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Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Verlorene Jugendjahre in Sibirien

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Christel Lerbs wurde aus Ostpreußen in ein Arbeitslager im Ural verschleppt – erst 1949 kehrte sie von dort zurück

Habgier und Machtgier stürzen die Menschen in Krieg und Leid, sagt Christel Lerbs aus Schwerin. Leid, das sie selbst erfahren hat: Im Alter von 17 Jahren wurde die heute 88-Jährige nach Sibirien verschleppt, wo sie fünf Jahre in einem Arbeitslager blieb – gepeinigt von Hunger und Kälte, Krankheiten und Heimweh. Nie konnte sie später über diese Zeit reden – zu DDR-Zeiten ein Tabu-Thema. „Und meine Kinder wollte ich damit nicht belasten und nicht schrecken“, so die Schwerinerin. Noch heute verspürt sie Angst, darüber zu reden – wenngleich dieser Teil ihrer Biographie sie mit zunehmendem Alter stark beschäftigt. „Das Leben ist kurz, die Menschen sollten es sich nicht durch Lüge und Niedertracht verderben“, sagt sie, wenn sie an ihre verlorenen Jugendjahre denkt. Für ihre Familie hat sie die Erinnerung daran aufgeschrieben.

Im Januar 1945 war es soweit. Die Ostfront kam näher und wir mussten unsere Hei-mat für immer verlassen. Heimat, das war das Dorf Reitzenstein, Kreis Johannisburg, in den Masuren in Ostpreußen. Wir – das waren meine fünf Geschwister und ich, damals 17 Jahre alt. Mein Vater war im Kriegsdienst. Bei einer Kälte um 20 Grad setzte sich der Treck in Bewegung. Auf dem Rittergut Laxdoyen endete die Flucht. Wir wurden von der Roten Armee eingeholt. In den Wirtschaftsräumen fanden wir Unterschlupf. Mit einem Gewehrkolben brach ein russischer Soldat die Tür auf und forderte von uns unsere Uhren unter Androhung der Todesstrafe. Glücklicherweise konnte meine ältere Schwester ihre Armbanduhr opfern und so wurde die Gefahr gebannt. Das nächste Opfer sollte ich sein. Dank meiner Mutter, die ein wenig rus-sisch konnte, blieb ich vor einer Vergewaltigung bewahrt. Der Russe riss die andere Tür auf und stürzte sich auf ein 18-jähriges Mädchen. Nachdem er das Mädchen vergewaltigt hatte, wurde es vor unseren Augen erschossen.

Wir wurden jetzt zur Arbeit angetrieben und mussten im Viehstall arbeiten. Eines Tages erschienen Funktionäre. Es wurden 25 Mädchen abgezählt und mit aufgepflanzten Bajonetten abgeführt – wir sollten im Nachbarort neue Dokumente erhalten. Daraus wurden fünf Jahre Sibirien hinter Stacheldraht!

In frostkalter Nacht trieben uns bewaffnete Posten in einen Gutskeller. Hier nun wurden die Frauen missbraucht. Am nächsten Tag ging es per Fußmarsch in das Zuchthaus nach Rastenburg. Bevor wir einzeln verhört wurden, „erleichterten uns die russischen Wachposten von den letzten Habseligkeiten, einer Decke, einem Stück Brot, Fotos… Wir wurden in eine Zelle getrieben. Eine junge Frau, Maria Lox, 19 Jahre alt aus Rößel, die zuvor Medizin in Breslau studiert hatte, setzte sich zu mir. Im Moment war sie psychisch die Stärkere, denn ich war am Ende meiner Kräfte. Sie hatte einen Wurstzipfel, von dem ich jeden Tag einen Zentimeter bekam. Auf dem Gefängnishof schor man anderen weiblichen Gefangenen die Haare vom Kopf und warf sie ins Feuer. Dieses Bild größter Schmach hat sich tief in mir eingeprägt. Dann begann der Abtransport nach Sibirien in einem Viehwaggon. Es gab kein Wasser für die Hände und auch kein Toilettenpapier – so waren Ruhr und Typhus vorprogrammiert. Wir wurden täglich weniger. Das Zahnfleisch blutete und die Zähne wackelten. Trotz des Hungers wurde das Essen des Brots zu einer Quälerei. Am 20. April 1945 endete die Fahrt. Entkräftet kamen wir in dem für uns vorgesehenen Gefangenenlager an. Es war das Lager 1083 Ural, Südsibirien.

