zur Navigation springen

Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : „Stück für Stück und Schritt für Schritt“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Sylvia Weißmann hat die Geschichte ihrer Oma Frieda Kuhn aufgeschrieben: „Die Selbstverständlichkeit eines angenehmen Lebens erscheint danach als großes Glück“

Sylvia Weißmann hat die Geschichte ihrer Großmutter Frieda Kuhn aufgeschrieben, die 2000 im Alter von 80 Jahren starb. „In den letzten Jahren ihres Lebens hat Oma viel von ,zu Hause‘ gesprochen. Man hat gemerkt, dass ihr das Herz schwer wurde“, schreibt Sylvia Weißmann. Sie hat ihrer Oma immer gut zugehört – auch „zwischen den Zeilen“, denn Erzählungen über Flucht und Vertreibung waren in der DDR nicht erwünscht. „Für meine Generation ist dieses Maß an erlebtem Leid, Unglück, Verzweiflung und Angst nicht greifbar“, resümiert Sylvia Weißmann in ihrem Bericht.

Frieda Kuhn wurde als Frieda Hermann am 31. Dezember 1920 in Wolfshöhe in Ostpreußen geboren. Wolfshöhe gehörte damals zum Kreis Pilkallen. Pillkallen wurde später in Schloßberg umbenannt. Der russische Name von Wolfshöhe lautet heute Opuschki, Pilkallen heißt Dobrowolsk. Diese Ortschaften gehörten zum Großbezirk Königsberg, dem heutigen Kaliningrad. Die mehrfachen Namensänderungen der Orte haben mich in meiner Recherche oft verzweifeln lassen.

Frieda wuchs in einer Familie mit neun Geschwistern auf. Fast in jedem Jahr wurde ein Geschwisterkind geboren. Was es bedeutet, älteste Tochter in einer zwölfköpfigen Familie zu sein, können wir uns heute nicht mehr vorstellen. Es bedeutete vor allem Arbeit. Viel Arbeit. Zu Hause, auf dem Hof und in der eigenen kleinen Landwirtschaft, die unverzichtbar war, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Wir haben aber nie gehört, dass Oma sich beklagt hat. Ganz im Gegenteil. Sie erzählte gerne von dem einfachen Zuhause, dem Zusammenhalt und der Wärme, die innerhalb dieser großen Familie herrschte.

Oma erzählte uns von Kinderspielen am Fluss, von großen Feldern, auf denen sie Garben band und zu Hocken aufstellte. Es wurden große Erntefeste gefeiert und hin und wieder Ausflüge in die große Stadt Königsberg gemacht. Oder in die benachbarte Rominter Heide.

Dass Oma vom Verlust ihrer Heimat sprach und in ihren Erzählungen das große Heimweh mitschwang, ist uns erst viel später bewusst geworden. Über Flucht und Vertreibung wurde nicht offen gesprochen. Dass früher etwas anders gewesen sein musste, haben wir als Kinder aber schon erahnt, zumal die Matrosenuniform unseres Opas auf dem Foto an der Wand ganz anders aussah als die der Streitkräfte der NVA, über die wir in der Schule unterrichtet wurden.

Erst viele Jahre später fügten sich die einzelnen kleinen Geschichten für uns zu einer großen zusammen. Mit der heranrückenden russischen Armee wurde die Angst größer und größer. In der Familie meiner Oma wurden zuerst die kleinen Geschwister „verschickt“. Man setzte sie in den Zug zu Verwandten in westlicher gelegenen Teilen Deutschlands, um sie so schon in Sicherheit zu wissen. Offiziell wurde es nämlich den Ostpreußen untersagt, das Land zu verlassen. Das galt als Landesverrat und wurde bestraft. Unsere Oma hatte mittlerweile eine kleine Tochter, unsere Mutti, die im Dezember 1943 geboren wurde. Unsere Mutti hat ihren leiblichen Vater nie kennenlernen dürfen, da er ein halbes Jahr nach ihrer Geburt gefallen ist.

