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Schäfer in MV : Vom Bockflöter und Hammelmajor

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Schäfer beschäftigten die Menschen im alten Mecklenburg wie kaum ein anderer Berufsstand

svz.de von
erstellt am 18.Mär.2017 | 00:00 Uhr

Der Frühling ist da und der Hochbetrieb im Schafstall läuft. Die Lämmer werden geboren und die Schäfer haben alle Hände voll zu tun. Im Vergleich zur Lüneburger Heide oder den Nordsee-Deichen finden sich in unseren Landen kaum weiße Tupfer auf grünen Wiesen. Doch das war einmal anders.

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde in Mecklenburg das Schaf vor allem wegen seiner Anspruchslosigkeit und seines vielseitigen Nutzens – Fleisch, Wolle, Milch, Käse, wärmendes Schafsfell – gehalten. Es wurde auf den häufig nicht so fetten Böden der Kuh vorgezogen. Vor allem in den Wintermonaten fanden die Schafe bei schneefreien Flächen immer noch ausreichend Nahrung. Und erst, wenn es draußen nichts mehr zum Grasen gab, wurde diese Zeit im Stall mit Roggen- und Erbsenstroh gut überstanden. Später verlor die Schafhaltung in Mecklenburg ihre Bedeutung, vor allem wegen der preiswerteren Importwolle aus Übersee.

Schon frühzeitig waren im Land die Schäferordnungen erlassen worden, so in den Jahren 1578, 1645, 1786 und 1791. Im Gegensatz zu den Hirten waren die Schäfer damals schon privilegiert, konnten durch nennenswerte Zahlen von eigenen Schafen zu Ansehen und Wohlstand gelangen, wie Wossidlo und Teuchert in ihrem „Mecklenburgischen Wörterbuch“ zitieren.

Wörtlich heißt es: „Es gibt in Mecklenburg sehr wenige Schäfereien, die dem Gutsbesitzer gehören, die mehrsten sind denen Schäfern zu eigen und geben selbige 25 bis 40 Thaler Pacht vom Hundert ihrer eigenen Schafe... Mecklenburg und Pommern sind voll von solchen Schäferfamilien, welche, ohne einen Fußbreit Land zu besitzen, viele hundert bis tausend Schafe halten.“ Die Blütezeit der Schäferei war Anfang des 20. Jahrhunderts zu Ende, und der Schäfer gehörte in Mecklenburg zu den aussterbenden Berufen. Vielleicht auch deshalb, weil die Schäferei ein recht anstrengendes Gewerbe war, verbunden mit Entsagung und Entbehrung.

In einem um 1900 erschienenen Beitrag wurde der Schäfer so beschrieben: „Einst bildete der Schäfer in Mecklenburg eine lebensvolle, charakteristische Figur, halb sitzend, halb stehend, mit der Kehrseite auf den Stock gestützt, im langen, blauen Rock, in Kniehosen, Strümpfen und Schuhen, das Haupt mit einem kleinen breitkrempigen Hut bedeckt, in den Händen ein Strickzeug bewegend. Zu den Füßen…saß sein treuer Begleiter, ein langhaariger Hund, Wasser, Spitz oder Fix genannt. Wenn der Schäfer seinen Hut lüftete, so zeigte sich ein Messingkamm, der das nach hinten gekämmte Haar festhielt. Das unter freiem Himmel auf dem Felde stehende Haus des Schäfers war ein länglicher Wohnkarren, der ein Strohdach trug.“ Schäfer waren früher übrigens bekannt für ihre Strickwaren. Das Leben des Schäfers unter freiem Himmel brachte es mit sich, dass er ein genauer Kenner des Wetters und der Natur war, die vielen Pflanzen innewohnende Kraft kannte und ihre Wirkung bei Mensch und Tier. Das Vertrauen der Landbevölkerung zu den geheimnisvollen Kräften des Schäfers, zu seinen Besprechungen und Zauberformeln, den Salben, Pulvern und Tinkturen war groß. Die Zusammensetzung seiner Tinkturen und Salben war sein großes Geheimnis. Erst beim Herannahen des Todes gab er einer ihm nahe stehenden weiblichen Person davon Kenntnis. Die Eingeweihte wiederum übermittelte das ihr Anvertraute einem Manne, ,,den ihr der Sterbende zuvor namentlich genannt hatte“. Ein ganz besonderes Ritual…

Kaum ein anderer Berufsstand als der mecklenburgische Schäfer hat so sehr die Menschen seiner Zeit beschäftigt. Zahlreich sind die Volksüberlieferungen, Gedichte, Lieder, Anekdoten, Sprichworte, Humoresken und Geschichten sowie Reime, die dem Buckflöter (Bockflöter) und Hammelmajur (Hammelmajor) zugeschrieben wurden, um zwei Spott- und Scherznamen zu nennen. Hier ein paar Beispiele: Sein Schäfchen ins Trockene bringen, also, sich seinen Vorteil und Gewinn sichern. Er hat sein Schäfchen geschoren – den Vorteil wahrnehmen. Die Schafe von den Böcken scheiden – das Gute vom Schlechten trennen. Dann gibt es noch das „räudige Schaf“, das die ganze Herde ansteckt, und das „dumme Schaf“, ein Begriff, der schon im Mittelalter bekannt ist. Von besonderer Vielfalt sind die Aufzeichnungen, die von Richard Wossidlo gemacht wurden. „Een Schäper is eens to Hochtied laden wäst. As em
de Lüd naher fragt hebben, wo em dat gefollen hadd, hett he meent: O, da anner wier all angahn, blot, dat he bi’t Äten hadd sidden müßt un nich hadd liggen gahn künnt, dat hadd em nich gefollen.“

Ganz wichtig für den Schäfer war der Schäferstock, sein Markenzeichen, der, am Ende mit einem Haken versehen, auch dazu diente, einzelne Schafe aus der Herde heraus zu fangen. Die Stöcke waren teilweise kunstvoll geschnitzt und verziert.

Zum Schluss noch etwas zu einem heute meist vergessenen Spiel für zwei Personen (am liebsten Enkel und Großmutter) – das Spiel vom armen Schäfer. Einer bekam die schwarzen, der andere die roten Karten. Von oben wurde aufgedeckt, wobei der Spieler mit dem höheren Kartenwert jeweils die andere dazu gewinnt. Haben beide Karten den gleichen Wert, dann „stoßen sie sich“ und die nächsten Karten werden wieder aufgedeckt und fallen dann alle dem Spieler mit der höheren Karte zu. Es wird solange gespielt, bis einer keine Karten mehr hat.
 

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