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Sommer 1918 : Sonderzug in die Blaubeeren

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Aus der Onlineredaktion

Im Juli 1918 kam es auf dem Schweriner Bahnhof zu einer skurrilen Situation. Selbst die Zugtoilette war mit Beerenpflückern gefüllt

svz.de von
erstellt am 12.Aug.2017 | 00:00 Uhr

Auf zum Blaubeerpflücken! Das sagten sich im Sommer 1918 zahlreiche Schweriner, als sie von Sonderzügen hörten, die Sammler nach Hagenow bringen sollten. Wie die „Mecklenburgische Zeitung“ zu jener Zeit berichtete, sollen bereits einen Tag vor Abfahrt der Züge mehr als 5000 Karten ausgegeben worden sein.

Heute setzt man sich einfach ins Auto – das war damals so nicht möglich. Und viele Schweriner wollten sich die Chance nicht entgehen lassen – erst recht nicht, wenn süße blaue Beeren lockten. Wunderbare Grütze, Marmelade und Kompott ließen sich daraus für den Winter herstellen. Und schon der Gedanke an leckeren Blaubeerkuchen war für manchen Antrieb genug.

Es gab aber noch einen weiteren Grund für den Ansturm auf die „Blaubeerzüge“. Der Erste Weltkrieg stand im Juli 1918 kurz vor seinem Ende. Die Lebensmittel waren knapp und teuer geworden. Viele Männer waren gefallen und die Frauen standen mit ihren Kindern allein da. Durch das Sammeln von Blaubeeren versuchten viele Menschen auch, ihren Lebensunterhalt aufzubessern.

Es gab also viele Gründe, die in diesem Sommer am Bahnhof zu einem Massenansturm der „Bickbeerpflücker“ führten. Um auch ja den Sonderzug nach Hagenow zu erreichen, rückten die Bickbeerpflücker in aller Frühe mit allerlei Gerätschaften an den Bahnsteigen an. Sie irrten sich, als sie glaubten, sie seien die Ersten: Es gab noch viele weitere Frühaufsteher. Der ganze Platz vor dem Bahnhof füllte sich allmählich mit Menschen. Die nicht gesperrten Gleise wurden besetzt und die Vorhallen waren überfüllt. Die Zeitung beschrieb die Situation so: „Jung und alt, vornehm und gering, die Frau Geheimrätin neben der einfachen Lohnfrau, der bejahrte Junggeselle und der Knirps im ersten Schuljahr waren vertreten, jeder wollte möglichst der Erste sein. Der Sonderzug stand zur Aufnahme bereit. Zu gegebener Zeit wurden die Schranken geöffnet und wo sie amtlich nicht geöffnet wurden, da schaffte die Wucht der Massen sich freie Bahn.“

Gegen diese geballte Gier nach Blaubeeren nützten keine Sperrketten, keine Wachmannschaften und Polizeiorgane hielten diesem Druck stand. Mahnende Worte und Anweisungen der Beamten verhallten ungehört. Kein Gitter war zu hoch und kein Riegel zu stark, die Menge brach durch. Am Sonderzug ging das Drängen und Schieben erst richtig los. Wo es die Pflücker mit Ellenbogenkraft nicht schafften, stiegen sie durch die Abteilfenster. Männer und Frauen wählten diesen Weg. Kopf voran, nachgeschoben und drinnen waren sie. Alles war doppelt besetzt. „In jedem Abteil eine Unmenge Menschen, im Bremskasten und im Abort nicht einer, vier und fünf mit einem Mal“, hieß es in der Zeitung. Das blieb natürlich nicht ohne Folgen: „So stark besetzt waren einzelne Wagen, dass die Federn sich durchbogen“, berichteten die Reporter weiter.

Der Zug konnte nicht pünktlich abfahren, denn die beiden Lokomotiven hatten Mühe, die endlos scheinende Wagenkette loszubringen. Nach zehn Minuten fuhr dann endlich „mit Hurra“ der erste Bickbeerzug aus der Bahnhofshalle.

Der nächste planmäßige Personenzug war genauso stark besetzt wie der erste Sonderzug. Ein letzter Sonderzug brachte gegen 7 Uhr die restlichen Bickbeerpflücker nach Hagenow. „Es war zu erwarten, dass alle schwer beladen nach Schwerin zurückkehren würden“, heißt es am Ende des Zeitungsberichtes über die damalige Bickbeerwut. Dem war dann allerdings nicht so. Hunderte Pflücker waren schon am Tag zuvor in Hagenow eingetroffen und hatten fleißig Blaubeeren geerntet. „Sie waren von Schwerin über Ludwigslust nach Hagenow gereist, wo sie in der Nacht mit den Frühzügen aus Richtung Berlin und Hamburg, aus Boizenburg und Wittenburg ankamen, als die Schweriner noch nicht aufgestanden waren“, so die Zeitung weiter.

In den 1950er-Jahren gingen meine Eltern mit mir und meinen sechs Geschwistern oft in den Wald, um Blaubeeren zu pflücken. Um etwas Geld zu bekommen, verkaufte meine Mutter meist die Beeren. Wir erwarben für das Geld dann andere Lebensmittel, denn die waren knapp und teuer. Für eine neunköpfige Familie war das eine große Hilfe. Manchmal verarbeitete meine Mutter die Beeren zu Marmelade oder bedeckte den Kuchen damit. So haben die Bickbeeren auch uns in dieser schweren Zeit geholfen, unseren Lebensunterhalt aufzubessern.

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