Ende des 2. weltkrieges in Ludwigslust : Was kleine Augen gesehen haben

Ludwigsluster durchschreiten am 7. Mai 1945 die Reihen der verhungerten Opfer.  Repro: Kenzler
Ludwigsluster durchschreiten am 7. Mai 1945 die Reihen der verhungerten Opfer. Repro: Kenzler

Mecklenburg-Magazin-Autor Hans Kenzler erzählt, wie er als kleiner Junge das Kriegsende in Ludwigslust erlebte

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17. Juni 2016, 00:00 Uhr

Im Jahre 1940 gab es den ersten Bombenangriff auf Berlin. Auf ihrem Weg zur Hauptstadt lag Ludwigslust im Korridor der alliierten Bomberverbände. Ich kann mich erinnern, dass es vor meinem vierten Lebensjahr mehrmals wöchentlich Bombenalarm in meiner Geburtsstadt gab. Aber auch die roten Lampen, die zum Zweck der Verdunkelung in unseren Räumen leuchteten, blieben in meinen Erinnerungen.

Wenn der Voralarm in der Nacht den Anflug auf Ludwigslust zu spät verkündete, mussten wir in aller Eile vom ersten Stock in den Keller laufen. War es nicht so, suchten wir den selbst gebauten Erdbunker auf, der sich in unmittelbarer Nähe unseres Hauses befand. Das war dann auch immer mit dem Ende der Nachtruhe verbunden. In den letzten Kriegsjahren mehrten sich die Ankündigungen von Bomberstaffeln durch Fliegeralarme.

Meine Gedanken schweifen zurück ins Jahr 1944. An einem Tag im April war unser Briefkasten voller Post. Es waren Briefe unserer Mutter an unseren Vater. Sie waren mit der Aufschrift „Gefallen für Großdeutschland“ zurückgekommen. Noch heute fällt es schwer, an diese Zeit zurückzudenken.

Dann kam der 22. Februar 1945. Nach einem sehr späten Voralarm folgte nach kurzer Zeit der Fliegeralarm. Alle Einwohner des Hauses sind sofort in größter Angst in den Keller geflüchtet. Die nun folgenden Bombeneinschläge waren zwar alle in der Nähe des Bahnhofes, der Baustraße, der Klenowerstraße und der Luisenstraße, es hörte sich aber an, als fielen die Bomben in unmittelbarer Nähe. Dieser Angriff kam für die Ludwigsluster völlig unerwartet. Bisher hatten die Bomberstaffeln unsere Stadt nur überflogen. Am 18. März starteten die Allliierten erneut Flugzeuge. Insgesamt starben ca. 200 Menschen bei diesen Bombenangriffen.

In den folgenden Monaten hörte man von den Erwachsenen immer öfter, dass der Krieg verloren ist. Da stand aber noch der deutsche Panzer im Eingang des Bürgergartens, der sich in unmittelbarer Nähe unseres Hauses befand. Er gab uns Kindern Sicherheit.

Mitte April 45 war er dann verschwunden. Jetzt überflogen viele gegnerische Tiefflieger unsere Stadt und der Himmel war voller Silberstreifen. Dass diese zur Störung des deutschen Radarsystems abgeworfen wurden, wussten wir damals noch nicht. Als mein Bruder und ich einige dieser Streifen aufsammeln wollten, wurden wir von Tieffliegern beschossen. Unsere Nachbarin, die unten wohnte, holte uns danach sofort ins Haus zurück. Dann nahte das Kriegsende. In Grabow waren die Russen einmarschiert, in Ludwigslust die Amerikaner. Die Grenze der Alliierten befand sich zwischen beiden Städten. Deutsche Soldaten, die in beiden Richtungen der Grabower Chaussee unterwegs waren, legten die Waffen nieder und gingen in Gefangenschaft. Längs der Straße bildeten sich große Haufen von abgelegtem, nicht mehr benötigtem Kriegsmaterial.

Bei Ludwigslust hatten die Amerikaner im Außenlager Reiherhorst Leichen gefunden und geborgen. Diese Opfer wurden am 7. Mai 1945 am Bassin in Ludwigslust bestattet. Vorher fuhren Amerikaner mit Jeeps durch die Straßen unserer Stadt und ordneten allen Bürgern an, die Reihen der Toten zu durchschreiten. Aus Angst ist unsere Mutter mit uns Kindern auch hingegangen. Der süßliche unangenehme Leichengeruch war schon von weitem wahrnehmbar. Irgendwie hatte er die ganze Innenstadt ergriffen. Unsere Mutter sagte zwar vorher, dass wir nach unten die Augen schließen sollten. Es wäre besser gewesen, den Rat zu befolgen, aber wir taten es nicht. So haben auch wir die zerschundenen, gemarterten Überreste verhungerter Menschen gesehen.

Diesen Anblick, mit Kinderaugen gesehen, wird man im folgenden Leben nie mehr los. 200 Einzelschicksale, eingereiht im Millionenmeer der Toten des Krieges. Nachdem die Engländer für kurze Zeit die amerikanische Besatzung ablösten, besetzten die Russen Ludwigslust. Diese von den Alliierten getroffene Entscheidung sollte den Ludwigsluster Bürgern in den kommenden 44 Jahren ein Leben in Unfreiheit bescheren. Am ersten Tag ihres Einmarsches wurde den Bewohnern der Grabower Chaussee und anderer Straßen des Kasernengebietes der Befehl erteilt, ihre Wohnungen innerhalb einer Stunde zu verlassen. Ein Soldat mit MPI besetzte die Hauseingänge und wachte darüber, dass keine Möbel aus den Häusern gebracht wurden. So erging es auch den Bewohnern mehrerer Straßen der Stadtmitte. In die frei gewordenen Wohnungen zogen später sowjetische Militärangehörige mit ihren Familien ein. Wir standen nach dieser Stunde mit nur einer Tasche, die persönliche Habseligkeiten enthielt, auf der Straße. In den letzten 15 Monaten hatte unsere Mutter ihren Ehemann, wir den Vater, die Wohnung, die Möbel, die Nachbarn und die Spielgefährten verloren. Wochenlang war die Straße unser Zuhause.

In Ludwigslust lebten damals 22 000 Einwohner, heute sind es 12 500. Die Züge, die zu dieser Zeit langsam unseren Bahnhof durchfuhren, waren mit Flüchtlingen überfüllt. Zum Transport wurden sogar die Dächer und die draußen befindlichen Trittflächen der Waggons genutzt. Im Gegensatz zum Leid der Flüchtlinge war das eigene Leid aber noch ertragbar. Diese hatten bei der Flucht durch Krankheiten, Erfrieren, Ertrinken und Verhungern oftmals Familienangehörige verloren und ihr Zu- hause zurücklassen müssen.

Sie mussten gänzlich ohne Mittel fern der alten Heimat ein neues Leben beginnen. Für alle, die in unserer Stadt lebten, sollte eine Zeit des Hungerns, der Armut und der Entbehrung folgen. Wenn ich heute im Alter in Filmen den Sirenenton höre, der damals die Fliegerangriffe ankündigte, sind die Erinnerung und das Angstgefühl sofort wieder zurück. Es gibt Augenblicke im Leben, die man nie vergisst.

Hans Kenzler

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