Unfälle auf dem Eis : Unglückstage im Schweriner Winter

Schweriner vergnügen sich beim Schlittschuhlaufen auf dem Pfaffenteich.  Repro: Dietze
Schweriner vergnügen sich beim Schlittschuhlaufen auf dem Pfaffenteich. Repro: Dietze

Wenn die Seen zufroren, ereigneten sich zahlreiche Unfälle auf dem Eis – nicht selten mit tödlichem Ausgang

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08. März 2016, 09:37 Uhr

Winter 1917, draußen tobt der erste Weltkrieg, in der Heimat suchen die Menschen nach Ablenkung. Wie jedes Jahr im Winter zieht es die Schweriner aufs Eis, die vielen Seen laden dazu ein, und sie fordern ihren Tribut, Jahr für Jahr. Es ist der 25. Januar, Frost herrscht erst seit zwei Wochen und die Gewässer der Stadt haben ihre Tücken. Besonders gewarnt wird vor dem Betreten des Eises des Ziegelsees. Doch das schreckt hier niemanden ab. Erwachsene und Kinder tummeln sich zahlreich auf dem Eis.

Unweit der Möwenburgstraße, stadteinwärts am Ostufer, bricht eine Dame ein. Sofort eilen Spaziergänger und am Ufer beschäftigte Arbeiter des Fischers Warncke herbei. Instinktiv handeln sie richtig, legen sich flach auf das Eis und bilden eine Kette. Besonders engagiert zeigt sich Dr. Kästner, Hautarzt und Betreiber einer Lichtheilanstalt am Luisenplatz. Kästner, der seinen Fronteinsatz schon hinter sich hat, scheut keine Gefahr. Während die Frau gerettet wird, rutscht er selber ins Wasser, und es kostet alle Beteiligten erhebliche Mühe, den selbst in Lebensgefahr schwebenden Doktor zu retten.

Nicht wenige wagen sich auch auf den Außensee. Hans Burmeister, 12 Jahre alt, und der 18-jährige Willy Junge vergnügen sich hier beim Schlittschuhlauf. Das wenig tragfähige Eis wird sogar von Spaziergängern von Land aus erkannt, denn am Rand macht sich ein bedrohliches Krachen bemerkbar. Die beiden Ahnungslosen steuern direkt darauf zu. Pastor Romberg, zweiter Pfarrer an der Schweriner Schelfkirche, mit seinem 14-jährigen Sohn Martin unterwegs, versucht zu warnen. Auch scheinen die beiden seine Rufe vernommen zu haben und wollen die Stelle umfahren, doch es ist zu spät. Beide brechen ein und versinken im Wasser. Hans August Scheven, Oberprimaner am Friedericianum, mitten im Abiturexamen stehend, ist als erster zur Stelle, will retten und bricht ebenfalls ein. Jetzt eilen Romberg und sein Sohn herbei. Es gelingt ihnen flach auf dem bedrohlich wankenden Eis bis an die Unglücksstelle heranzukriechen. Nur noch einer der Verunglückten hält sich über Wasser. Der Sohn des Pastors wirft ihm einen Mantel zu, sie wollen ihn damit aufs Eis ziehen, doch er kann sich nicht mehr halten und taucht unter. Er kommt noch einmal an die Oberfläche, aber auch ein zweiter Rettungsversuch scheitert und er versinkt. Einen Tag später. Wieder sind die Arbeiter des Fischers Warncke zur Stelle. Diesmal um die Toten zu bergen. Am anderen Ende Schwerins, in der Feldstadt, scheint sich das Unglück noch nicht herumgesprochen zu haben. Der 13-jährige Erich, Sohn des im Felde stehenden Lehrers Wandschneider, läuft Schlittschuh auf dem Ostorfer See und bricht ein. Ein Offiziersbursche, der helfen will, gerät ebenfalls in Lebensgefahr und kann nur mit Mühe von Passanten gerettet werden. Die Leiche des kleinen Wandschneider wird erst am darauffolgenden Tag geborgen.

Unglückstage wie diese sind heute kaum denkbar. Heute wird die Bevölkerung durch die Medien ausführlich über Wetterlage und Eissituation auf den Seen informiert.

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