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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Weg ins Ungewisse ohne Wiederkehr

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ruth Wehrhoff erlebte als 15-Jährige die Flucht aus dem Memelland und fand in Jessenitz eine neue Heimat

Ruth Wehrhoff, geborene Jakuszeit, floh 1944 im Alter von 15 Jahren mit Mutter und Geschwistern aus Bundeln-Lankuppen in Ostpreußen. Sie hat ihre Erinnerungen an diese Zeit und den Weg ins Ungewisse aufgeschrieben.

Schon im Juni 1944 wurde es an den deutschen Grenzen brenzlig und das ganze Memelland wurde geräumt. Die Bauern mussten flüchten und Haus und Hof samt lebendem Vieh verlassen.

Wir haben den Großen Memelstrom überquert und landeten dann in der Elchniederung in Kreuzingen bei einem Bauern, der uns – Mutter und drei Kindern – nur ein kleines Zimmer zur Verfügung stellen konnte. Vier Wochen mussten wir da bleiben, dann hieß es: „Der Russe ist zurückgeschlagen worden und das Memelland ist wieder frei.“ Was wir dort vorfanden, war jedoch sehr traurig. Alles war verwildert, Korn und Rübenfelder niedergetreten. In Wassertümpeln waren viele Rinder umgekommen, es stank erbärmlich nach Verwesung. Ja, so haben wir unser Zuhause nur für eine kurze Zeit erlebt.

1943 zu Hause im ostpreußischen Bundeln
1943 zu Hause im ostpreußischen Bundeln

Am 7. Oktober 1944 bekamen wir wieder einen Räumungsbefehl und am 8. Oktober, 8 Uhr, fuhren wir vom Hof. Tiefflieger haben uns schon verfolgt. Dann entdeckten wir eine kleine Kolonne, gemischt aus Militär und Flüchtlingen, und gingen durch die Moorlandschaft dem Haff entgegen. Wir passierten noch zwei Brücken, die die Soldaten hinter uns sprengten. Dann standen wir wieder an unserem Mingestrom. Kurz vor der Mündung war der Fluss bedeutend breiter als bei uns in Bundeln-Lankuppen. Über die erste Fähre kamen wir schnell, aber dann mussten wir zwei Tage zubringen, um über die zweite Fähre zu kommen. Da der Russe die Rußbrücke beschoss, riet uns ein Soldat, mit dem Kuhrenkahn mitzufahren.

Mein Vater hat uns dann in Labiau gefunden, aber er musste sich wieder beim Volkssturm melden. Da wir da dicht an der neuen Grenze nicht bleiben wollten, versuchten wir, mit Militär weiterzukommen. Ein Panzerspähwagen hat uns bis Königsberg mitgenommen. Wir haben alle noch die Hoffnung gehabt, heimzukehren auf unsere Scholle, unseren Hof. Wir haben nicht über die große Gefahr aus dem Osten gesprochen. Ich kann mir heute nicht vorstellen warum nicht? Auch die Eltern haben die Gefahr nicht erkannt. Nach drei Monaten bekam ich nachts Albträume und habe ab 3 Uhr nicht mehr schlafen können. Die Front ist durchbrochen, hieß es am 20. Januar.

Wir packten unsere wenigen Kleidungsstücke und fuhren gleich zum Hauptbahnhof, der überfüllt von Menschen war. Wir kamen durch ein Fenster in einen D-Zug nach Berlin rein und fuhren ab. Der Zug hielt länger als gewöhnlich in Heiligenbeil. Dann hieß es, der Zug geht zurück nach Königsberg, denn der Russe ist in Elbing, es ist die Stadt vor Danzig. Eine Bahnverbindung gab es nicht mehr, nur das Wasser bot einen Fluchtweg.

Ruth Wehrhoff (r.) 2009 bei der Begegnung mit der einstigen Nachbarin
Ruth Wehrhoff (r.) 2009 bei der Begegnung mit der einstigen Nachbarin
 

Wir kamen in der Nacht in Königsberg an und suchten nach einem Ausweg. Der Lokführer gab uns die Auskunft, es geht nur noch nach Pillau zum Hafen. Dann stiegen wir in einen Güterzug nach Pillau ein. Meine Schwester und ich sind zum Hafen gelaufen, um nach einem Schiff Ausschau zu halten. Dort lag tatsächlich das große Schiff „Preußen“, das mit Militär beladen wurde. Wir standen an der Auffahrt und schauten zu. Haben dann gewagt zu fragen „Dürfen wir auch mit?“ Ein Soldat sagte, wir sollten schnell rauf. Aber wir haben noch Mutter und den kleinen Bruder im Casino, dürfen wir sie noch holen? Die Soldaten haben geholfen, wo sie nur konnten.

Am nächsten Tag legte das Schiff in Gotenhafen an, mit der Bahn sind wir gleich nach Danzig rein, haben uns da den nächsten Güterzug gesucht und sind weg aus der Gefahrenzone. Der Zug war schon vor den Russen aus der Masurengegend abgefahren und war voll mit Flüchtlingen, auch wir haben uns noch reingequetscht. Als wir in Neu-Stettin eintrafen, wurde auch schon geräumt. Wir stiegen da gar nicht mehr aus. Glücklich sind wir dann in Stettin angekommen. Von dort ging es weiter nach Jessenitz, wo meine Cousine als Sekretärin arbeitete.

Wir waren die ersten Ostflüchtlinge in Jessenitz. Wir sind am 20. Januar 1945 von Königsberg aufgebrochen und nach vier Wochen am 21. Februar in Jessenitz angekommen. Anni war 16 Jahre alt und ich 15. Wir mussten zur Arbeit ins Marinearsenal und bekamen Beschäftigung in der Gasmaskenausgabe. Untergebracht wurden wir im Jessenitzer Schloss mit vielen dienstverpflichteten Mädchen.

Das Schloss wurde später von den Besatzungstruppen geräumt und die Flüchtlinge zogen ein. Wir gingen alle auf dem Gut arbeiten. Was wir verdienten, reichte für unseren Lebensunterhalt.

1947 ist mein Vater aus der Kriegsgefangenschaft als arbeitsunfähig entlassen worden. 1950 kam auch mein Bruder Hans aus russischer Gefangenschaft. Sechs Jahre hat er schwer gearbeitet auf den Kolchosen in Russland. Wir mussten wie alle Siedler ein Haus mit Stall und Scheune bauen. Die Parzellen waren sehr weit vom Dorf entfernt, aber wir waren jung und froh, uns etwas Eigenes schaffen zu können.

Ich habe mich mit einem Bauernsohn 1950 verlobt und 1952 in Jessenitz geheiratet. 1953 ist unsere Tochter Elisabeth geboren, bis 1964 folgten Christiane, Marion, Wolfgang, Gudrun und Siegfried. 2009 zu Pfingsten bin ich mit meinen sechs Kindern mit einer Ostseefähre von Kiel nach Memel/Ostpreußen (heute Klaipeda/Litauen) gefahren. Unser Haus, die gesamte Bauernstelle in Bundeln an der Minge, gab es nicht mehr. Zu meinen 12. Geburtstag hatte ich hier mit Nachbarskindern auf unserem Brunnen gesessen, das zeigt ein altes Bild von 1940. Auf der anderen Seite des Flusses lebte noch eine Frau, die mich aus Kinderzeiten her kannte... Sie sprach davon, dass unsere Bauernstelle in den letzten Kriegstagen von russischen Soldaten abgebrannt wurde. Nur der Brunnen aus Stein war geblieben.

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