Schwerin : Skandal um Nackte auf dem Markt

Diese 1912 verschickte Ansichtskarte zeigt den Brunnen „Rettung aus Seenot“ an seinem ursprünglichen Platz.
Diese 1912 verschickte Ansichtskarte zeigt den Brunnen „Rettung aus Seenot“ an seinem ursprünglichen Platz.

Berwalds Brunnen „Rettung aus Seenot“ provozierte das konservative Schwerin. Kunstwerk zog später auf Bahnhofsvorplatz um

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22. Januar 2016, 00:00 Uhr

Ende des 19. Jahrhunderts erhielt Schwerin eine öffentliche Wasserversorgung und eine Kanalisation, deren Bau 1908 abgeschlossen war. Ein Marktbrunnen war schon lange der Wunsch der Schweriner und als Krönung dieses Vorhabens geplant. Mehrere Bildhauer lieferten Entwürfe. Letztlich entschied man sich für den in Schwerin geborenen Bildhauer Hugo Berwald (1863-1937). Die am 27. September 1912 verschickte Ansichtskarte zeigt den gerade eröffneten Marktbrunnen „Rettung aus Seenot“.

Wie kam Schwerin zu solch einem Brunnenmotiv ohne eigentlichen regionalen Bezug? Gestiftet hatte den Brunnen Emma Mühlenbruch, die Witwe des 1908 verstorbenen Zigarrenhändlers Johannes Mühlenbruch. Er war Mitbegründer der Warnemünder Seenotrettungsstation, heute eine Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, und 1907 hatte man ein Rettungsschiff dieser Station nach ihm benannt.

Der Brunnen zeigt zwei an einem Felsenriff gestrandete Personen. Ein kräftiger Mann rettet eine nackte junge Frau aus den Wellen der See. Vier Wasser speiende Seehunde gruppieren sich um das runde Granitbecken.

Die Arbeit an dem Brunnen war für den Bildhauer sicher nicht einfach. Im Entwurf hatte er zunächst Wasser speiende Schildkröten vorgesehen. Da dies in Schwerin für unpassend gehalten wurde, mussten sie gegen die Seehunde ausgetauscht werden. In der Kritik standen auch die Anfertigungskosten in Höhe von 60 000 Mark. Mit der Stifterin war besprochen, dass die Figuren leicht bekleidet sein sollten. So weit, so gut, es sollte anders kommen.

Am 3. Oktober 1911 wurde der Brunnen feierlich von der Witwe Mühlenbruch unter Anwesenheit vieler Schweriner Persönlichkeiten an die Stadt übergeben. Hartnäckig hält sich in Schwerin die Anekdote, dass die Stifterin und mit ihr weitere Damen der Gesellschaft nach der Enthüllung des Brunnens in Ohnmacht gefallen seien sollen. Nackte Figuren! Das war undenkbar in der konservativen Residenzstadt. Dennoch, so schön die Geschichte auch klingen mag, wahr ist sie wohl nicht. Tatsache jedoch ist, dass die Stifterin daraufhin eigens eine Richtigstellung in die Zeitung brachte, dass sie das Denkmal so nicht in Auftrag gegeben hätte. In der Mecklenburgischen Volkszeitung erschien am 20. Oktober 1911 ein Gedicht, mit dem ein Schweriner die in der Stadt herrschende Prüderie verspottete: „Schäm dich, Schwerin, daß du so tief gesunken! Sonst Tümpel der Kultur- nun in der Mitten Ein nacktes Denkmal! Und die Unken unken, Daß deine Sittlichkeit ,Schiffbruch‘ gelitten...“

Was war nun zu tun? Der Spottdichter jedenfalls hatte eine Lösung bereit. Sein Gedicht endet mit den Reimen: „Nun ist die Keuschheit hin. O laßt mich weinen, Schwerin, du bist um deinen Ruf betrogen, Oder es werden – Trost gibt's weiter keinen – Dem Denkmal Badehosen angezogen ...“

Dennoch erfreute sich der Brunnen großer Beliebtheit. Konnten doch dort die Händler, welche ihre Ware auf dem Markt anboten, gleich das Gemüse waschen oder Fuhrleute ihre Pferde tränken. Und während man während des Aufbaus und danach noch einschätzte, dass der Brunnen gut in die Umgebung des Marktes passte, schrieb der Chronist Dr. Wilhelm Jesse Jahre später: „Der an sich treffliche Brunnen leidet gleichermaßen unter seiner Umgebung, die ihn überall beengt und jede Wirkung ertötet.“ Als dann gar Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847-1934) bei seinem Schwerin-Besuch am 13. September 1925 das Erscheinungsbild des Marktplatzes kritisierte, reiften Pläne für die Umsetzung des Brunnens und der Platz vor dem Bahnhof wurde als geeigneter Standort ausgewählt. Am 1. Juli 1927 begann die Demontage des Brunnens auf dem Marktplatz und die Umsetzung an den neu gestalteten Luisenplatz, den heutigen Grunthalplatz. Der Marktplatz erhielt eine neue Pflasterung.

Noch einiges zum Hintergrund der abgebildeten Ansichtskarte: Dort ist der Markt-Automat, ein für die damalige Zeit hochmodernes, aber nur wenige Monate existierendes Restaurant, zu sehen. Es wurde am 29. November 1910 eröffnet. Die Schweriner konnten sich das Getränk ihrer Wahl selbst zapfen und aus unter Glas aufbewahrten warmen und kalten Speisen wählen. Diese Gaststätte war in der konservativen Residenz des Großherzogs der Zeit weit voraus, heute würde man sie als Selbstbedienungsrestaurant bezeichnen. Wenn auch ein Reiseführer dieser Jahre lobte: „...elegant und sehr besucht...“, so war dies wohl mehr ein Wunschgedanke. Bald musste der Markt-Automat wieder schließen. 1919 öffnete Erich Weist an dieser Stelle sein Residenzcafé, aber das ist schon eine ganz neue Geschichte...

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