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Historie : Vom Duft der Westpakete

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Ganz oben auf der Wunschliste der DDR-Bürger standen Kaffee, Schokolade, Nylonstrümpfe und Kaubonbons

svz.de von
erstellt am 27.Mai.2016 | 11:45 Uhr

Bis 1968 wohnte unsere Familie in Neu Kaliß (Südwestmecklenburg) noch mit den Großeltern zusammen. So kamen wir Kinder wiederholt und vereinzelt auch später noch in den Genuss, die Paketbänder der an die Großeltern adressierten Pakete aus der alten Bundesrepublik (Westpakete!) zu öffnen.

Wer sich an gleichartige „Erlebnisse“ erinnern kann, wird vor allem die geheimnisvollen Gerüche in der Nase haben. Den Lebensmittelpaketen entströmten wohl nie wieder erreichte Aromen. Es war wohl diese seinerzeit geheimnisvolle Mischung von Kaugummi, Schokolade, Kaffee, Seifen und anderen „Duftspendern“.

Großmutter hatte auf dem Friedhof mehrere Gräber in Pflege, deren Angehörige in den Westen gegangen waren. So gab es nicht nur die obligatorischen Weihnachts- oder Osterpäckchen, sondern auch zahlreiche Pakete mit bereits getragenen, aber vor dem Versand desinfizierten Textilien. Diesen Paketen entströmte nur ein klinischer Geruch von Reinlichkeit, der nur interessanter wurde, wenn sich zwischen den Textilien noch Seife oder irgendwelche Leckereien befanden.
Doch welcher geschichtliche Hintergrund verschaffte uns Kindern diese kleinen Freuden?

Die Übereinkünfte der Alliierten infolge des Zweiten Weltkrieges hatten Deutschland in zwei Teile zerrissen. Mecklenburg wurde Sowjetische Besatzungszone und ab 1949 Bestandteil der DDR. Nach ersten Abmachungen im Jahr 1946 ermöglichten die Alliierten bereits ein Jahr später einen innerdeutschen Paketverkehr zwischen den von der sowjetischen mit den von den Westalliierten besetzten Zonen. Ab 1949 gründeten sich in den Westzonen dann ähnlich der US-amerikanischen Care-Paket-Aktion kirchliche und Wohlfahrtsinitiativen, die sich das Packen von Lebensmittel- und Geschenkpaketen in die sozialistisch orientierte DDR auf die Fahnen geschrieben hatten. 1948 wurde im Westen die Aktion „Dein Päckchen nach drüben“ der so genannten Osthilfekreise ins Leben gerufen, die sich vorrangig dem Versand von Literatur und Kleidung widmete. Mediale Propaganda unterstützte diese Aktion. Da die DDR-Führung in diesen Hilfssendungen natürlich vorrangig ein Propagandainstrument des Westens sah, aber wegen der noch erheblichen Mängel im eigenen Versorgungssystem auf diese nicht unwillkommenen „Lieferungen“ aus dem Westen angewiesen war, versuchte sie das Versenden der Paketpost aus der BRD in die DDR 1954 durch eine erste Verordnung zu regeln. Fortan waren Geschenksendungen innerhalb der beiden deutschen Staaten nur noch zwischen Privatpersonen zugelassen, die in persönlicher Verbindung zueinander standen. Der Versand der Westpakete entwickelte sich für die DDR mit der Zeit zu einer festen Planungsgröße, die selbst in den Berechnungen der Staatlichen Plankommission der DDR Berücksichtigung fanden. Gleichwohl durfte eine Person pro Jahr nicht mehr als zwölf Sendungen aus dem Westen erhalten. Verboten war das Verschicken von Geld, Zeitungen, Tonträgern, Kriegsspielzeug, Arzneimitteln und Konserven. Für getragene Kleidung war eine Desinfektionsbescheinigung vorgeschrieben. Nach eigenem Bekunden verfolgten einschlägige Organisationen der BRD das Ziel, die Bevölkerung der DDR mit den Segnungen des westdeutschen Wirtschaftswunders zu konfrontieren und auf diese Weise die Menschen für das marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem einzunehmen. Und tatsächlich verfehlte diese Politik bei vielen DDR-Bürgern ihr Ziel nicht. Was packten die „Ossis“ denn am liebsten aus? Ganz oben auf ihrer Wunschliste standen Genussmittel wie Kaffee, Kakao, Schokolade und Tabakwaren. Ebenfalls gern empfangene Geschenke waren die im TV beworbenen Süßigkeiten, Kosmetikartikel, Nylonstrümpfe, Südfrüchte und Fertigsuppen von Knorr oder Maggi. Als Schulkinder freuten wir uns besonders zu Patronenfüller, Tintenkiller oder Filzstiften. Mutter und Oma warteten vor dem Weihnachtsfest vor allem auf Päckchen mit Backzutaten, wie Mandeln, Nüsse, Rosinen, Orangeat und Zitronat.

Wir Kinder und Jugendliche ersehnten dringend Streifen- und Blasenkaugummis, Kaubonbons und Haribo-Konfekt. Für meinen Urgroßvater war das Weihnachtsfest erst perfekt, wenn er seine Zigarren der Marken Handelsgold oder Weiße Eule entzünden konnte.

Was war noch wichtig? Der Inhalt der Westpakete musste mit der Aufschrift Geschenksendung, keine Handelsware gekennzeichnet sein und ein Inhaltsverzeichnis enthalten. Westpakete wurden von der BRD-Regierung gefördert, pro Paket oder Päckchen konnte man pauschal 30 DM von der Steuer absetzen.

Doch die „Ossis“ waren nicht undankbar. Die in den 1970er Jahren jährlich etwa 25 Millionen verschickten Westpakete kreuzten ihren Weg mit etwa jährlich 9 Millionen verschickten Ostpaketen. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl wurden also mehr Ost- als Westpakete verschickt. Das dürfte zahlreiche Leser in Erstaunen versetzen.

Die von meiner Großmutter vor allem vor Weihnachten in den Westen verschickten Pakete enthielten vorwiegend kunstgewerbliche Gegenstände, wie Kerzenständer mit Kerzen, selbstgehäkelte Deckchen oder Knüpfwaren. Andere verschickten Stabilbaukästen, Bücher oder Kinderbekleidung in den Westen. Erstaunt war meine Großmutter seinerzeit, als ihre Cousine sie in einem Brief bat, doch bitte das Paketband zurückzuschicken: „Dat is bi uns ok nich ganz billich.“
 

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