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Luisengedenkstätte Hohenzieritz : Vom Umgang mit Erinnerung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Luisengedenkstätte im Schloss Hohenzieritz war seit ihrer Entstehung vielen Veränderungen unterworfen

svz.de von
erstellt am 29.Apr.2017 | 00:00 Uhr

Am 1. März 1981 war mein erster Arbeitstag im Schweriner Institut für Denkmalpflege. Eine der ersten Dienstreisen führte mich nach Hohenzieritz. Die Bürgermeisterin sollte überzeugt werden, die alte Schmiede zu erhalten. Das Gespräch fand im Schloss statt. Irgendwann fragte ich die Bürgermeisterin nach Königin Luise, die sei doch hier im Haus gestorben. Und in aller Offenheit führte sie mich in den Raum und erzählte, wie er ausgesehen hätte, als sie 1945 mit ihrer Familie hier untergekommen sei. Wandvertäfelungen habe es gegeben und auch noch „irgendwelche“ Möbel – sie hätten aber gefroren und kein Brennmaterial für den Herd gehabt und was hätte sie damals Königin Luise interessiert. Es täte ihr leid inzwischen, doch so sei es damals gewesen.

Viele Jahre später fand ich im Landesdenkmalamt auch einen Bericht über Hohenzieritz aus dem Jahr 1947: „Nach Abzug der Roten Armee sind in den Räumen nur noch die Wände erhalten. Der gesamte historische Inhalt an Möbeln, Bildern, Einrichtung, Erinnerungsstücken, Marmorgrabstatue, Büste und anderes ist restlos verschwunden.“ Kein Wort von Luise. Nichts war von der Luisen-Gedenkstätte erhalten geblieben. Was aber hatte es hier bis 1945 gegeben, was nun verschwunden war?

Überrascht stellte ich fest, dass das Sterbezimmer der Luise nach ihrem Tod am 19. Juli 1810 immer wieder umgestaltet worden war. Jede Generation hatte ihre Vorstellung davon, wie die Erinnerung bewahrt werden solle, umgesetzt. In der 1863 veröffentlichten „Mecklenburgischen Vaterlandskunde“ stand, dass das „Sterbezimmer der Königin (in dem) Zustande geblieben (sei), in welchem es bei ihrem Ableben war.“ Hinzugekommen sei nur eine nach der „Todtenmaske derselben von dem Berliner Bildhauer, Professor Rauch angefertigte, auf einem Postamente ruhende Marmorbüste.“

Die Gedenkstätte mit dem Sterbezimmer der Königin Luise, nach 1935, Ansichtskarte
Die Gedenkstätte mit dem Sterbezimmer der Königin Luise, nach 1935, Ansichtskarte
 

Tatsächlich war es wohl aber anders. Höchstens drei Jahre war das Sterbezimmer der Königin, das Arbeitszimmer ihres Vaters, unverändert geblieben, dann hatte man 1813 dessen „Dekorierung“ veranlasst und schon in den 1830er-Jahren eine neuerliche Umgestaltung vorgenommen. Über die hieß es 1894: „Stets eine Art Wallfahrtsstätte blieb das Zimmer lange Zeit in der ursprünglichen Gestaltung, d.h. Vorhänge, Bilder, die Bettstelle, in der die Königin gestorben, die Möbel, alles blieb so erhalten, wie es am Trauertage, 19. Juli 1810, gewesen. Schon im Sommer 1834, als Rauch sein erwähntes Meisterwerk, nämlich den ruhenden Kopf der Königin, darstellte, waren einzelne Gegenstände verfallen und entfernt. Später ging dieser Verfall so weit, daß die ganze innere Einrichtung umgestaltet werden mußte, an Stelle des Bettes trat eine kleine schwarze Säule. Mitte der achtziger (1880er) Jahre ward abermals eine Umgestaltung des Raumes erforderlich, der Fußboden wurde mit Fliesen ausgelegt, die Fenster machten altdeutschen Fenstern Platz. Die Erinnerungszeichen, die sich hier inzwischen angesammelt, Kränze u.s.w., blieben natürlich erhalten.“

Großherzog Friedrich Wilhelm II. hatte um 1890 diese Umgestaltung des Sterbezimmers zu einem Gedenkraum gewünscht. Er ließ das Gipsmodell der Plastik aufstellen, die Christian Daniel Rauch für den Sarkophag der Königin geschaffen hatte. Das schmiedeeiserne Gitter vor dem Sterbezimmer wurde angebracht und auch die Ausmalung mit dem Engelsfries und dem illusionistischen Sternenhimmel entstand in diesem Zusammenhang.

1921 konnte man im Denkmalinventar lesen: „Als Sterbeort der Königin Luise, Preußens schwergeprüfter, vielgeliebter Königin, hat Hohenzieritz weit über Mecklenburg hinaus seit 1810 eine pietät- und weihevolle Bedeutung. Das Sterbezimmer der Königin Luise ist jetzt zu einer Gedenkhalle umgewandelt, in der eine Kopie des Rauchschen Sarkophages der Königin in Charlottenburg von Albert Wolff und eine Wiederholung des Kopfes von dem Meister selbst neben anderen Erinnerungszeichen Aufstellung gefunden haben.“

Eine letzte Umgestaltung gab es 1935 aus Anlass des 125. Todestages der Königin. Der Sarkophag wurde in die Achse der Raumflucht gerückt und offenbar das eiserne Gitter vor dem Raum entfernt. Nachdem seit 1945 fast alles verloren gegangen war, was an die Königin und ihren Tod in Hohenzieritz erinnerte, entstand nach 1990 eine neue Luisengedenkstätte, stückweise wurden die früheren Gestaltungen rekonstruiert, Neues gesammelt und ausgestellt.

Inzwischen ist wieder eine Generation vergangen und wieder soll es eine Veränderung geben. Die allgemeine Aufregung ist groß. Aber hat nicht jede Zeit, jede Generation ihre Vorstellung gehabt, wie das Sterbezimmer der beliebten preußischen Königin, einer mecklenburgischen Prinzessin, auszusehen habe? Warum sollte es heute nicht mehr so sein?

Erinnerungskultur kann man schwerlich unter Denkmalschutz stellen. Der Umgang mit der Vergangenheit und die Vorstellung davon, wie eine Erinnerung bewahrt werden soll, wird von jeder Generation neu definiert.

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