zur Navigation springen

Flucht, Vertreibung, Neuanfang : Tausende Menschen zogen durch Karow

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Orte an Bahnstrecken und Durchgangsstraßen waren wichtige Stützpunkte für die Versorgung von Flüchtlingen

svz.de von
erstellt am 22.Apr.2017 | 00:00 Uhr

Orte an Durchgangsstraßen und Bahnstrecken wurden spätestens zu Jahresbeginn 1945 zu wichtigen logistischen Stationen für die Versorgung von Flüchtlingen. Das war auch in Karow bei Plau am See nicht anders. Unzählige Trecks, aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern kommend, waren zu diesem Zeitpunkt in das westliche Reichsgebiet unterwegs, viele von ihnen gelangten nach Mecklenburg. Gefahr drohte den Menschen von der schnell vorrückenden Roten Armee. Aber auch der Beschuss durch angloamerikanische Flugzeuge forderte Opfer – so starben viele Menschen eines Trecks nach einem Luftangriff zwischen Krakow und Karow.

In Karow setzte im Januar 1945 der Flüchtlingsstrom zunächst durch Sonderzüge ein. Aus den Aufzeichnungen eines Zeitgenossen ist überliefert, dass von der Karower Küche der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ im Januar auf dem Bahnhof Kaffee von zwei Kilogramm Kaffee-Ersatz und 673 Portionen Mittagessen ausgegeben wurden. Für Kleinkinder wurden 26 Liter Vollmilch, 2 Kilogramm Zucker und 0,5 Kilogramm Speisestärke verbraucht.

In den Aufzeichnungen ist weiter davon die Rede, dass Mitte Februar die ersten Fuhrwerke in dem Ort eintrafen – teilweise kamen jetzt pro Tag mehr als 1000 Flüchtlinge, die versorgt werden mussten. „Viele übernachteten in Karow auf dem (Guts)Hof. In der großen Hofwaschküche wurde noch ein großer Kessel aufgestellt, somit waren es 3 große Kessel. Jede Person bekam 1 Liter warmes Essen. Morgens 1 Brot für 3 Personen und Kaffee. Für jedes Pferd 5 Pfund Hafer. Die Pferde wurden in der großen Scheune auf dem Hof und im alten Kuhstall untergebracht. Die Personen schliefen auf Stroh in den damaligen Schulstuben auf dem Hof, damals war die Rostocker Oberschule im Schloß untergebracht. Für die Kleinkinder war im Schloß eine Milchküche eingerichtet“, heißt es in den Aufzeichnungen.

Es folgt eine detaillierte Aufstellung, wie viele Personen in den kommenden Tagen und Wochen in Karow übernachteten. Danach kamen vom 16. bis 28. Februar 7875 Menschen mit 1702 Wagen und 4082 Pferden und vom 1. bis 10. März 9016 Menschen mit 2004 Wagen und 4097 Pferden.

Höhepunkte waren der 2. und 3. März, an jedem dieser beiden Tage kamen mehr als 1500 Menschen nach Karow, die verpflegt und versorgt werden mussten. Bis in den April hinein sind genaue Zahlen dokumentiert. Summiert ergeben diese beispielsweise für den März, dass insgesamt im Verlaufe dieses einen Monats 18 658 Menschen mit 3789 Wagen und 8008 Pferden durch Karow zogen.

Allein vom 1. bis 5. März wurden in dem Dorf 1530 Kleinkinder betreut. In den Aufzeichnungen ist festgehalten: „In derselben Zeit wurden in der Milchküche 3110 Liter Vollmilch, 41 kg Zucker, 29,5 kg Mondamin an Kleinkinder ausgegeben. Zum Kochen und Heizen wurden verbraucht: 18 Raummeter Brennholz und 20 Zentner Briketts. Das Brot wurde vom Bäckermeister Jentz aus Goldberg geliefert. Auf dem Bahnhof Karow waren von der NS-Frauenschaft jeden Tag zwei Frauen als Bahnhofsmission eingesetzt. In der Küche wurde Kaffee ausgegeben und an angemeldete Sonderzüge Essen.“

Mit dem 7. April brechen die Aufzeichnungen ab, nicht jedoch die Zeit der Flüchtlingstrecks. Der 2. Weltkrieg endete für Karow am 2. Mai mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen.
 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen