Flucht, Vertreibung und Neuanfang: Ihre Geschichte : Umsiedler – kein Vertriebener

Otto Ringel aus Hagenow beschreibt, wie ein Begriff politisch tabuisiert wurde

svz.de von
01. Juli 2016, 00:00 Uhr

Otto Ringel stammt aus dem Sudetenland. Nach seiner Vertreibung gelangte er nach Mecklenburg. Hier erfuhr er in der sowjetischen Besatzungszone und in den ersten Jahren der DDR, dass der Begriff „Vertriebener“ als politisch nicht korrekt galt. Dies macht er mit einem fiktiven Gespräch deutlich, angelehnt an eine Unterhaltung, die er damals im Arbeitsamt Hagenow führte:

Mitarbeiter des Amtes: Sie haben in dem Fragebogen das Wort Umsiedler durchgestrichen und durch das Wort Vertriebene ersetzt. Das geht aber nicht. Wie können Sie so etwas machen?

Ringel: Weil ich kein Umsiedler bin.

A: Was denn sonst? Sie kommen doch aus der Tschechoslowakei, oder?

R: Ich bin im Sudetenland geboren und wurde nach Kriegsende mit meinen Eltern und anderen Dorfbewohnern zwangsausgesiedelt.

A: Bei uns gibt es keine Vertriebenen, merken Sie sich das, sondern nur Umsiedler.

R: Wie würden Sie es denn nennen, wenn Sie binnen einer halben Stunde Haus und Hof verlassen müssten und zwangsweise in ein Arbeitslager eingewiesen werden?

A: Sie vergessen, dass Deutschland den Krieg begonnen hat.

R: O nein, das werden wir nie vergessen. Aber als der Krieg begann, war ich neun Jahre alt. Übrigens, mein Onkel in Bayern wird dort als Vertriebener anerkannt.

A: Wir sind hier in Mecklenburg und nicht in Bayern.

R: Die haben sich dort sogar zum Bund der Vertriebenen zusammengeschlossen.

A: Hören Sie mir auf mit dem Bund der Vertriebenen. Das ist doch nur ein Sammelbecken von revanchistischen Kräften.

R: Mein Onkel ist ein einfacher Handwerker und kein Revanchist. Und die hunderttausenden Bauern aus Ostpreußen sind das auch nicht.

A: Merken Sie gar nicht, wie ihre Leute für Einflüsse von rechts missbraucht werden?

R: Das kann ich mir nicht vorstellen. Mein Onkel schickte mir einen Auszug aus der „Charta der Vertriebenen“ und da steht eindeutig „Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung“.

A: Sparen Sie sich ihre Belehrungen! Bei uns wurden die richtigen Schlussfolgerungen aus der Geschichte gezogen. Nun noch einmal zu ihrem Fragebogen. Sie stehen bei uns in der Kartei als Umsiedler und so bleibt das auch. Verstanden?

Damit war das Gespräch beendet.


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