1944 packte Familie Hermann die Sachen auf mehrere Pferdewagen und machte sich schweren Herzens daran, die Heimat in Richtung Westen zu verlassen. Die dann folgende Flucht stellte eine wahre Odyssee dar. Niemals im Leben möchte ich nur einen Bruchteil davon selbst erleben müssen. Woher hatten diese Menschen nur die Kraft, um nicht gänzlich daran zu zerbrechen? Unvorstellbar, wie Menschen sich in solchen Situationen immer wieder aufraffen konnten und nie den Mut verloren haben, an ein gutes Ende zu glauben. Wenn wir Oma gefragt haben: „Wie hast du das alles nur ertragen können?“ , sagte sie: „Stück für Stück und Schritt für Schritt.“

Geflüchtet wurde über das Haff. Und es hat sich tatsächlich so abgespielt wie in dem Film „Flucht“ mit Maria Furtwängler. Man ist mit den Wagenkolonnen aus Furcht vor russischen Tieffliegern hauptsächlich in der Nacht übers Eis gezogen. Und musste hilflos mit ansehen, wie links oder rechts neben dem eigenen Fuhrwerk ganze Familien in das Eis einbrachen und erbärmlich versanken. Kinder und Säuglinge, die erfroren waren, wurden auf dem Eis zurückgelassen. Mit der Zeit haben die Menschen nur noch funktioniert. Omas Familie wurde in diesen Wirren auseinandergerissen. Es war ungewiss, wo Eltern und ein Teil der Geschwister waren und ob man sich noch einmal wiedersehen würde.

Ende des Jahres 1944 war man in Mecklenburg angekommen. Die Flüchtlinge wurden auf bereitstehende Züge verteilt. Von dort sollte es weiter in das Erzgebirge gehen. Oma hatte zu dieser Zeit unsere Mutti und mehrere kleinere Geschwister bei sich. Dann passierte ein weiteres Unglück. Während eines Zugaufenthalts machte sich Oma mit einer Schwester auf den Weg, um auf dem Bahnhof frische Milch für ihr kleines Kind, etwas zu essen und warme Sachen für die kleinen Geschwister zu holen. Als sie wieder zurückkamen, war der Zug weg. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es in diesem Moment in meiner Oma ausgesehen haben mag. Der Hartnäckigkeit der drei kleinen Geschwister, die noch im Zug waren, ist es zu verdanken, dass bei der späteren Ankunft im Erzgebirge alle Geschwister und unsere Mutter zusammengeblieben sind. Die drei haben sich dermaßen an dem Kleinkind festgekrallt, dass der Pflegefamilie in Seiffen nichts anderes übrig blieb, als die komplette Bande aufzunehmen.

Für unsere Oma begann eine erneute Odyssee. Sie wurde wieder zurück nach Mecklenburg geschickt. Dort sollte sie sich registrieren, um eine Suche einleiten zu können. Das neue Zuhause für Oma wurde Groß-Roge. Dort fand sie erst einmal Unterschlupf in der Scheune eines Großbauern. Später bekam sie ein Zimmer. Inzwischen gab es Aufatmen und Nachricht aus dem Erzgebirge. Die verlorene Tochter und die vermissten Geschwister waren vom Suchdienst des Roten Kreuzes ausfindig gemacht worden.

Nach Kriegsende gab es dann auch endlich die ersehnte Nachricht von den Eltern. Sie waren am Ende ihrer Flucht in Hamburg angekommen. Beide lebten. Auch allen anderen Geschwistern war die Flucht gelungen. Die gesamte Familie meiner Oma hatte den Krieg überlebt. So ein Glück war selten.

In Groß-Roge lernte Oma ihren zweiten Mann Kurt, einen Kriegsheimkehrer aus britischer Gefangenschaft, kennen und lieben. 1947 wurde geheiratet. 1954 ein Haus gebaut. Oma blieb als Einzige von zehn Kindern in der Ostzone.

Ostpreußisch hat sie nicht mehr gesprochen. Nur ab und zu. Wenn sie geschimpft hat, hörten wir so lustige Wörter wie „Pfui Deickert“ oder „Lorbass“. Außer ein paar Kleinigkeiten, die sie während der Flucht bei sich trug, hatte sie auch keine Erinnerungsstücke. Alle Erinnerungen waren in ihrem Kopf. Nach einem Ostpreußentreffen hat sie uns stolz den Lageplan ihres Dorfes präsentiert. Sie konnte sich an jede einzelne Bauernstelle erinnern und auch an die Namen der Kinder. Das Dorf gibt es heute nicht mehr. Ihre Erinnerungen gingen ihr später auch verloren. Im Jahr 2000 ist sie kurz vor ihrem 80. Geburtstag verstorben.

Ich bin dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, ihre Geschichten zu hören, um sie auch an meine Kinder und Enkel weiterzugeben. Die Selbstverständlichkeit eines angenehmen Lebens erscheint einem danach nicht mehr als so selbstverständlich, sondern als ganz großes Glück.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen