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Seebad Dorf Müritz : Rote Flagge bei badenden Damen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie aus dem Dorf Müritz vor rund 200 Jahren ein Seebad wurde

svz.de von
erstellt am 20.Mai.2016 | 00:00 Uhr

Etwa 200 Jahre ist es her, da kamen die ersten Badegäste nach Müritz. Aus diesem Grund gilt dieser Badeort als einer der ganz frühen in Mecklenburg. Müritz freilich ist bedeutend älter und wurde bereits 1328 erwähnt. Zu der Zeit verschenkte Heinrich II. der Löwe von Mecklenburg (1266 bis 1329) dem von ihm gestifteten Sankt-Klaren-Kloster zu Ribnitz vier Hufen des Waldes „Muryz“ (slaw. der am Meer gelegene). Das Kloster erhielt zugleich das Recht, in diesem Gebiet einen Hof für die Viehzucht zu errichten.

Dabei ging der Waldflurname Muryz auf den Klosterhof über, der nach der Reformation in einen Meierhof (Milchwirtschaft) umgewandelt wurde. Der Name wurde dann Jahrhunderte später auf die 1816 in diesem Bereich – nun schon Müritz genannt – errichteten Büdnereien übertragen. Damals waren in diesem Dorf zwölf der kleineren Bauernstellen entstanden, deren Baumaterial zum Teil aus den Fundamenten des einstigen Klosterhofes stammte.

In einem Aktenstück aus jenem Jahr ist zu lesen: „In keinem Teil der großherzoglichen Lande ist das Grundeigentum so gesucht, wie in der zwischen Warnemünde und dem Fischland gelegenen Ostseeküste. Der Grund liegt darin, dass Seefahrt, Heringsfang und überhaupt Fischerei hier einträgliche Erwerbsquellen gewähren.“

Die ersten sechs Grundstücke wurden denjenigen Matrosen vom Landesherren kostenlos zugewiesen, welche zu der Franzosenzeit (1811) nach Frankreich geschickt worden waren. Der Tourismus nahm bald darauf seinen Anfang – noch vor 1820, als der Oberforstmeister Philipp von Stenglin aus dem nahen Gelbensande auf den im Entstehen begriffenen Badeort Müritz aufmerksam machte. Es war zuerst die „bessere Gesellschaft“, die sich diese Ausflüge an das Meer leisten konnte, wie etwa Damen des Stiftes in Ribnitz oder pommersche und mecklenburgische Adlige, die angeregt durch das Beispiel Heiligendamm, Meer, Strand und würzige Waldluft als angenehm und heilend empfanden. Eine Badeanstalt gab es noch nicht. Man begnügte sich mit kleinen Unterständen zum Umkleiden und um Sitte und Anstand zu wahren, griff man zu einem einfachen Hilfsmittel. Badeten die Damen, wurde eine rote Flagge aufgezogen, waren die Herren im Wasser, flatterte ein schwarzes Banner am Mast. Der Weg aber vom Dorf zum Strand war recht beschwerlich. Andere benachbarte Badeorte lockten zu dieser Zeit schon mit mehr Komfort, sodass eine stete Entwicklung in Müritz als Badeort vorerst ausblieb. Zudem waren die Bausubstanz und die Lage der Häuser in Müritz nicht ideal für einen Seeaufenthalt. Die Rückseiten der Häuser zur See hin, wo eigentlich die schönsten Plätze der Erholung in der frischen Seeluft lagen, waren verbaut mit Ställen, Misthaufen und Aborten. Erst zwischen 1840 und 1850 machte Müritz einen zweiten, besseren Versuch, moderner zu werden. Auf einer mecklenburgischen Spezialkarte von 1851 ist schon der Name Seebad Müritz verzeichnet. Zwischen 1850 und 1860 gab es eine gewisse Belebung des Badelebens, besonders von Menschen aus der näheren Umgebung wie etwa Ribnitz. Was aber ein echtes Hindernis für die Weiterentwicklung darstellte, war die verkehrsmäßig schlechte Lage des Ortes. Regelmäßige Verbindungen über See gab es noch nicht und von der Landseite, von Ribnitz, Gelbensande oder Rövershagen, stellte die Rostocker Heide ein beträchtliches Hindernis dar – unbefestigte Wege und Schneisen, die man am besten zu Fuß oder auf dem Pferderücken bewältigen konnte. Eine Droschke, die Extrapost oder die Karriolpost (ein zweirädriger Kastenwagen mit Platz für Kutscher und zwei Personen) aus Rostock kosteten ihren Preis.

Der eigentlich wahre Aufstieg zum Seebad begann um 1875, nachdem zwei Jahre zuvor von Joachim Witt eine Badeanstalt eingerichtet worden war und am 1. Juli 1880 das Hotel „Anastasia“ mit 30 Zimmern seine Türen öffnete. Weitere Hotels entstanden danach, zudem das Teehaus, der Strandpavillon und die 350 Meter lange Seebrücke (1905 erbaut und nach Zerstörungen durch Sturmfluten nach 1993 neu errichtet). An ihr legten im Sommer täglich Dampfer aus Warnemünde mit Bade- und Tagesgästen an. Die Sommerurlauber kamen 1875-77 aus Berlin, Hamburg, Dresden, Leipzig, Marburg, Lübeck, aus ganz Mecklenburg sowie auch schon aus England, Russland und Italien. Fast zur gleichen Zeit wurde der Bau einer befestigten Chaussee von der Bahnstation Rövershagen (Rostock-Stralsund) fertiggestellt und bald bis Müritz vervollständigt. Die Zahl der Sommergäste wuchs von 3462 (1904) auf 6232 (1912), die in mehr als 50 Hotels und Logierhäusern Unterkunft fanden.

Ein besonderer Fakt auch für die touristische Entwicklung war die 1875/76 erfolgte Gründung des ersten Kinder-Asyls in Mecklenburg, dem Friedrich-Franz-Hospiz, dem heutigen Kindersanatorium „Tannenhof“. Das war jene Zeit, als die mecklenburgische Segelschifffahrt ihre Vormachtstellung in der Ostsee verlor und viele Schiffer und Matrosen die Arbeit auf See verloren. So nutzten diese die Möglichkeit, in ihren Häusern Platz für Sommergäste zu schaffen.

Der große Aufschwung als Seebad begann für Müritz 1925 (1938 zusammengefügt Graal und Müritz), als endlich die Mecklenburgische Bäderbahn die Eisenbahnstrecke am 1. Juli 1925 von Rövershagen aus an die See eröffnete und damit der mehr als zehn Kilometer lange Weg ohne Schwierigkeiten zu bewältigen war. Bis heute ist diese Linie gut frequentiert, denn immerhin kommen heute jährlich mehr als
120 000 Gäste in das Seebad.

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