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Himmelfahrt, Vatertag : Von der Prozession zur Landpartie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Himmelfahrt, Vater-, Männer- oder Herrentag: Die Entwicklung eines Brauchs im südwestlichen Mecklenburg

Die Christen feiern traditionell 40 Tage nach Ostern den „Aufstieg des Jesus Christus in den Himmel“ und nennen diesen Tag Christi Himmelfahrt. Dieses christliche Fest, regional als Apostelprozession veranstaltet, verband sich wohl ab dem Mittelalter mit dem germanischen Brauch, dass Männer zur Manifestation ihres Besitzes diesen einmal im Jahr zu umrunden hatten.

Aus diesem traditionell-religiösen Prozessionsbrauch entwickelten sich Ende des 19. Jahrhunderts Ausflüge, die der damals zunehmenden Säkularisierung und einer neu entdeckten Naturverbundenheit der Menschen in Deutschland Rechnung trugen. Mit der zunehmenden Industrialisierung erblühte auch das sportliche und politische Vereinswesen und förderte gleichzeitig das soziale Zusammengehörigkeitsgefühl.

So zogen vermehrt Männerbünde, aber auch ganze Familien zu verschiedenen Anlässen in die Ausflugslokale am Stadtrand und in die benachbarten Dörfer. Noch vor 1900 wurde nachweislich zunächst im berliner-brandenburgischen Raum aus Christi Himmelfahrt, dem Tag des Herrn, ein Herrentag.

Dafür, dass Ausflüge aus diesem Anlass bereits zu dieser Zeit auch in Mecklenburg durchgeführt wurden, konnten bisher keine belastbaren Belege gefunden werden. Nichtbeschriftete Bilder aus jener Zeit, die fröhliche Herrenrunden und Herrenausflüge zeigen, finden sich dagegen wohl in jedem älteren Familienalbum.

Erst ab 1934, als Christi Himmelfahrt in Deutschland gesetzlicher Feiertag wurde, lassen sich Herrentagsausflüge auch für das südwestliche Mecklenburg nachweisen.

So erinnert sich Henni Stier (Jahrgang 1921) aus Neu Kaliß, dass ihr Vater zusammen mit seinem aus Schwerin angereisten Bruder früh das Fahrrad bestieg, um eine Radtour an die Elbe zu machen. Für diesen Ausflug hatte die Mutter den Männern ein deftiges Stullenpaket eingepackt. Für Henni Stier war der Besuch damals ungewöhnlich, weil der Onkel sonst nie ohne ihre beiden Cousinen nach Neu Kaliß kam.

Christel Fuhrmann (Jahrgang 1926) aus Dömitz hat diesen Ausflugstag im Kreise der Familie als „Himmelfahrtstouren“ in Erinnerung. Gern fuhren die Eltern mit ihren drei Töchtern und den Großeltern über die Elbe nach Hitzacker. Im dortigen Gartenrestaurant „Waldfrieden“ wurde musiziert und während sich die „Alten“ bei Erwachsenengesprächen amüsierten, konnten die Kinder am dortigen Elbabhang herumtollen. Als sie und ihr Mann in den 1950er Jahren an einem Männertag einen Ausflug mit dem Motorrad machten, kamen dem Paar in Karstädt beinahe junge betrunkene Männer unters Krad. Fortan, erinnert sich Christel Fuhrmann, war ihr Mann auch bei schönstem Ausflugswetter an einem Herrentag nie mehr zu bewegen, das Motorrad aus der Garage zu holen.

Hans Köhn (Jahrgang 1925) machte nach dem Krieg am Herrentag mit gleichaltrigen Jungen und Mädchen Fahrradtouren nach Dömitz an die Elbe. Von dort ging es auf dem Elbdeich nach Lenzen. Zurück fuhr die Gesellschaft „über die Dörfer“. Verpflegung und Getränke hatten die Ausflügler meistens dabei, versorgten sich aber auch in den angesteuerten Lokalitäten. Manchmal machten sie auch kleinere Touren zu Fuß, die sie nur in die benachbarten Dörfer führten. Dabei wurden gern das sogenannte „Eldelokal“ in Heiddorf und die Bahnhofswirtschaften in Malliß und Heiddorf sowie die Dorfschenke in Bockup angesteuert.

Heinz Schwemm aus Groß Schmölen fuhr in den 1950er Jahren in kleiner Gruppe und mit geschmückten Fahrrädern gern die Tour über Dömitz nach Heidhof. Dabei erfreuten sich die Radler besonders der einzigen Teerstraße in der Umgebung. Auf den Straßen gab es nach dem Krieg, überhaupt in Grenznähe zur Elbe, kaum Verkehr.

Bis 1966 waren die Herren- bzw. Männertagstouren in Mecklenburg verhältnismäßig populär. 1967 wurde der Tag in der DDR als gesetzlicher Feiertag abgeschafft und erst 1990 wieder eingeführt. Während dieser Zeit blieben Ausflüge zum Herrentag die Ausnahme. Für religiös gebundene Männer gab es an diesem Tag staatlicherseits eine Urlaubsgarantie. Andere „Herren“ nahmen Urlaub, um diese Tradition aufrechtzuerhalten. Es gab auch einzelne Männer, die mit Urlaub an diesem „gestrichenen Feiertag“ ihre Subversion gegenüber dem DDR-Staat zum Ausdruck zu bringen beabsichtigten.

Während dieser Feiertag im Westen als Pendant zum Muttertag in Vatertag umgedeutet wurde, hat sich u.a. in Mecklenburg die Bezeichnung Herren- bzw. Männertag erhalten. Die „älteren Herren“ organisieren ihre Ausflüge heute in der Regel mit Partnerin, Verwandten oder befreundeten Familien. Die „jungen Kerls“ bleiben in aller Regel unter sich. Frauen bleiben dabei die Ausnahme und bedauerlicherweise wird allzu oft recht tief in die Flasche geschaut, so dass es am Herrentag zu erheblich mehr Schlägereien kommt als sonst. Laut Statistischem Bundesamt steigt die Zahl der durch Alkohol bedingten Verkehrsunfälle am Herrentag auf das Dreifache des Durchschnitts der sonstigen Tage und erreicht einen Jahreshöhepunkt.

Rolf Roßmann

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