Die Heilkraft des Herings : Silberlinge waren Gold wert

Auf zum Heringsfang! Die Ostsee war schon immer reich an Heringsschwärmen.  Repro: Gerds
Auf zum Heringsfang! Die Ostsee war schon immer reich an Heringsschwärmen. Repro: Gerds

Der Hering galt in der Volksmedizin als der „Gesundmacher“ und half bei Husten, Fieber, Wassersucht und Halsweh

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08. März 2016, 09:34 Uhr

Der Hering ist wieder da. Die Küstenfischer in Mecklenburg bringen gute Fänge in die Häfen. Nach wie vor ist dieser Fisch der wichtigste, der aus der Ostsee geholt wird, es ist praktisch ihr Brotfisch. Das war schon so in alten Zeiten. Der Fischfang im Mittelalter spielte sich vorwiegend an vier Plätzen ab – in der Wismarer Bucht, vor Doberan (wichtig für die klösterliche Ernährung), vor Warnemünde und Wustrow auf dem Fischland.

Von 1260 gibt es bereits einen fürstlichen Beleg, wonach Heinrich von Dortmund gemeinsam mit Friedrich von Niendorp, beide aus Wismar, besondere Vergünstigungen für den Heringsfang erhielt. 1294 wurde dann im Mecklenburgischen Urkundenbuch für Wismar ein Heringshaus erwähnt. Zu dieser Zeit war der Beruf des Heringswäschers, gelegentlich Heringswässerer genannt, in der Hansestadt vertreten. An Konservierungsmethoden gab es damals vor allem das Salzen. Wenn die Fische lange Zeit in den Salzfässern lagerten und sich eine stinkende Salzlake gebildet hatte, mussten die Heringe vor dem Verkauf durch die Heringshändler gründlich gewässert und gesäubert werden, ehe sie über den „Ladentisch“ gingen.

Den Mönchen des 1171 gegründeten Zisterzienserklosters Doberan gab Fürst Nikolaus großzügige Vergünstigungen für den Heringsfang. Entsprechende Erwähnungen über die Heringsfischerei liegen aus dem 13. Jahrhundert auch für Warnemünde vor. Auf dem Fischland waren es zu Anfang wohl vor allem Bauern, die mit ihren kleinen Booten zum Fang hinausfuhren und meist von März bis Juni mit vollen Netzen heimkehrten. Gefangen wurde mit Stellnetzen, Reusen und Angeln. Neben den küstennahen Gewässern der Ostsee war es auf dem Fischland der Bodden, der Aal, Zander, Hecht und Brachsen lieferte.

Noch älter sind die Aufzeichnungen des geistlichen Chronisten Helmold (um 1125 bis 1177), der in seiner „Chronica Slavorum“ die Christianisierung und die deutsche Besiedlung beschreibt und gleichfalls die Heringsfischerei in der Region Mecklenburg/Pommern für erwähnenswert hält.

Besonders erträglich war der Heringsfang für die Hansestädte Rostock und Wismar, als sie vom dänischen König Christian von Dänemark die Erlaubnis erhielten, vor und um Schonen die unermesslichen Heringsschwärme zu fangen und zu verkaufen. Das ging bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Danach begann die Flaute. Der Hering blieb lange aus. Was aber die frühen und reichen Fänge dieser Fischart mit sich brachten, das beschrieb vor 100 Jahren Kurt Jagow in seiner „Kulturgeschichte des Herings“. Dabei geht es unter anderem um den Hering im Sprichwort, im Aberglauben, in Fischerregeln und –sitten, in der Volksmedizin, Heraldik, in Sage und Anekdote.

Der Hering steht in Redensarten öfter als Bild des Geringwertigen und Kleinen. Wer ein schmaler Hering genannt wird, ist dürr, mager, und deshalb wird der so Genannte „hier keinen Hering braten“, nicht zum Erfolg kommen. Eng wird es auch im Heringsfass, wo die Fische zusammengepfercht liegen, ähnlich wie die Ölsardinen. Gute Heringsfänge erreichte man, wenn die Fischer nachts mit brennenden Fackeln auf Fang gingen, um die Heringe damit ins Netz zu locken. Üblich war es vielerorts vor der Reformation, dass ein Priester vor dem ersten Auslaufen Mannschaft und Boot segnete. Große Beachtung schenkten die Fischer dem Wetter. So sollte es gute Fänge geben, wenn das Frühjahr kühl war. Dagegen waren sie gering bei großer Hitze, Windstille und Trockenheit.

Hering in unterschiedlicher Form war zu den Festtagen ein fester Bestandteil des Essens. Bis heute gibt es noch oft in Mecklenburg zu Weihnachten den Heringssalat, ein Überbleibsel alter Traditionen. In einigen Regionen wurde früher ein Hering am Neujahrstag oder in der Silvesternacht gegessen. Zu Neujahr wurde ein Hering an die Kirchentür genagelt. Alles sollte Glück bringen. Viel wurde mit Hering in der Volksmedizin erreicht, wie im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ zu lesen ist. Der große Nährwert des Fisches wurde bereits früh erkannt. „Ein geflügeltes Wort lautete: Die Krankheiten verschwinden vor den Heringen wie der Nebel vor der Sonne.“

In alten Apotheken wurde Hering in vielerlei Form angeboten: Leber mit Honig gegen Zahnschmerzen, das Herings-Herz half gegen Magengeschwüre, Heringsmilch mit etwas Butter geröstet und durch ein Tuch gepresst ergab eine Salbe gegen Schmerzen und Juckreiz. Einen ungewässerten Hering zu essen (ohne danach zu trinken) war ein beliebtes Mittel gegen den Husten. Auch gegen Halsweh, Verrenkungen, gegen Warzen, Gelbsucht, Steinleiden und andere Krankheiten half der Hering. Selbst ein so bekannter Mediziner wie Hufeland (1762-1836) empfahl Heringsmilch gegen Husten und Heiserkeit. Die Heringslake galt als Allheilmittel, vor allem zur äußerlichen Anwendungen bei Brandwunden, Schlangenbiss, Geschwüren und geschwollenen Drüsen.

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