Dieses Bild erhielt Christel Lerbs erst vor einigen Jahren durch Zufall zurück. Auf einem Ostpreußentreffen begegnete sie einem alten Schulfreund, der es Jahrzehnte bei sich getragen hatte.
Dieses Bild erhielt Christel Lerbs erst vor einigen Jahren durch Zufall zurück. Auf einem Ostpreußentreffen begegnete sie einem alten Schulfreund, der es Jahrzehnte bei sich getragen hatte.

Bedingt durch einen entzündeten Zeh, mangelhafte Hygiene und Unterernährung war mein Körper eine einzige Entzündung. Der russische Arzt wies den deutschen Arzt an, meinen Zeh zu amputieren. Doch dank seiner Salben und des Verbandmaterials blieb mir der Zeh erhalten.

Wöchentlich konnten wir unsere Sachen in einer Entlausungsbaracke abgeben. Die „lieben Tierchen“ blieben uns treu und plagten uns weiter, Läuse, Flöhe und Wanzen. Schlimm war auch der tägliche Zählapell auf dem Lagerplatz – bei jedem Wind und Wetter. Nachdem wir ein halbes Jahr auf blanken Bretterpritschen gelegen hatten, bekamen wir eine Pferdedecke, ein Laken, ein kleines Kissen. Das Essgeschirr bestand aus einer Konservendose und einem Holzlöffel. Zweimal am Tag gab es einen halben Liter Wassersuppe, dazu 300 Gramm minderwertiges Brot. Während dieser fünf Jahre bekamen wir keinen Tropfen Milch, kein Obst, kein Gemüse, kein Gramm Fett, kein Fleisch.

Im Lager griffen Seuchen wie Typhus um sich. Zu meinem großen Schmerz kam auch Maria in die „Typhusbaracke“. Sie wünschte sich ein Glas Milch von Kühen, die sie in ihrer Fantasie sah. Dann schloss sie die Augen für immer – und ich blieb allein zurück. Ich werde sie nie vergessen! Auch ich bekam Typhus, überlebte dank amerikanischer, medizinischer Hilfsgüter. Als ich wieder stehen konnte, kam ich zu einem Totenkommando. Schweren Herzens mussten wir die auf dem Acker liegenden Leichen verscharren. Wir, die bisher Überlebenden, kamen in das Arbeitslager Potanino. Hier mussten wir im Schichtsystem Schwerstarbeit in einer riesigen Ziegelei verrichten. Wir mussten Loren mit Schlacke zur Halde schieben, Kohlewaggons entladen, im Lehmstich arbeiten und riesige Baumstämme entladen. Die Arbeiten wurden auch bei Temperaturen von -40 bis -50 Grad durchgeführt. Es brauchte Jahre, bis die Spuren der Erfrierungen im Gesicht, Ohren und Händen verschwunden waren.

So vegetierten wir dahin, keine Nachrichten, keine Musik und keine Zeitschriften – nur das „dawai“ der Posten. Wer singen konnte, der sang. Ich hatte eine brauchbare Altstimme und so musste ich deutschen und russischen Ärzten vorsingen. Manchmal führte mich mein Singsang bis zur Küche. Hier regierte Moses, ein großer stattlicher Ungar. Er gab mir eine weiße Schürze, eine Kochmütze und eine Kelle – womit ich zum Küchenpersonal avancierte. So konnte ich mal ein wenig Hirsebrei oder auch Hering „abzweigen“. Alles wurde mit den anderen geteilt.

Der 5. Winter und das 5. Jahr neigten sich dem Ende entgegen. Es war Oktober 1949. Da hieß es von der Wachmannschaft, dass wir bald nach Hause können. Aus Freude über diese Nachricht schlugen wir Purzelbäume, tanzten und sangen: „Nun danket alle Gott!“. Krank und schwach kam ich nach vierwöchiger Fahrt im Viehwaggon nach Mecklenburg.

Während für die meisten Deutschen der wahnsinnige, sinnlose Krieg im Mai 1945 zu Ende ging, währte er für uns nochmal fünf Jahre – geprägt durch Elend und Not.

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