Wanderschaft von Handwerkern : Warnung vor „tausenderlei Schlingen der Frauenzimmer“

Zimmerergeselle auf Wanderschaft um 1925  Repro: Gerds
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Zimmerergeselle auf Wanderschaft um 1925 Repro: Gerds

Wanderbuch mit Reisetipps für junge Handwerker. Weiterbildung in Mecklenburg wurde nur für wenige Gewerke empfohlen

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29. Januar 2016, 16:30 Uhr

Die Wanderschaft von Handwerkern aus Mecklenburg nahm im frühen 19. Jahrhundert einen schnellen Aufschwung. Es sollten die Handwerkskenntnisse gründlich erweitert und zur Fertigkeit und Vollkommenheit gebracht werden.“ So hieß es in einer „Gesetz-Sammlung für die Mecklenburg-Schwerinschen Lande“ aus jener Zeit. Die Gesellen waren in der Regel drei Jahre, gelegentlich bedeutend länger auf Wanderschaft. Allerdings kamen nur wenige weit über die eigenen Landesgrenzen hinaus.

Die „Wanderbücher für reisende Gesellen der Handwerker und Künstler“ wurden durch eine Verordnung 1813 eingeführt. Jeder Geselle, der in Mecklenburg-Schwerin in Arbeit gestanden hatte und weiter wandern wollte, musste ein Wanderbuch besitzen. Das war ein wichtiges Dokument, denn ohne die notwendigen schriftlichen Bestätigungen über die verschiedenen Aufenthalte in Meisterbetrieben war eine Zulassung zur eigenen Meisterprüfung nicht möglich.

Ein ganz besonderer Ratgeber erschien 1842 und trug den Titel „Wanderbuch für junge Handwerker oder populäre Belehrungen“. Diese Publikation mit 360 Seiten berichtet über die Geschichte des Handwerkerstandes, Rechtsverhältnisse, Bräuche, Ausbildung, schreibt über Zweck und Nutzen der Wanderschaft, über die Lebensordnung der Reisenden, gibt Ratschläge für die Heilung von Krankheiten, vor allem zur Pflege der Füße, warnt vor Diebstahl und räuberischen Überfällen. Es werden nicht die Regeln des Anstandes vergessen. Auf über sieben Seiten wird „Über Liebschaften der Gesellen“ geschrieben, denn „tief im innersten Wesen der menschlichen Natur ist es gegründet, dass beide Geschlechter sich wechselseitig voneinander angezogen fühlen.“ Aber Vorsicht bei „thierischen Trieben“, „unlauteren Begierden“, vor den „tausenderlei Schlingen der Frauenzimmer“ und vor der „Verführung der Wollust“. Der Arbeitssuche, Arbeitslosigkeit, Geldproblemen und den Pflichten und Rechten in den Meisterbetrieben sind weitere Kapitel gewidmet. Höchst aufschlussreich im Anhang ist die Auflistung der Orte, in welchen sich die Handwerker am besten vervollkommnen können. In Mecklenburg war es demnach wenig verlockend.

Von den über 100 aufgelisteten Handwerksberufen wurde eine „Weiterbildung“ im eigenen Land unter anderem nur für Bierbrauer, Seiler und Tabakspinner in Rostock empfohlen, für Kartenmacher und Tabakspinner in Neubrandenburg sowie in Wismar für Fischbeinreißer und Tabakspinner sowie für Lichtzieher in Güstrow. Fischbeinreißer waren die Männer, die die mannshohen Barten der Wale zerkleinerten, säuberten und zurechtschnitten, um diese an andere Handwerker zu verkaufen. Die fertigten daraus Korsettstangen, ebenso Hüte, Regenschirme, Fächerstäbe oder Angeln. Schwerpunkte des deutschen Handwerks lagen in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Mitte und im Süden Deutschlands, von so großen Städten wie Hamburg und Berlin im nördlichen Teil abgesehen. Ein Wanderbuch aus dem Jahre 1834 berichtet über eine ungewöhnliche Wanderschaft. Es betraf den Zimmerergesellen W. (der vollständige Name ist, aus welchen Gründen immer, in dem vom Geheimen Rechnungsrat Pöhl aus Rostock verfassten Bericht nicht angegeben.) Danach schnürte Geselle W. im Juni 1834 sein Felleisen, wie damals die Bezeichnung für den Rucksack oder Tornister lautete, kleidete sich mit einer neuen schwarzen „sammtmanchesternen“ Hose, nahm Stock und Hut und marschierte von Schwerin über Rehna, Schönberg und Lübeck nach Hamburg.

Nach einem längeren Arbeitsaufenthalt ging es weiter über Celle und Lüneburg nach Braunschweig, von wo er seinem Vater in einem Brief über seine Tätigkeit berichtete und am Bau des neuen Schlosses beteiligt war. Im Januar 1835 führte der Weg über Kassel, Frankfurt/Main und Mainz nach Mannheim, um im südlichen Deutschland die handwerklichen Fertigkeiten zu vervollständigen. Danach arbeitete er in Straßburg und Basel, in Bern und Genf und in Paris. Hier legte er sein Wanderbuch dem mecklenburgischen Konsul vor, der am 29. April 1837 das notwendige Visum einstempelte. Der Rückweg führte erneut über Straßburg nach Mühlhausen und Basel. Die nächste Arbeitsstelle befand sich in Winterthur und anschließend ging es durch verschiedene Orte in der Schweiz und Österreich.

Am 17. März 1841 erteilte ihm dann die Großherzoglich Mecklenburgische Gesandtschaft in Wien die Erlaubnis zur Reise nach Warschau, wo W. ebenfalls Beschäftigung fand, und wo das Königlich Preußische Generalkonsulat im Juni 1843 dem Zimmerergesellen erlaubte, Danzig zu besuchen und dort sein Handwerk auszuüben.

Den Weg in die Heimat nahm W. über See nach Dänemark, um dann drei Jahre in Dänemark, Kopenhagen, Hamburg und Flensburg zu arbeiten. 1848, nach 14 Jahren, setzte er seine Füße in Wismar wieder auf mecklenburgischen Boden. In der Landeshauptstadt bestand er 1850 seine Meisterprüfung vor dem Zimmereramt und erhielt vom Magistrat der Stadt zu Schwerin das Einwohnerrecht erteilt.

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