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Flucht, Vertreibung, Neuanfang – Ihre Geschichte : Vaters Bücher im Fluchtgepäck

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Gottfried Krause aus Güstrow hütet einen besonderen Schatz, der ihn an die Eltern und die einstige Heimat in Böhmen erinnert

svz.de von
erstellt am 21.Jan.2017 | 00:00 Uhr

„Meinem kleinen lieben Buben zum Geburtstag von seinem Vater“ steht auf dem Umschlag des Bilderbuches. Und darunter: „Im Kriege am 8. Oktober 1943“. Die lädierten Seiten, deren Einband sich schon gelöst hat, gehören zu Gottfried Krauses größten Schätzen. Zu seinem ersten und auch zum zweiten Geburtstag bekam er von seinem Vater selbstgezeichnete Bücher. „Mein Vater war Buchbinder und hatte eine künstlerische Ader“, erzählt der Güstrower, während er durch die bunten Bilder blättert. Als nicht „truppendiensttauglich“ war Gottfried Krause senior in Hamburg zur Beseitigung von Bombenschäden eingesetzt und zeichnete hier in der freien Zeit für den kleinen Sohn.

Der ist heute 74 Jahre alt. Und dass er jetzt mit seinen Enkeln die Zeichnungen des Vaters betrachten kann, verdankt er der Geistesgegenwart seiner Mutter Margarete. Sie steckte im Jahr 1945 die Bücher zu den wenigen Dingen, die sie bei der Vertreibung aus dem bömischen Kottomirsch mitnehmen durfte. „Meine Mutter hatte mich und einen Rucksack“, erzählt Gottfried Krause, der an die Vertreibung nur bruckstückhafte Erinnerungen hat. „Ich weiß, dass wir mit dem Zug gefahren sind. Die Waggons hatten Rolltüren und einmal, als der Zug länger hielt, sind Leute ausgestiegen, haben Steine aneinander gelegt und gekocht“, erzählt er und fügt hinzu: „Ich musste immerzu hinschauen, weil ich solchen Hunger hatte.“ Mit quälendem Hunger hat auch seine zweite Erinnerung zu tun. Sie führt in eine Scheune, in der die Menschen auf Stroh kampierten. „Ich habe vor Hunger gebrüllt. Viele gaben mir von dem wenigen, das sie hatten, nur damit ich still war.“

Was diese Vertreibung und die damit verbundenen Strapazen für seine damals 24 Jahre alte Mutter bedeuteten, kann Gottfried Krause nur ahnen. Zwar hat er mit ihr später über diese Zeit gesprochen, weiß aber auch, dass sie ihm nicht alles erzählt hat. „Eine meine frühesten Erinnerungen ist, wie schwarz gekleidete Männer in unsere Wohnung kommen und meine Mutter immer wieder schreit: ,Tut meinem Buben nichts!’ Erst später habe ich begriffen, dass sie vergewaltigt wurde. Einmal habe ich sie darauf angesprochen, aber sie hat das Thema gemieden und ich habe nie wieder gewagt, danach zu fragen“, sagt Gottfried Krause. Betrachtet er die wenigen alten Fotos, die ihm aus der Kindheit geblieben sind, dann sieht er, dass die junge, wunderschöne Frau, die eine Aufnahme von 1944 zeigt, auf dem Bild aus dem Jahre 1946 verhärmt und abgemagert aussieht. „Als meine Mutter und ich in Güstrow ankamen, gab es kaum etwas zu essen. Weil ich noch so klein war, bekamen wir am Tag einen Viertelliter Milch. Also bin ich täglich von Bauhof zum Pferdemarkt gelaufen, um die Milch zu holen. Meine Mutter konnte das nicht tun, sie hat gearbeitet“, erinnert sich Krause. Als er einige Monate später an Typhus erkrankte, kam der russische Vorarbeiter der Mutter jeden Tag in die Krankenbaracke und brachte dem Jungen Milch in der Feldflasche. „Um mich herum sind viele Kinder gestorben, aber ich bin gesund geworden“, sagt der 74-Jährige dankbar.

1946 kehrte der Vater aus der Kriegsgefangenschaft in den Vereinigten Staaten zurück. Er bekam Arbeit als Nachtwächter in der Brauerei und die Familie erhielt dort eine Wohnung. Gottfried fand Spielkameraden – was anfangs aufgrund der „Sprachbarriere“ gar nicht so einfach war. „Wir verstanden einander einfach nicht“, erzählt er von seinen ersten Erfahrungen mit dem Plattdeutschen. Auch die Händler auf dem Wochenmarkt, wohin der Junge zu gern stromerte, unterhielten sich in der niederdeutschen Mundart. Doch Kinder lernen schnell – und auf der Straße noch viel schneller. So schnackte bald auch Gottfried Krause, geboren in Kottomirsch, Böhmen, Platt wie ein Mecklenburger.

„Ich liebe diese Sprache“, sagt er. Kommt ihn der dreijährige Enkel besuchen, holt Gottfried Krause hin und wieder die Bilderbücher seines Vaters hervor und beide blättern durch die Seiten. Der Opa besteht dann immer darauf, dass „Platt snackt ward“ und der Lütte kennt „de Kauh, mit de Bimmel an“ oder „de Häuhnermann“, die sein Urgroßvater Jahrzehnte vor seiner Geburt gezeichnet hat, aus dem Effeff.

Doch wenngleich der Lebensmittelpunkt des einstigen Berufskraftfahrers lange in Mecklenburg liegt: „Ein Viertel Heimat“, sagt Gottfried Krause, ist immer noch in der Nähe von Prag. Nachdem er sich 1970 sein erstes Auto gekauft hatte, löste er seiner Mutter gegenüber ein Versprechen ein und fuhr mit ihr in den alten Heimatort. „Das Haus, in dem wir gewohnt haben, sah immer noch aus wie zu unserer Zeit, sogar der Gartenzaun war noch derselbe“, sagt der Güstrower und legt zwei Fotos nebeneinander. Mutter und Sohn sahen nicht nur das Haus wieder, sondern auch die Nachbarin, die einen Tschechen geheiratet hatte und noch immer im heutigen Chotimer lebte. „Was war das für eine Freude“, erinnert sich der 74-Jährige, der in den folgenden Jahren mit seiner Familie immer wieder in die Tschechei reiste. „Ich habe mich auch bemüht, ein bisschen Tschechisch zu lernen“, sagt er.

Inzwischen hat Gottfried Krause angefangen, seine Lebenserinnerungen aufzuschreiben. Die fünf Kinder fragen immer wieder nach der Vergangenheit und bald kommt sicher auch die Zeit, in der die elf Enkel und zwei Urenkel alles genau wissen wollen. Eine kleine Hürde hat ihnen der Großvater dann allerdings eingebaut: Er schreibt ausschließlich auf Platt.

 

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