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Geschichten aus dem Museum : Tania la Guerillera in Dabel

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Was Che Guevaras Kampfgefährtin mit einer Mecklenburger Heimatstube zu tun hat

Mitten im 1400-Seelen-Dorf Dabel, idyllisch gelegen in der Sternberger Seenlandschaft, zwischen Dabler und Holzendorfer See, steht das betagte Gebäude einer alten Schule. Mehr als 140 Jahre lang strömten tagtäglich Schüler aus dem Dorf und der Umgebung in dieses zweistöckige Backsteingebäude. 1973 änderte sich das schlagartig. Die neue Schule mit Unterrichtsräumen für 700 Schüler war fertiggestellt. Ein Kindergarten, später die Bibliothek und das Gemeindehaus zogen in das altehrwürdige Haus. In den Räumen unter dem Dach nahm die Erinnerung Platz. In einer schnelllebigen Zeit, am Ende des letzten Jahrtausends, beschlossen Dabeler Bürger zukünftigen Generationen ein Fenster in die Vergangenheit offenzuhalten, Gegenstände des Alltags zu sammeln und zu bewahren. 1997 initiierte die Leiterin der Bibliothek, Irene Jacobs, eine Arbeitsgemeinschaft, die schon im Folgejahr die „Dabeler Heimatstube“ einrichtete.

Eine schmale, knarrende Holzstiege führt zum Museum hinauf. Der Besucher fühlt sich wie ein Kind, dass sich heimlich auf den Dachboden des großelterlichen Hauses schleicht und mit klopfendem Herzen auf Schatzsuche geht. Anders als auf dem Dachboden von Oma und Opa sind alle Gegenstände, die sich in diesem geschützten Raum befinden, wohlgeordnet. „Wir haben unsere Heimatstube in einen Wirtschaftsbereich, einen technischen Bereich, einen Küchenbereich und den Wohn-Schlaf-Bereich gegliedert, außerdem gibt es ein kleines Zimmerchen mit Sammelobjekten aus den 60er Jahren“, beschreibt die Museumsleiterin, Rosemarie Bartelt, die Konzeption der Heimatstube. Die 68-Jährige übernahm vor 15 Jahren die Verantwortung für Bibliothek und Heimatstube. „Seit fünf Jahren, seit meinem Renteneintritt, betreue ich das Museum ehrenamtlich“, so die Dablerin. Zwei weitere Frauen engagieren sich in der Arbeitsgemeinschaft zur Unterstützung des Museums. Die kleine Kultureinrichtung beherbergt Schenkungen und Leihgaben. Ein seltener fahrbarer Kinderkrankenstuhl und ein großer Korbkinderwagen sind beispielsweise Leihgaben. Die Dabeler brachten Fotos und Gegenstände. „Nach dem Krieg, bis in die 80er Jahre gab es drei Schuster in Dabel, und alle hatten ihr Auskommen“, erinnert sich Rosemarie Bartelt. Meisterbriefe, Fotos, Werkstatteinrichtungen und flotte Sprüche zeugen davon. Eine originale Schusterlampe und eine interessante Preisliste gibt es zu bestaunen. Erstaunlich sind auch die riesigen Überziehschuhe. „Die trugen Kutscher und Milchfahrer“, weiß die Museumschefin zu erzählen. Rosemarie Bartelt greift in ein Regal nimmt eine Signallampe heraus und hält sie hoch. Sie stammt aus dem einstigen Dabeler Eisenbahnmuseum am stillgelegten Bahnhof. Auch Werkzeuge aus der Schmiede, der Stellmacherei und natürlich Schulsachen laden zu einer Reise in die Vergangenheit ein.

