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Emilie Winkelmann : Wegbereiterin der Baufrauen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Emilie Winkelmann war die erste freischaffende Architektin in Deutschland. Sie hinterließ auch bei uns im Norden Spuren

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2017 | 00:00 Uhr

Schummeln musste sie. Weil es Frauen im Jahr 1902 noch verboten war, ein Studium zu absolvieren, schickte Emilie Winkelmann ihre Bewerbungsunterlagen unter dem Namen „E. Winkel-mann“ an die Technische Hochschule in Hannover. Die Kommission ging davon aus, es handle sich um einen „Emil Winkelmann“, und ließ den Antrag zu.

Als Gasthörerin besuchte sie Vorlesungen in Architektur. Zum Staatsexamen ließ die Hochschulleitung sie 1907 nicht zu. Erst am Morgen der Prüfung wurde ihr eröffnet, dass ihr als Frau das Diplom verwehrt bleiben solle. Doch so leicht ließ sich die junge Frau nicht von ihrem lange gehegten Berufswunsch abbringen. Emilie machte sich in Berlin selbstständig und gründete in der Hohenstaufenstraße 40 ihr eigenes Architektenbüro.

So auf jeden Fall wird es immer wieder kolportiert. Emilie Winkelmann selbst sagte einmal, sie habe der zuständigen Kommission ihre Zeichnungen vorgelegt: „Aufgrund dieser Zeichnungen und meiner unausgesetzten Bemühungen gelang es mir endlich, die Behörden zu überzeugen.“ Ausnahmsweise erhielt sie eine Zulassungsgenehmigung.

Wie dem auch sei: Emilie Winkelmann gilt als die erste freischaffende Architektin in Deutschland. Sie war Pionierin und Wegbereiterin. Die Ironie des Schicksals will es, dass kurz nachdem Emilie die Hochschule verlassen hatte, auch Frauen die Vollimmatrikulation zugestanden wurde. Den Zugang zu Technischen Hochschulen erhielten sie in Preußen 1909 unter Vorbehalt: „Aus besonderen Gründen können mit Genehmigung des Ministers Frauen von der Teilnahme an einzelnen Vorlesungen ausgeschlossen werden.“ Bis nach dem Ersten Weltkrieg galt diese Regelung so. Auf die Welt kam Emilie Winkelmann am 8. Mai 1875 in Aken an der Elbe (Sachsen-Anhalt). Ihr Vater Christoph August war Lehrer, ihre Mutter Louise Emilie Zimmermannstochter. Im Betrieb des Großvaters lernt Emilie das Zimmermannshandwerk und das technische Zeichnen.

Als Bruder Ernst die Nachfolge des Großvaters antritt, hilft sie im Familienbetrieb. Als Ernst das Unternehmen 1901 verkaufen muss, verlässt Emilie ihre Heimat und arbeitet in Architektenbüros in Berlin, Dortmund, Bochum. „Selbstverständlich reifte der Wunsch, eine richtige Architektin zu werden, immer mehr in mir aus, doch setzte sich seiner Erfüllung die harte Wirklichkeit entgegen – für Frauen gab es damals noch kein Studium. Dennoch bereitete ich mich auf das Studium vor und arbeitete an praktischen Aufgaben.“

Emilie Winkelmann ist 32 Jahre alt, als sie sich 1907 an ihrem ersten Wettbewerb für den Bau eines Festsaales in Berlin-Friedrichshain beteiligt. Sie gewinnt. Mit dem Geld, das ihr die „Prachtsäle Alt-Berlin“ einbringen, macht sie sich selbstständig. Vor allem Frauen zählen zu ihren Auftraggebern. Zwischen 1908 und 1912 realisiert sie 26 Projekte. Vom Ein- und Mehrfamilienhaus über Fabriken und Landwirtschaftsgebäude bis zur Schule. Für einen Ehemann hat sie keine Zeit. Sie bleibt zeitlebens alleine.

