Kultur : Theater mit Geschichte

Das Ernst-Barlach-Theater Güstrow wurde von Georg Adolph Demmler entworfen – da war der gerade mal 24 Jahre alt.
Das Ernst-Barlach-Theater Güstrow wurde von Georg Adolph Demmler entworfen – da war der gerade mal 24 Jahre alt.

An der Güstrower Bühne nahmen große Karrieren ihren Anfang – zum Beispiel die von Hans Albers.

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15. November 2015, 09:00 Uhr

Eines der ältesten Bühnenhäuser, das in Mecklenburg in seiner ursprünglichen Form erhalten blieb, ist das erste bürgerliche Theater in Güstrow. Bis zum Eröffnungsjahr 1828 spendeten Bürger viel Geld für die Erfüllung ihres lange gehegten Wunsches, ein eigenes Theater zu besitzen. Landgerichtsrat Carl Piper und Senator Carl Daniel Lönnies verwalteten die Spendengelder sorgsam und unterstützten die Güstrower bei der Suche nach einem besonders schönen Theaterplatz. Gefunden und geschenkt bekamen sie das Grundstück unterhalb des Renaissanceschlosses am heutigen Franz-Parr-Platz von der Bürgerschaft mit dem Hinweis, dass es auch in kommenden Jahren Stadteigentum bleiben solle.

Was dann vorangetrieben wurde, geschah in der unwahrscheinlich kurzen Bauzeit von sechs Monaten: Nach Plänen des 24-jährigen Architekten und Bauleiters Georg Adolph Demmler und errichtet von Güstrower Handwerkern entstand ein kleines, klassizistisches Theatergebäude mit 365 Plätzen und moderner Bühnentechnik. Die Einweihung fand am 12. Oktober 1828 statt.

Unter Leitung des ersten Direktors ging „Hans Sachs“ von Ludwig Deinhardtstein über die Bühne, ein Schauspiel, das Richard Wagner vier Jahrzehnte später für die „Meistersinger von Nürnberg“ aufgreifen sollte. Egal, ob es Vorstellungen des festen Ensembles oder Gastspiele der Theater Schwerin, Wismar und Rostock waren: Das Haus war stets ausverkauft und das Theater ein Gewinn für das kulturelle städtische Leben im Herzen Mecklenburgs.

Von dieser Blüte berichtet Katharina Elisabeth Langfeld in einer Stadtchronik, die sie 1938 im Alter von 80 Jahren verfasste. Sie schreibt von unvergesslichen Theater- und Konzertbesuchen. Von Mimen und Musikern mit großem Talent, die ihre Bühnenlaufbahn in der kleinen Stadt an der Nebel begannen. Von dem späteren Wiener Burgschauspieler Ludwig Gabillon, der aus einer in Frankreich wegen ihres Glaubens verfolgten Familie stammte und dessen außergewöhnliche Darstellungskunst vom Güstrower Theatermann Bethmann entdeckt und gefördert wurde.

Nach der erfolgreichen und viel zu kurzen Zeit unter Leitung des aus Wien stammenden Franz Deutschinger begann für das Güstrower Theater die traurige Zeit des Niedergangs. Das Gebäude wurde Kaserne, ein Zustand, den Güstrower Bürger nicht dulden wollten. Sie protestierten gegen die Schließung und forderten, die Zweckentfremdung unverzüglich zu beenden. Es gelang ihnen, den erfahrenen Theatermann Hans Knapp mit seiner exzellent schauspielernden Ehefrau Minna Girard für Güstrow zu verpflichten. Das Paar brachte kritische Zeitstücke mit großem Erfolg auf die Bühne und sorgte mit Hermann Nolte aus Neustrelitz für die Erweiterung des Repertoires von Opern- und Operettenaufführungen.

Kapellmeister Leon Jessel qualifizierte das Theaterorchester – seinen späteren Welterfolg vom „Schwarzwaldmädel“ erlebte er allerdings nicht in Mecklenburg. Fest steht jedoch, dass das Land häufig großen Talenten als Startbahn diente. Das galt auch für Hans Albers, als er mit 21 Jahren in der Spielzeit 1912/13 in seinem Fach als jugendlicher Liebhaber an das Güstrower Haus kam. Seine Gage, zu gering zum Überleben, bewog ihn, während der Spielpausen die Bühnentechnik zu bedienen, um wenigstens auf ein Monatshonorar von 120 Mark zu kommen.

1934 wurde die Mecklenburgische Landesbühne gegründet, ein Versuch, das Güstrower Theater wieder auf das Niveau seiner Glanzzeit zu heben. Ab und zu kam es zu Gastverpflichtungen unter Hans-Detlef Jessen, dessen Einstudierungen jedoch im „Borwin“-Saal gezeigt wurden. Nach zehn Jahren Unterhaltungsmix mit Filmvorführungen und Theater kam es 1944 zur Schließung des Hauses: Wegen der zunehmenden Flüchtlingsströme wurde das Gebäude zur ersten Notunterkunft für die vielen Heimatlosen eingerichtet.

Nach Ende des 2. Weltkriegs eröffnete das Güstrower Theater als Erstes in Mecklenburg die neue Spielzeit. Die Leitung erhielt Otto Kähler. Das Drei-Sparten-Theater erfreute sich jetzt eines nicht abreißenden Publikumstroms aus Güstrow und Umgebung. Die Sinfoniekonzerte waren besonders beliebt und noch heute erinnern sich Musikenthusiasten an so herausragende Sänger wie Peter Schreier und Theo Adam als Gäste.

Ernst-Barlach-Theater hieß das Haus seit dem 1. September 1957. Mit einer Melange aus Tanz-, Sprech-und Musiktheater bot es sechs Jahre lang ein Programm, das ein ausverkauftes Haus versprach.

Danach wurde das kleine Güstrower Haus an das Volkstheater Rostock angegliedert. Heute befindet sich das Haus in Trägerschaft des Landkreises Rostock, der Spielplan beinhaltet eine Mischung aus Theateraufführungen, Konzerten und Kabarett.

Und wenn auf der Güstrower blauen Bühne Schüler des John-Brinckman-Gymnasiums ihre Inszenierungen und Musikschüler ihr Konzertprogramm darbieten, dann weht ein ganz besonderes Fluidum durch das erste bürgerliche Theater Mecklenburgs und die Suche nach außergewöhnlichen Talenten wird fortgesetzt.

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