Kirchturmuhren in MV : Tickende Zeitzeugen

Detail aus der Wanderausstellung – und nicht vergessen: In der Nacht zu Sonntag wird die Uhr wieder auf mitteleuropäische Zeit gestellt.
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Detail aus der Wanderausstellung – und nicht vergessen: In der Nacht zu Sonntag wird die Uhr wieder auf mitteleuropäische Zeit gestellt.

Der Bestand der Kirchturmuhren in Mecklenburg wurde in den zurückliegenden Jahren umfassend dokumentiert

svz.de von
28. Oktober 2017, 00:00 Uhr

Viel Zeit für die Zeit hat sich Hans-Joachim Dikow in den zurückliegenden Jahren genommen. Oder besser gesagt: für Zeitmesser. Der Schweriner Uhrmacher, der sich selbst „Klockenschauster“ nennt, ist zusammen mit dem Fotografen Herbert Weisrock auf hunderte Kirchtürme gestiegen und hat den Zustand der Turmuhren dokumentiert. „Ein Pilotprojekt in Deutschland“, ist er überzeugt. „Wenn man sagt, in Mecklenburg ticken die Uhren langsamer, dann stimmt das in diesem Falle nicht.“

Mehr als 600 Gotteshäuser zählt die evangelische Kirche in Mecklenburg – von der repräsentativen Stadtkirche bis zur kleinen Kapelle. Nicht alle haben eine Uhr – setzte doch ein solches Räderwerk immer auch einen gewissen Reichtum voraus. Und manche haben eine Uhr und wissen gar nichts davon: Einige Male machte Hans-Joachim Dikow die Erfahrung, dass Küster und Pastoren ins Staunen gerieten, wenn auch ihre Kirche auf der Karte der erfassten Uhren erschien. „In einer Dorfkirche bei Rostock zum Beispiel war irgendwann bei einer Renovierung des Turms das Ziffernblatt entfernt worden. Bei unserem Besuch entdeckten wir im Turm die Uhrenkammer mit den Resten der Mechanik“, erzählt Dikow von Sternstunden der Recherche. Mehr als 430 Kirchen in ganz Mecklenburg haben er und Weisrock in zwei Jahren und drei Monaten besucht – „und wir waren trotz der vielen Arbeit sehr traurig, als es zu Ende war“. Im Sommer dieses Jahres konnte auch die Dokumentation abgeschlossen werden.

Das Ergebnis: Von den 227 Kirchturmuhren Mecklenburgs sind 59 mechanische und 63 elektrische in Betrieb. 105 jedoch stehen still – es sind „Kirchturmuhren in Not“, wie Dikow sein 2011 aus der Taufe gehobenes Projekt nennt. Die Dokumentation soll dazu dienen, den Aufwand für eine Restaurierung abschätzen zu können. „Denn Ziel ist es natürlich, die Uhren wieder in Gang zu setzen oder wenigstens zu konservieren“, sagt der Uhrmacher.

Genau hier lag auch der Anstoß für das Projekt. Als der Schweriner Klockenschauster Uhrenseminare für interessierte Laien und Sammler anbot, erhielt er einen Anruf aus dem Landkreis Parchim: Er komme, so der Anrufer, mit dem Wunsch zum Seminar, mit dem dort erworbenen Wissen die Kirchturmuhr seines Heimatdorfes zu reparieren. Auch wenn Dikow als Fachmann diesen Eifer bremsen musste – „ein Uhrwerk ist doch eine etwas kompliziertere Angelegenheit“ – ließ ihm das Thema fortan keine Ruhe. Er machte einen Besuch bei Kirchenbaurat Karl-Heinz Schwarz, der ihn mit offenen Armen empfing. Denn zu diesem Zeitpunkt wusste niemand genau, wie viele Uhren sich in welchem Zustand unter Mecklenburgs Kirchendächern befanden. Dank einer Förderung durch die Stiftung kirchliches Bauen in Mecklenburg konnten Dikow und Weisrock 2014 mit der Erfassung beginnen.

Das bedeutete in erster Linie viel Fahrerei, viel Staub und viele Kraxeleien über teils morsche Leitern und Stufen. „Wir sind in Dörfer gefahren, von denen hätte ich nie gedacht, dass ich da mal hinkomme“, lacht Dikow. Begeistert erzählt er von spannenden Begegnungen – zum Beispiel mit einem Küster in der Rostocker Marienkirche, der auf verschiedenen Ebenen des Turms aus Fundstücken ein regelrechtes Museum zusammengetragen hatte. Und welche Kirche birgt nun die wertvollste Uhr? „Das kann ich gar nicht sagen, für mich ist jede ein Schatz“, sagt Dikow. „Die Kirchturmuhren sind jahrhundertealte Kulturgüter unseres Landes.“

Nach den Kirchturmuhren „tickte“ das Leben in der Gemeinde. Die ersten dieser Uhren entstanden in Europa zu Beginn des 14. Jahrhunderts. Es waren so genannte Schlaguhren, die über kein nach außen sichtbares Ziffernblatt verfügten, sondern mittels einer Glocke verkündeten, was „die Stunde geschlagen hatte“. Auf die Schlaguhren folgten Einzeigeruhren, die, wie der Name schon sagt, einen Zeiger für die Stundenanzeige hatten. Später wurde die Mechanik ausgefeilter – mit den verschiedensten Komplikationen. Hinter diesem Wort verbergen sich im Falle eines mechanischen Uhrwerks Zusatzfunktionen wie ein Viertel- und Halbstundenschlag. „Das macht das Uhrwerk natürlich auch anfälliger“, sagt Dikow. Je mehr Komplikationen, umso mehr Komplikationen sind möglich.

Wer von den Kirchturmuhren Mecklenburgs spricht, kommt an Johann Friedrich Heinrich Dreyer nicht vorbei. Der aus Rehna stammende Hofuhrmacher baute 1863 für die Schweriner Paulskirche seine erste Turmuhr, ausgestattet mit einer so genannten Westminsterhemmung. Edmund Beckett Denison entwarf diese Schwerkrafthemmung, die auch im Londoner Big Ben zu finden ist und die für die Verbindung zwischen Räderwerk und Ganggeber – also dem Pendel – sorgt. Ob Dreyer selbst die Uhr in London in Augenschein genommen hat – wer weiß. Viele Daten aus dessen Leben konnte Hans-Joachim Dikow nicht auftreiben. Allerdings erfuhr er aus Aufzeichnungen aus dem Kirchenarchiv, dass Dreyer 1865 für das Uhrwerk auf einer internationalen Turmuhrenausstellung in Stettin eine Silbermedaille gewann. Neben der Paulskirche baute er zum Beispiel in Bad Sülze, Stavenhagen, Dömitz und Dargun Uhrwerke.

Im Kloster von Dreyers Heimatstadt Rehna ist aktuell eine Wanderausstellung zum Projekt zu sehen, die dank der Unterstützung der Wemag verwirklicht werden konnte. Überhaupt, sagt Dikow, ist Unterstützung etwas, worauf es maßgeblich ankommt. Und deshalb ist er dankbar, dass sich in den zurückliegenden Jahren schon viele Helfer – von Privatpersonen bis Institutionen – für Kirchturmuhren in Not engagierten. Dikow jedenfalls will dem Projekt weiter Zeit widmen.

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