Rostocker Pfingstmarkt : Staunen über dressierte Flöhe

Rostocker Pfingstmarkt: In der Zeitschrift „Daheim“ erschien vor rund hundert Jahren eine Zeichnung des Jahrmarkttrubels.
Rostocker Pfingstmarkt: In der Zeitschrift „Daheim“ erschien vor rund hundert Jahren eine Zeichnung des Jahrmarkttrubels.

Der Rostocker Pfingstmarkt lockte mit Schwertkünstlern, tänzelnden Affen und allerlei Gruseligem etliche Schaulustige an

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19. Mai 2018, 00:00 Uhr

Als die Hanse ihren Höhepunkt zum Ende des 14. Jahrhunderts erreichte, erhielten 1390 Kaufleute aus nah und fern Einladungen zum Rostocker Pfingstmarkt – einer damals wichtigen Handelsmesse im Ostseeraum. Wenn dieser Markt auch im Laufe der Zeit seinen ursprünglichen Charakter verlor, so ist der Markt zu Pfingsten in Rostock nie ganz erloschen. Er verwandelte sich vor etwa hundert Jahren vom Handelsmarkt in eine Art Vergnügungspark und gewann seine Anziehungskraft mehr und mehr durch Schaugeschäfte und Sensationen, Neuigkeiten sowie Originalitäten. Die Zeitungen in der Stadt berichteten ausführlich über das Spektakel.

Traditionsgemäß leiteten die Glocken der Marienkirche mit wuchtigen Schlägen den Pfingstmarkt ein. Von weit her strömten die Schaulustigen in die Stadt und an das Warnowufer. Hier lockte das Tivoli-Theater mit dem Schwertkünstler und Rollschuhläufer Chevalier Crowther, der einen geschlachteten Hammel mit einem Hieb zerteilte.

Dicht umlagert war auch Ahlers Affentheater. In diesem „Original-Affentheater und Thier-Circus“ mit über hundert dressierten Tieren traten „23 Affen der kostbarsten und seltensten Gattungen“ auf, ferner 27 Hunde aller Rassen, Zwergponys, Katzen, Feldhasen, Ziegen und Wildeber. Alle arbeiteten frei in der Manege, „theils im Ensemble und einzeln und in den elegantesten und originellsten Kostümen“. Eine Hauskapelle machte dazu in dem im amerikanischen Stil erbauten Zelt am Strande die Begleitmusik. Der Menagerie-Circus von Charles Krone hatte zu dem bunten Treiben in der Hansestadt Löwen, Königstiger, Wölfe, Hyänen und Bären mitgebracht. Nahe dem Mönchentor zeigten Kunstglasbläser, wie sie aus hauchdünnen Fäden wundersame Gespinste, gläserne Seide, Tiere in bunter Vielfalt und Flechtarbeiten zauberten.

Mit ein wenig Grausen gingen die Neugierigen in „Winklers großes anatomisches Museum“, in dem eine ganze Reihe von Naturpräparaten, eingelegt in Spiritus oder getrocknet, zu sehen war. Da gab es „Rumpfquerdurchschnitte, die von Kugeln durchschlagen waren“ und den aus Vorläufern des Kunststoffs hergestellten „anatomischen Herkulus“, der in 50 Teile zerlegbar war. Dem Schauerlichen gerade entronnen, wartete nebenan schon das „Theater der optischen Vorstellungen“, in dem Illusionisten einen Frauenkopf frei durch den Raum schweben ließen oder eine Riesenspinne mit einem Menschenkopf offerierten.

Von Jung und Alt immer wieder geliebt wurde der Flohzirkus, in dem die kleinen springlebendigen Tierchen winzige Droschken zogen, ein Karussell antrieben, auf dem Seil tanzten, zum Teil einen Goldreif am Hals trugen und „mit großem Heldenmuth gegeneinander fochten“, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt.

Die Geschichte der dressierten Flöhe reicht bis in das späte 16. Jahrhundert zurück, als englische Uhrmacher ihr außergewöhnliches handwerkliches Können unter Beweis stellten, indem sie Flöhen beispielsweise eine goldene Kette um den Hals legten. Der erste Flohzirkus wurde 1832 von dem Italiener Bertolotti betrieben, der seine Kunst in Europa und in den USA zeigte und viele Nachahmer fand.

Der Floh fand schon früh Eingang in die Volkssprache, wie etwa mit dem Ausdruck: „Das ist schlimmer als einen Sack Flöhe zu hüten“, was bedeutet, eine schwer lösbare Aufgabe erfüllen zu müssen. Wer die „Flöhe husten hört“, ahnt Veränderungen schon im Voraus – obwohl es oftmals gar nicht so kommt, wie angenommen. „Jemandem einen Floh ins Ohr setzen“ bedeutet, ihm etwas einzureden, ihn auf eine fixe Idee zu bringen, die er vorher gar nicht hatte.

Wem der Flohzirkus auf Rostocks Pfingstmarkt damals noch nicht reichte, der konnte sich außerhalb dieses Kuriositätenkabinetts an folgender Geschichte erfreuen. Während einer Vorstellung im Affentheater brach einer der gelenkigen Mitwirkenden aus, sprang zum Gaudi der Zuschauer über die Dächer der Pfingstmarktbuden, begab sich in ein Restaurant, half einer Dame beim Verzehren des Kuchens, trank anschließend ein Glas Bier und marschierte von ganz allein wieder in seinen Käfig zurück.

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