In Potsdam Neubabelsberg baut sie die Villa Zankapfel. In Berlin-Grunewald ein Landhaus für Rudolf Presbe. Zeitweise beschäftigt sie bis zu 15 Mitarbeiter. Ihr 1910 errichtetes Wohnhaus in der Leistikowstraße 2 in Berlin gilt noch heute als Musterbeispiel für den Historismus in Preußen nach der Jahrhundertwende. Auch in Mecklenburg-Vorpommern wird sie tätig. Zwischen 1910 und 1912 besorgt sie für die Familie von Lepel den Innenausbau des Schlosses Wieck (Greifswald-Vorpommern) und wird von der Zeitschrift „Bauwelt“ dafür gelobt.

Zeitgleich ist sie am Gutshaus Klein Kiesow bei Greifswald tätig und gestaltet die Ställe des Wasserschlosses Mellenthin auf Usedom zu Wohn- und Wirtschaftsgebäuden um. Seit einigen Jahren empfängt dort ein Hotel mit Gasthausbrauerei die Urlauber. Auch das Gutshaus Alt Necheln (Landkreis Parchim) baut Emilie Winkelmann um. Bei der Ausstellung „Die Frau in Haus und Beruf“ des Deutschen Lyceum-Clubs, einer Vereinigung von und für Frauen, ist sie 1912 mit 33 Projekten vertreten. Für den Lyceum-Club baute Winkelmann auch das Vereinshaus am Lützowplatz um, bevor sie 1913 in Neubabelsberg-Nowawes für die „Genossenschaft der Frauenheimstätten“ das „Haus in der Sonne“ projektiert.

Ein nach einem Buch des schwedischen Malers Gustav Larsson benanntes Haus für pensionierte Lehrerinnen. Immer wieder wird Emilie Winkelmann für Frauen tätig. Während des Ersten Weltkrieges errichtet sie mit dem Victoria-Studentinnenhaus in der heutigen Otto-Suhr-Allee 18/20 das erste Studentinnen-Wohnheim in Europa. Nach dem Weltkrieg bleiben die Aufträge aus. Emilie Winkelmann ist nun vor allem mit dem Umbau von Landgütern und Adelssitzen beschäftigt, bevor sie wieder Aufträge für Landhäuser bekommt. 1928 wird sie in den Bund deutscher Architekten aufgenommen.

Als die Nazis an die Macht kommen, die von berufstätigen Frauen nichts halten, zieht sie sich offiziell aus dem Berufsleben zurück. „An den Bauten des Dritten Reichs hatte ich keinen Anteil, weil ich keine Parteigenossin werden wollte“, schreibt sie später. „Mit dem Erlass des allgemeinen Bauverbotes durch das Dritte Reich wurde auch meine Arbeit als Architektin beendet.“

Goebbels soll sie persönlich zu Hause aufgesucht haben, um sie als Architektin zu gewinnen. Auf den Aufruf von Albert Speer, sich für den Einsatz in der Rüstungsindustrie zur Verfügung zu halten, reagiert sie nicht und sagt, sie habe ihn nicht erhalten.

Wegen des Krieges verlässt sie 1942 Berlin und kommt bei der Gräfin von Saldern unter, für die sie das Schloss Grüntal bei Bernau umbaut. Als die alliierten Truppen vor Berlin stehen und das Schloss brennt, fliehen die beiden Frauen nach Hovedissen bei Bielefeld, wo Graf von der Schulenburg als Cousin der Gräfin von Saldern sie aufnimmt.

Bis zu ihrem Tod wird Emilie Winkelmann Westfalen nicht mehr verlassen. Sie stirbt am 4. August 1951 in einem Altersheim in Detmold und liegt im Familiengrab in Aken begraben. Das Stadtmuseum Berlin würdigte Emilie Winkelmann 2016 in der Ausstellung „Berlin – Stadt der Frauen“.


 

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