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Schwerin : Vorzügliche Geigen geschaffen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Musiker und Geigenbaumeister Otto Schünemann errichtete in Schwerin die erste deutsche Geigenmacher-Schule

Am 17. Dezember 1837 stellt sich im Hause des Uhrmachermeisters Johann Schünemann und seiner Frau Friederike in Dargun Nachwuchs ein. Es ist ein Sohn und er wird auf die Namen Otto Carl Paul getauft. Als Schüler erlebt dieser Knabe in Dargun ein Violinkonzert. Der junge Solist begeistert Otto so, dass er beschließt Geiger zu werden. Dieser Wunsch ist stärker als sein Hang zu manuellen Arbeiten, die es in der Werkstatt des Vaters ausreichend gibt.

Tatsächlich kann Otto Schünemann seinen Traum umsetzen. Er schafft es mit Hingabe, Fleiß und Begeisterung für das Musizieren, ein beachteter Musiker zu werden, spielt in den Orchestern in Rostock, Dresden und Prag. Dabei stellt er fest, dass es schlecht um die Qualität der Instrumente, insbesondere der Geigen, bestellt ist.


Mit Miniatur-Geige
fing alles an


So beginnt er in Prag Geigen zu bauen. Er probiert sich an einer Miniatur-Geige, einem Geigchen, aus. Sie findet so viel Anklang, dass sich für den Geigenbaueleven die Tore der bekannten Prager Geigenbauer öffnen. Begierig saugt Schünemann viele handwerkliche Geheimnisse und Kunstgriffe auf. Bald stellt er selber vorzügliche Instrumente her, die ihm Anerkennung bedeutender Künstler einbringen. Auch Sarasate gehört dazu. Doch die bekannten Geigenbaumeister der Zeit spähen eifersüchtig auf den Außenseiter. Der hochgerühmte Villaume in Paris verweigert den angestrebten Erfahrungsaustausch, rät Schünemann, es doch besser beim Musizieren zu belassen. Schünemann findet diese Haltung der profilierten Geigenbauer falsch. Muss wirklich jeder Geigenbauer den Instrumentenbau von Grund auf erlernen? Wäre eine Weitergabe der Erfahrungen von Generation zu Generation nicht der bessere Weg. Eine Geigenbauerschule müsste es geben.

Da ist Hamburg schon zum Mittelpunkt seines Lebens geworden. Er verdient seinen Lebensunterhalt als erster Geiger des Hamburger Ballettorchesters. Doch immer, wenn er die Zeit findet, dann baut er Geigen. 1885 wendet sich Otto Schünemann mit einer Broschüre an die Öffentlichkeit, begründet die Mängel des Geigenbaugewerbes und wirbt zugleich für die Idee einer Geigenmacher-Schule als Abhilfe. Fast zeitgleich komponiert er ein Streichquartett und bringt es vor zahlreichen Hamburger Kunstfreunden mit Geigen aus seiner Produktion zum Klingen.

Er findet ungeteilten Beifall, besonders auch für seine Instrumente. Der „Hamburg Correspondent“ vom 6. April 1886 beschreibt die Geigen so: „Leicht ansprechender, im Piano weicher und runder, aber auch in der höchsten Kraftentfaltung immer voll und edel bleibender Ton.... mehr kann man zum Lobe einer Geige kaum sagen.“ Schünemann unternimmt Werbereisen durch Mittel- und Norddeutschland. In Schwerin stößt er auf Aufgeschlossenheit. Seine Königliche Hoheit der Großherzog erkennt eine positive Wirkung für sein Schwerin. So wird die Errichtung der ersten deutschen Geigenmacher-Schule in Schwerin beschlossen und Otto Schünemann zu deren Leiter bestellt. Am 2. November 1887 wird die Geigenbauer-Schule in den extra hergerichteten Räumlichkeiten Kleiner Moor 4 ( heute das Gelände der Theaternebengebäude) eingeweiht. Die „Mecklenburger Nachrichten“ vom 2. und 3. November 1887 berichten umfangreich und schließen mit guten Wünschen: „Ausreichende, umfassende Räumlichkeiten sind für diesen Zweck hergerichtet. Alles ist bereit, die neuen Gäste würdig zu empfangen. So heißen denn auch wir dies neue Unternehmen auf vaterländischem Boden herzlich willkommen; möge es in unserer Stadt eine wirkliche Heimat finden, und möge der Tag seiner Gründung nicht nur für uns und unser Land, sondern auch für das gesamte deutsche Vaterland eine neue, glückliche Epoche des Geigenbaues herbeiführen...“

Otto Schünemann wird diese Schule Zeit ihres Bestehens leiten, gute Instrumente fertigen und viele fähige Geigenbauer ausbilden. Doch nach dem Tode des Großherzogs Friedrich Franz III. (1851-1897), des Förderers dieser Schulidee, wird der Geldhahn abgedreht. Die Schule muss 1898 schließen. Über das Privatleben des Geigenbaumeisters ist wenig überliefert. Dem Melderegister der Stadt Warin ist zu entnehmen, dass sich am 27. Juni 1910, aus Hamburg kommend, Otto Schünemann und die Haushälterin Antonia Michaelsen in Warin angemeldet haben. Das Melderegister nennt Schünemanns Familienstand geschieden. Die Haushälterin wird als ledig geführt. Was Schünemann veranlasst hat, nach Warin zu ziehen, ist nicht bekannt.

Am 14. Mai 1914 meldet die Leichenkleiderin Witwe Marie Hennigs dem Wariner Standesbeamten das Ableben des Geigenbauers Otto Carl Paul Schünemann, wohnhaft in Warin, Mühlenbruchstraße. Sie bescheinigt dem Schünemann die lutherische Religion und den Familienstand verheiratet, die Frau sei aber vor ihm verstorben. Der Widerspruch zum Melderegister war nicht aufklärbar. Am 18. Mai wurde Schünemann in Ottensen beerdigt. Damit verlieren sich für uns seine Spuren in der Region. Unverdienter Maßen. Wir sollten uns intensiver mit dem Leben dieses besonderen Menschen beschäftigen.



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