Ernst Barlach : Unorthodoxes Sehnen nach Menschlichkeit

Ernst Barlach (1870 bis 1938)
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Ernst Barlach (1870 bis 1938)

Der Bildhauer, Grafiker und Schriftsteller Ernst Barlach starb am 24. Oktober vor 75 Jahren. Sein Wirken war von einem „unorthodox-religiösen Sehnen nach Menschlichkeit“ geprägt.

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11. Dezember 2013, 19:09 Uhr

Ernst Heinrich Barlach ist als herausragender Bildhauer, Grafiker sowie Schriftsteller überliefert und gehört zu den bedeutendsten deutschen Künstlern des 20. Jahrhunderts. Sein Wirken war von einem „unorthodox-religiösen Sehnen nach Menschlichkeit“ geprägt, wurde bis 1933 mit hohen Ehrungen gewürdigt und dann von den Nazis als „entartet“ diffamiert. Er kam eigentlich aus Holstein, lebte viele Jahrzehnte in Mecklenburg und unterhielt auf verschiedenen Ebenen enge Kontakte nach Thüringen, die bis heute nachwirken. Zum 75. Todestag des Künstlers am 24. Oktober gibt es neben der Sonderausstellung im Barlach- Museum in Ratzeburg auch zwei weitere Sonderausstellungen in Mecklenburg. Der jahrzehntelange Lebensort Güstrow und der Sterbeort Rostock würdigen Barlach mit einem umfangreichen Rückblick.

Der Künstler wurde am 2. Januar 1870 in der Kleinstadt Wedel in Holstein geboren. Sein Vater war Landarzt und wechselte mit der Familie zuerst nach Schönberg, dann nach Ratzeburg. Sohn Ernst hatte noch drei Brüder, die später alle ins Ausland gingen. Barlach offenbarte früh seine künstlerischen Neigungen, studierte zunächst an der Gewerbeschule in Hamburg und danach in Dresden sowie Paris. Es folgten ab 1898 die freiberufliche Tätigkeit in Hamburg, Berlin sowie Wedel, die stilistische Orientierung an Symbolismus sowie Jugendstil und ab 1907 erste Ausstellungserfolge als Bildhauer und Mitglied der Berliner Sezession. 1910 kam die endgültige Ansiedlung in Güstrow.

Während des I. Weltkrieges war er kurz zum Landsturm eingezogen. Nach 1918 ging es dann Schlag auf Schlag. Barlach glänzte mit zahlreichen Gefallenen- Denkmälern, die wegen ihrer speziellen Formverdichtung heftige Diskussionen auslösten, gedieh zur Attraktion auf vielen Ausstellungen und versuchte sich auch erfolgreich als Dramatiker sowie Erzähler. Angesichts der gesellschaftlichen Bedrängnisse stellte der Schriftsteller mit religiösen Bezügen Leid und Sehnsucht der Menschen nach Erlösung in den Mittelpunkt. Er gehörte in der Weimarer Republik zu den Hauptrepräsentanten des deutschen Kunstbetriebes. Vor allem seine einfühlsamen Plastiken, die überall in Deutschland Aufsehen erregten, machten ihn international berühmt.

Bei dieser Aufwärtsentwicklung spielte auch Thüringen eine Rolle. Den ersten Kontakt bekam er nach dem Tod des Vaters, als die Mutter nach Friedrichroda übersiedelte. Hier sind mehrere Besuche überliefert. Bei einem Aufenthalt während des Paris- Studiums entstand 1896 / 97 nach der Beobachtung einer Frau bei der Arbeit auf einem Rübenfeld die Plastik „Krautpflückerin“, die der Bildhauerkunst einst in Deutschland nach Meinung von Fritz Cremer „einen völlig neuen Sinn gab“. Diese Arbeit erregte erstes Aufsehen. Fast parallel begann 1897 mit einer Kohlezeichnung zu einer „Faust“-Szene seine Dauerbeschäftigung mit Goethes „Faust“. Damit startete eine vielgestaltige Beziehung zum Werk des Weimarer Dichterfürsten, die in viele Grafiken sowie Buchillustrationen einmündete.

Der Künstler, der mit tiefer religiöser Bindung lebenslang Leidende und Verfolgte in den Mittelpunkt stellte, war spätestens ab 1933 selbst ein Verfolgter. Er galt als „entartet“, wurde aus der Akademie ausgestoßen und erhielt Ausstellungsverbot. Bis 1938 wurden deutschlandweit 381 Werke von ihm beschlagnahmt. Er zog sich in eine Form der „inneren Emigration“ zurück, verbrachte seinen letzten Geburtstag zurückgezogen in Wernigerode und starb am 24. Oktober 1938 in der Klinik St. Georg in Rostock an einem Herzschlag. Zur Trauerfeier in Güstrow versammelten sich viele Berühmtheiten wie Käthe Kollwitz, Max Planck, Hermann Hesse und Karl Schmidt-Rottluff. Sie veröffentlichten anschließend per Privatdruck „Freundesworte – E. B. zum Gedächtnis“, ein mutiges Bekenntnis und eine klare Absage an die Nazis. Seine letzte Ruhe erhielt der Künstler auf dem Friedhof in Ratzeburg. Sein Nachlass blieb in Güstrow erhalten und bildet heute mit dem Barlach- Museum einen Wallfahrtsort für Kunstliebhaber. Außerhalb Güstrows befinden sich die größten Sammlungen mit Barlach-Werken inzwischen in Hamburg sowie Bremen. Außerdem gibt es neben privaten Sammlungen weltweit rund 100 Orte, die Arbeiten des Künstlers öffentlich bewahren. Die Palette reicht von Los Angeles und New York über London und Moskau bis in alle Teile Deutschlands, wo das Werk des herausragenden „Deuters und Warners“ nach dem II. Weltkrieg eine Renaissance erlebte und inzwischen als Teil des klassischen deutschen Kulturguterbes gilt.


















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