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Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Vater fand die Seinen wohlauf

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Das Schicksal der ostpreußischen Familie Berg: Mutter und elf Kinder überstanden die Flucht aus Gumbinnen nach Mecklenburg

60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges erinnerte sich Erika Lojewski, geb. Berg, im Februar 2005 an die Zeit der Flucht und des Neuanfangs. Wolfgang Meyer schrieb damals die Geschichte auf.

Erikas Vater, Regierungsbeamter Kurt Berg, bewohnt in Gumbinnen (Gusev) in der Mozartstraße 7 mit seiner Familie ein Einfamilienhaus. Gumbinnen, eine stolze ostpreußische Stadt, liegt noch über 120 Kilometer von Königsberg (Kaliningrad) in östlicher Richtung entfernt. Das Ehepaar Berg hat zwölf Kinder, sechs Jungen und sechs Mädchen, alle zwischen 1927 und 1944 geboren.

Die sowjetischen Truppen nähern sich unaufhaltsam den Grenzen Ostpreußens. Schon am 3. August 1944 erhält Familie Berg den Aufruf zur Flucht. Vater und ältester Sohn sind an der Front, der Jüngste liegt als fünf Monate alter Säugling im Kinderwagen. Die Mutter und elf Kinder machen sich auf den Weg. Die erste Etappe der Flucht geht bis Maraunen, einen Ort zwischen Gumbinnen und Königsberg. In dieser Zeit ist die Heimatstadt noch nicht besetzt. Erika, die älteste Tochter, fährt noch einmal zurück und holt einige Sachen aus dem elterlichen Haus. Als die Front sich nähert, zieht die Familie Mitte Oktober weiter, bis Zinten, einen Ort 40 Kilometer südlich von Königsberg. Anfang Dezember sind schon große Teile Ostpreußens eingeschlossen. Die Familie gelangt vorwiegend mit dem Zug in die Gegend zwischen Arnswalde und Landsberg an der Warthe. Ein trauriges Weihnachtsfest verbringen Bergs in dem kleinen Ort Geilenfelde. Dann geht es zu Fuß und auf dem Pferdewagen, die Front im Rücken, rund 50 Kilometer weiter bis Bernstein. In Alt Damm, schon kurz vor Stettin, versuchen Erika und ihre Freundin Eva Hennig, etwas Essbares aufzutreiben. Als sie zurückkommen, ist die Großfamilie weitergefahren. Die Mutter hatte mit ihren vielen Kindern in einem Zug ein Abteil für die Familie bekommen. Auf den Gleisen stehen jetzt nur noch Waggons für die Wehrmacht.

Die beiden jungen Mädchen kriechen unter ein Panzerfahrzeug und fahren bis Neubrandenburg, wo sie ihre Angehörigen auf einer „Rot-Kreuz-Stelle“ wiedertreffen. Der Flüchtlingstransport wird weiter nach Schwerin geleitet. Von da aus geht es Richtung Hagenow-Land.

Nach einer auf dem Bahnhof verbrachten Nacht werden die Flüchtlinge von dem Belscher Altbüdner Helmuth Fischer abgeholt. Auf einem mit Stroh ausgelegten Pferdewagen kommen sie am 11. Januar 1945 bei strömendem Regen in ihrer vorläufig neuen Heimat in Belsch an. Die Mutter mit den drei Jungen Horst, Helmut und Joachim wird bei Bauer Hildebrandt untergebracht. Die übrigen Geschwister Gisela, Lilo, Ursel, Hans-Georg, Ruth, Hannelore, Karl-Heinz und Erika werden auf folgende Familien aufgeteilt: Friedrich Vick, Bäcker Emil Frauen, Adolf Weber, Liselotte Meyer, Willi Lammert und Walter Wacker.

Das schreckliche Kapitel einer 1000 Kilometer langen Flucht hatte ein glückliches Ende genommen. Von den zwölf auf die Flucht gegangenen Personen sind alle, auch das Kleinkind, lebend in Mecklenburg angekommen. Die Familie Berg hatte Glück, wie nicht allzu viele ostpreußische Familien, denn manche sind nie westlich der Oder angekommen oder verloren Kinder, Verwandte und Freunde durch Hunger, Krankheit, Kälte und Krieg.

Das Schicksal des ältesten Sohnes Werner und des Vaters Kurt ist noch zu schildern. Werner wurde als 17-Jähriger eingezogen, erlitt eine schwere Verwundung und geriet in Gefangenschaft. Aus dieser kehrte er erst am 26. Mai 1950 zurück, genau an dem Tag, an dem seine Schwester Erika in Goldenitz den Gestüter Fritz Lojewski heiratete.

Der Vater, mit über 50 Jahren noch Soldat geworden, gelangte 1945 auf Umwegen nach Mecklenburg. Bis Groß Krams, fünf Kilometer vor Belsch, war er gekommen. Hier wurde er von russischen Soldaten verhaftet und Richtung Ural deportiert. Ein glücklicher Umstand bescherte ihm eine relativ kurze Zeit in der Gefangenschaft. In Gumbinnen hatte Kurt Berg Anfang der 1940er-Jahre mit Gefangenen zu tun. Einer von ihnen, jetzt Aufseher im sowjetischen Lager, erkannte ihn wieder und erinnerte sich, dass Berg sich gegenüber den sowjetischen Gefangenen human verhalten und ihnen zu essen gegeben hatte.

So kam der Vater von zwölf Kindern schon 1947 in seiner neuen Heimat Belsch an. Auf dem Weg von Redefin nach Belsch traf er einen Einheimischen. Als dieser ihm erzählte, dass eine Frau Berg und ihre elf Kinder wohlauf seien, setzte er sich an den Grabenrand und weinte.

Noch 1947 zogen die Bergs nach Kraak und dann nach Goldenitz, wo sie eine Siedlung (Neubauernstelle) übernahmen. So hatten alle Bergs die alte Heimat verloren, aber ihr Leben behalten und in Mecklenburg eine neue Heimat gefunden.

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