Flucht, Vertreibung, Neuanfang - Ihre Geschichte : Schmerzliche Erinnerungen an die alte Heimat

Emmi Grünwald, damals noch Krug, bei ihrer Einschulung
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Emmi Grünwald, damals noch Krug, bei ihrer Einschulung

Emmi Grünwald aus Grabow verlor ihr Zuhause im Sudetenland und baute sich in Mecklenburg ein neues Leben auf

Emmi Grünwald stammt aus Auschine im Sudetenland und musste 1946 im Alter von 16 Jahren ihre Heimat verlassen.

Mein Name ist Emmi Grünwald, geborene Krug, und ich wurde am 23. Mai 1929 in Auschine, Kreis Aussig, im Sudetenland geboren.
Ich hatte eine schöne Kindheit. Wir wohnten mit meinen Großeltern in einem Fachwerkhaus. Kühe, Schweine, Gänse und Hühner gehörten dazu. Mein Vater war Maurer und arbeitete bei Meistern in der Umgebung. 1936 wurde mein Bruder Franz geboren. Ich ging fünf Jahre in die Volksschule und von 1940 bis 1943 in die Bürgerschule, dann von 1943 bis 1944 bei einem Bauern ins Pflichtjahr. Von 1944 bis 1945 war ich Lehrling im Sudetenländischen Kohlensyndikat Aussig.

Nach Kriegsende wurden alle Deutschen, die nicht tschechisch sprechen konnten, aus den Betrieben entlassen. So habe ich bei meinen Großeltern in der Landwirtschaft geholfen. Eines Abends, am 16. Oktober 1945, musste mein Großvater zum Bürgermeister, wo man ihm sagte, dass wir am nächsten Morgen mit etwas Gepäck vor dem Haus stehen müssten. Da ging es mit mehreren Dorfbewohnern per Pferdewagen zum Aussiger Güterbahnhof und auf offenen Waggons über Prag nach Beneschau. Dort wurden wir auf Bauernhöfe verteilt. Wir – mein Großvater, 70 Jahre alt, Großmutter, 67, meine Mutter, 40, mein Bruder, 9, und ich, 16 Jahre – kamen auf einen Gutshof. Großvater und Mutter mussten im Kuhstall arbeiten und ich auf dem Feld. Die Großmutter konnte schlecht laufen, sie hat für uns gekocht. Als Deutsche mussten wir eine weiße Binde am Arm tragen. Wir wurden aber gut behandelt und waren fast ein Jahr auf dem Hof.

Eines Tages hieß es, wir kommen jetzt nach Deutschland. Zuerst ging es erst drei Wochen in ein Quarantäne-Lager. Dort wurden wir von Wanzen zerstochen. Danach in Güterwagen in die sowjetische Besatzungszone und dort gleich wieder in ein Lager in Nesow bei Rehna, Mecklenburg. Dort waren wir in Erdhütten untergebracht, wo nachts die Ratten über unsere Köpfe liefen. Es gab wenig zu essen. Wir haben abgefallene Eicheln und rohe Pilze gegessen. Unser Magen musste allerhand aushalten.

Dann mussten wir wieder in einen Zug einsteigen, um irgendwo untergebracht zu werden. In Schwerin gab es keinen Platz. In Ludwigslust war es das Gleiche. In Grabow war Endstation, aber Unterkunft gab es auch nicht. So mussten wir eine Nacht am Güterbahnhof bei Nieselregen auf unserem Gepäck übernachten. Es war der 14. September 1946.

Am nächsten Tag ging es mit dem Pferdefuhrwerk zum Bürgergarten in den Saal. Dort lag Stroh und wir kampierten dort drei Wochen lang. Nachts kamen die Russen, um sich Frauen zu holen. Wir wurden Gott sei Dank verschont.

Dann kam der strenge Winter 1946/47 und wir hatten immer noch keine Wohnung und Arbeit. Mein Vater hat sich immer aus der Gefangenschaft gemeldet, er konnte Ostern 1947 entlassen werden. Nach kurzer Zeit bekamen wir mit sechs Personen eine kleine Wohnung mit Küche und einem Zimmer. In Auschine hatten wir ein großes Haus und nun so ein Unterschied.

Die Großeltern mussten in der Küche schlafen und wir vier Personen in dem Zimmer. Ich bekam 1948 in den Kleiderwerken Arbeit. Beim Tanz im Schützenhaus lernte ich meinen Mann kennen. Wir haben dann bei den Schwiegereltern eine Wohnung ausgebaut und 1951 geheiratet, so war schon etwas mehr Platz. Mein Bruder hat in Rostock Maurer gelernt. Mein Vater war auch als Maurer beschäftigt. Es wurde alles etwas besser. Aber der Gedanke, nicht mehr in die alte Heimat zu kommen, war gar nicht so einfach. Die Eltern und Großeltern konnten kein Plattdeutsch. Die Großmutter sagte immer: Ich denke, wir sind in Deutschland, aber ich kann die Leute nicht verstehen.

Nach der Wende bin ich mit Tochter und Schwiegersohn nach Aussig gefahren. 2013 waren wir noch mal in der Heimat. Waren in Kulm, wo ich zur Volksschule ging, in Straden, wo ich im Pflichtjahr war, in Mariaschein, dem Mückentürmchen, Dubitzer Kirchlein, Burg Schreckenstein. So habe ich noch schöne Erinnerungen an die gewesene Heimat.

Ich beziehe auch den „Aussiger Boten“ seit der Wende, in dem noch immer Geschichten von der Heimat beschrieben sind. Wenn in Ludwigslust Veranstaltungen des Vertriebenen-Verbandes stattfinden, bin ich dabei. Noch bin ich Mitglied, obwohl ich schon 87 Jahre alt bin. Mein Bruder, der in Hamburg wohnt, kommt uns oft besuchen, da wird auch viel von der Heimat erzählt.

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