014 | 12:45 Uhr

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