In einem kleinen Archiv können Familienforscher fündig werden. Es gibt auch Berichte und Dokumente aus der Nachkriegszeit. Etwa 500 Besucher hat das Museum jährlich, darunter war auch eine Familie aus Brasilien, wie das Besucherbuch beweist. Dorfbewohner kommen leider eher selten. Es sind hauptsächlich Gäste, die sich im Dabeler Kurhotel erholen. „Die Kurgäste haben viele Fragen. Sie interessiert, was es mit Tamara Bunke auf sich hat.“ Rosemarie Bartelt blättert in den Unterlagen auf dem Schreibtisch und lächelt verschmitzt, als sie sagt, „ja, unsere Frauengruppe hieß so“.

Tamara Bunke schloss sich als einzige Frau den Guerillakämpfern um Che Guevara im bolivianischen Untergrund an und starb als Tanja 1967 in Bolivien. Geboren wurde sie am 19. November 1937 in Buenos Aires, wohin die Eltern 1935 aus Deutschland flohen. Als 14-Jährige kam sie mit den Eltern in die DDR, lebte in Eisenhüttenstadt, legte das Abitur ab und schrieb sich an der Humboldt-Universität Berlin ein. Nebenbei arbeitete sie als Dolmetscherin. Ende der 50er Jahre verfolgte sie begeistert die politischen Veränderungen auf Kuba. 1960 traf Tamara Bunke als Übersetzerin erstmals den ebenfalls aus Argentinien stammenden Ernesto Che Guevara. Er leitete eine kubanische Wirtschafts- und Handelsdelegation, die in Berlin weilte. Ein Jahr später ging die Deutsch-Argentinierin nach Kuba. Sie studierte Journalismus und ließ sich für den Untergrundkampf ausbilden. Als den „bewegendsten Moment ihres Lebens“ bezeichnete Tamara Bunke ihre Bestellung zum Comandante Che Guevara, der sie in seinem Büro erwartete, um sie in ihre zukünftigen Aufgaben einzuweisen. 1964 schickte der kubanische Geheimdienst die 29-Jährige zur Unterstützung der Revolutionäre um Che Guevara in die bolivianische Hauptstadt La Paz. Tamara Bunke alias Tania reiste Anfang 1967 zum Stützpunkt der Guerilla in den bolivianischen Bergen. Nach ihrer Enttarnung schloss sie sich der kämpfenden Truppe an. Am 31. August 1967 geriet die Gruppe am Rio Grande in einen Hinterhalt. Fast alle Mitglieder kamen ums Leben. Eine Woche später fand man ihre Leiche im Fluss. Che Guevara wurde wenige Tage später gefangen genommen und hingerichtet. Die sterblichen Überreste von Tamara Bunke überführte man 1998 nach Kuba und setzte sie in Santa Clara bei. Der letzte Akt: Im Februar 2014 übergab Hans Modrow, der letzte Ministerpräsident der DDR, ihren Nachlass an Kuba.

Was nun Dabel damit zu tun hat? In der DDR sollen knapp 300 Organisationen und Einrichtungen den Namen Tamara Bunke getragen haben. Die DFD-Gruppe (Demokratischer Frauenbund Deutschlands) des Dorfes war eine davon. Damit verbunden war die Verpflichtung, sich intensiv mit Bunkes Lebensgeschichte zu beschäftigen. Unter anderem luden die Frauen 1984 die Eltern von Tamara, Nadja und Erich Bunke, nach Dabel ein. Am 7. Oktober 1987, im DDR-weiten „Tamara-Bunke-Jahr“, geschah etwas Ungewöhnliches. Die Frauengruppe ließ einen Gedenkstein mit dem Konterfei und der Inschrift „Tamara Bunke, Tania la Guerillera“ aufstellen. Besucher finden das Bunke-Denkmal nicht weit von der Heimatstube entfernt, mitten im Dorf Dabel, in Mecklenburg.



Heimatstube Dabel,

Tel. 038485 20207, mittwochs

geöffnet 14.00- 16.00 Uhr
Quelle : Eberhard Panitz: Der Weg zum Rio Grande. Verlag Neues Leben.

Berlin 1973




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